Malek Khaled schaut mit Klienten über ihre Einbürgerungsanträge.
Bildquelle: WDR / Marie VandenhirtzMalek Khaled zeigt auf sein Handy: "Ablehnung." Zu sehen ist eine Mail an einen seiner Klienten. Dessen Einbürgerungsantrag wurde nach nicht einmal einem Monat abgelehnt. Der Grund: fehlende Unterlagen, wie so oft, sagt Khaled.
Der Sozialberater des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) erzählt, sein Klient sei 2016 nach Deutschland gekommen, seitdem fast durchgehend berufstätig, verheiratet, sechs Kinder, mit Lebensmittelpunkt in Gelsenkirchen.
Kaum Raum für Flexibilität
Gescheitert sei der Antrag am Sprachzertifikat und am Einbürgerungstest "Leben in Deutschland". "Er kann Deutsch sprechen, aber es einfach nicht auf dem Papier beweisen", so Khaled. Der Mann sei Analphabet und könne Texte nicht einmal in seiner Muttersprache lesen oder schreiben.
Für ihn selbst hätten Khaled und er eine Einbürgerung längst abgeschrieben – der Antrag war für seine Kinder gedacht. Denn unter 16 Jahren werden Einbürgerungsanträge zusammen mit dem Antrag der Eltern gestellt.
Das habe Khaled ausdrücklich im Freitextfeld vermerkt. Die Ablehnung kam trotzdem. "Das finde ich richtig ungerecht", sagt Khaled, der vor zehn Jahren selbst als Geflüchteter aus Syrien nach Deutschland gekommen ist.
Jeder dritte Antrag abgelehnt – fast sieben Mal mehr als im NRW-Schnitt
Gerade in Gelsenkirchen scheint es besonders schwierig, eine Einbürgerung abzuschließen. Das berichtet nicht nur Khaled aus seiner Erfahrung, das lassen auch die Zahlen vermuten.
Laut Landesbetrieb IT.NRW wurden 2025 in Gelsenkirchen 2103 Einbürgerungsanträge abgeschlossen. Mehr als jeder dritte wurde abgelehnt – fast sieben Mal mehr als im NRW-Durchschnitt.
In Bottrop, Bochum oder Essen dagegen wird fast jeder Antrag bewilligt; in Essen lag die Ablehnungsquote 2025 bei nur einem Prozent. Woher kommt der Unterschied?
Trotz gleicher Regeln ist nicht jeder Einbürgerungsantrag derselbe.
Bildquelle: dpa/Fernando Gutierrez-JuarezGleich Regeln, andere Umsetzung
Die gesetzlichen Voraussetzungen sind überall gleich. Dazu gehören mindestens fünf Jahre Aufenthalt oder gesicherter Aufenthaltsstatus. Der Antrag selbst ist dabei der wohl größte Integrationsbeweis.
Seit September 2024 läuft der nämlich bundesweit nur noch online. Und genau zum selben Zeitpunkt hat Gelsenkirchen die persönliche Beratung zu Einbürgerungsanträgen komplett eingestellt – sie sei zu zeitintensiv gewesen, so ein Stadtsprecher.
Ein in den Online-Antrag integrierter "Quick-Check" solle die Beratungsfunktion nun übernehmen. Khaled schüttelt darauf nur den Kopf. Der "Quick-Check", bei dem simple Voraussetzungen abgefragt werden, ersetze die Beratungen kaum.
Für eine kostenlose Hilfestellung sind seitdem nun die Wohlfahrtsverbände verantwortlich. Beraten oder individuelle Lösungen für herausfordernde Fälle finden, können sie aber nicht. Dafür wären weiterhin die Einbürgerungsbehörden zuständig.
"Das größte Problem ist die Technik"
Michael Mrowietz, Teamleiter für Migration und Integration beim DRK Gelsenkirchen, sieht vor allem auch eine digitale Hürde: "Ich merke wirklich, das größte Problem ist die Technik – und das technische Know-how."
Michael Mrowietz leitet den Fachbereich Migration und Integration beim Deutschen Roten Kreuz in Gelsenkirchen.
Bildquelle: WDR / Marie VandenhirtzViele Klientinnen und Klienten hätten sich jahrelang um Job, Schule und Deutschkenntnisse gekümmert, aber nie einen Laptop gebraucht. Scannen, BundID, Behördendeutsch: Für Menschen ohne PC-Erfahrung und anderer Muttersprache, betont Mrowietz, sei der Online-Antrag eine hohe Hürde.
Über eine Spende von 30 Laptops kann sein Team zumindest die Geräte stellen; an der eigentlichen Systematik ändere das wenig.
Essen berät weiter persönlich – mit Folgen für die Erfolgsquote
In Essen läuft das anders. Auch hier werden Einbürgerungsanträge zwar inzwischen online gestellt, doch gibt es immer noch eine persönliche Beratung. Die Anträge seien dadurch qualitativ besser und ließen sich schneller genehmigen, sagt eine Sprecherin der Stadt.
"Unsere Erfahrung zeigt – weil es ein kompliziertes Verfahren ist – dass diese persönliche Vorsprache und die Beratung noch ganz wichtig sind" – besonders wenn Dokumente aus den Herkunftsländern schwer zu beschaffen sind.
Gelsenkirchen will jeden Antrag abschließen
Und es gibt noch einen zweiten Unterschied: Gelsenkirchen bringt jeden Antrag konsequent zum Abschluss – auch viele liegen gebliebene Altanträge wurden 2025 abgelehnt, um Rechtssicherheit zu schaffen.
Essen stellt Anträge dagegen zurück, wenn Unterlagen fehlen, was zwar einen Antragsstau erzeugt, aber die Erfolgsaussichten erhöhe, so die Sprecherin.
„Es darf nicht zu viele Ausnahmen geben.“
Dass Gelsenkirchen "etwas konsequenter" entscheide und schneller ablehne, habe er schon gehört, sagt Dominik Meyer vom kommunalen Integrationsmanagement des DRK. Selbst erlebt habe er das in seinem Arbeitsalltag aber noch nicht.
Dominik Meyer begleitet beim DRK Gelsenkirchen Menschen auf dem Weg zur Einbürgerung.
Bildquelle: WDR / Marie VandenhirtzMan könne bei der Einbürgerungsbehörde durchaus nach alternativen Wegen fragen – am Ende entscheide die Behörde, und beim Sprachnachweis in Wort und Schrift gebe es kaum Spielraum, "weil die Einbürgerung quasi das Ende der Integration darstellt".
Keine Konsequenzen für die Stadt Gelsenkirchen
Sein Fazit: "Es darf nicht zu viele Ausnahmen geben." Die Stadt Gelsenkirchen selbst sieht in der hohen Ablehnungsquote auch keinen Anlass, ihr Verfahren zu ändern.
Khaled bleibt unterdessen ratlos, wie es für seinen Klienten weitergeht, wenn sich keine individuelle Lösung finden lässt. Er selbst werde wohl nie eingebürgert; seine Kinder müssen wohl warten, bis sie mit 16 Jahren einen eigenen Antrag stellen können.
Unsere Quellen:
- Landesbetrieb IT.NRW
- Pressesprecher Stadt Gelsenkirchen
- Pressesprecherin Stadt Essen
- Deutsches Rotes Kreuz Gelsenkirchen
- Beobachtungen der WDR-Reporterin vor Ort
Sendung: WDR.de, Warum viele Einbürgerungen in Gelsenkirchen scheitern, 10.08.2026, 05:01 Uhr