Sozialmissbrauch in Gelsenkirchen - Was steckt dahinter?
WDR. 03:57 Min.. Verfügbar bis 25.06.2028.
Als sie von dem möglichen "Patron" erzählt, der in Gelsenkirchen organisierten Betrug mit Sozialleistungen betreiben soll, redet sich Enxhi Seli-Zacharias regelrecht in Rage. Die AfD-Landtagsabgeordnete aus Gelsenkirchen erzählt von einer Person, die "in Luxus irgendwo auf der Welt" lebe und die Gelder aus Sozialleistungen abkassiere, die Zugewanderte aus Südosteuropa in Gelsenkirchen beantragt hätten.
Sie spricht von "organisierter Kriminalität" und beruft sich dabei zum einen auf nicht näher genannte Mitarbeitende der Stadtverwaltung. Die Existenz eines "Patrons" hätten ihr zum anderen Zugewanderte aus Südosteuropa bestätigt.
Enxhi Seli-Zacharias, AfD-Landtagsabgeordnete aus Gelsenkirchen
Seli-Zacharias bezieht sich dabei auf ein umstrittenes Video, dass sie auf ihrem Instagram-Account geteilt hat. Für das Video steht Seli-Zacharias scharf in der Kritik. Darin hatten sie und weitere AfD-Politiker Zugewanderte die Straße putzen lassen.
Doch wer ist dieser angebliche "Patron"? Und betreibt dieser tatsächlich organisierten Missbrauch mit Sozialleistungen, der über die bereits vielfach bekannten anderen Fälle im Ruhrgebiet hinausgeht? Nachfrage bei Monica Dalli. Sie ist selbst Rumänin und unterstützt Zugewanderte etwa beim Ausfüllen vom Anträgen.
Was "Patron" bedeutet
Zunächst klärt sie über den Begriff "Patron" auf. Was der bedeutet? "Vermieter", sagt Dalli und ergänzt: "'Patron' heißt auf Rumänisch 'Chef'. Viele kennen es so, dass mein Vermieter mein Chef ist, weil viele Vermieter sagen: 'Wenn du auf mich nicht hörst, fliegst du raus.' Für sie sind Chef und Vermieter dieselbe Person."
Hier auf der Ückendorfer Straße in Gelsenkirchen leben viele Menschen aus Rumänien.
Rumänische Zugewanderte in Ückendorf, mit denen der WDR mithilfe einer Übersetzerin spricht, bestätigen das - genauso wie die Flüchtlingshilfe der Gelsenkirchener Caritas. Sie berät Zugewanderte, etwa aus Rumänien oder Bulgarien bei Problemen, und ist dadurch mit vielen Geflüchteten in Kontakt gekommen.
Polizei hat keine Erkenntnisse
Doch was ist mit dem organisierten Missbrauch von Sozialleistungen, den der "Patron" laut AfD betreiben soll? Florian Mühlenbrock, Sprecher der Gelsenkirchener Polizei sagt dazu: "Die Polizei Gelsenkirchen hat aktuell keine Kenntnisse darüber, dass Gelder, Sozialleistungen aus Gelsenkirchen heraus zu einer Einzelperson fließen, die sich im Ausland aufhält."
In Zusammenarbeit mit anderen Behörden führe die Polizei zwar immer wieder Kontrollen in Sachen Sozialleitungsbetrug durch. "Kenntnisse über eine Neuverteilung dieser Gelder aus dem Ausland heraus liegen uns zurzeit aber nicht vor", sagt Mühlenbrock.
Rund 500 Menschen existierten nur auf dem Papier
Allerdings bedeute das nicht, dass es keinen Betrug mit Sozialleistungen gibt. Bei den Kontrollen im vergangenen Jahr stellten die Behörden laut Stadt etwa fest, dass 518 bulgarische und rumänische Menschen in Gelsenkirchen angemeldet waren, obwohl sie tatsächlich nicht dort wohnten. Sie wurden abgemeldet.
582 weitere Menschen gaben vor, einen Arbeitsvertrag zu haben, hatten aber tatsächlich keinen. Insgesamt lebten rund 12.400 Menschen aus Bulgarien und Rumänien in Gelsenkirchen.
Nutzen Arbeitgeber und Vermieter Zugewanderte aus?
Gelsenkirchens Oberbürgermeisterin Andrea Henze (SPD)
Den organisierten Betrug durch einen "Patron" kann aber auch die Stadt nicht bestätigen. Oberbürgermeisterin Andrea Henze (SPD) verweist gegenüber dem WDR ebenfalls auf die Kontrollen, "um genau zu schauen: Wo findet Leistungsmissbrauch statt und wo eben nicht?"
Fälle, bei denen mehr Menschen angemeldet werden als tatsächlich vor Ort sind, bemerkt auch die Caritas "nicht ganz so häufig", sagt Michael Niehaus, Teamleiter der Flüchtlingshilfe. Er sieht den Schwerpunkt eher woanders.
"Wir erleben, dass Menschen teilweise von den Arbeitgebern und teilweise auch von Vermietern ausgebeutet werden und da die Probleme oftmals sind." Michael Niehaus, Teamleiter Flüchtlingshilfe Caritas Gelsenkirchen
Michael Niehaus, Teamleiter der Flüchtlingshilfe der Caritas Gelsenkirchen
Viele Menschen würden zwar auf Minijob-Basis angestellt, tatsächlich müssten sie aber sechs bis acht Stunden täglich arbeiten. "Da sind die Menschen in gewisser Hinsicht erpressbar, weil man sagt: 'Du bist darauf angewiesen. Wenn ich dir den Job kündige, dann verlierst du deine Freizügigkeit, dann musst du wieder gehen", erzählt Niehaus.
Die EU-Freizügigkeit regelt, dass sich EU-Bürgerinnen und Bürgern in allen Mitgliedsstaaten aufhalten dürfen. Wenn sie länger als drei Monate bleiben wollen, brauchen sie dafür aber in der Regel eine Arbeitsstelle.
Zusatz-Miete in bar
In Sachen Vermietung fällt Niehaus immer wieder eine Variante auf: "Die Leute zahlen die reguläre Miete, die zum Teil noch vom Amt mitgetragen wird, und müssen aber zusätzlich noch weitere Gelder an diese Vermieter abgeben." Dies werde dann etwa bar bezahlt. Viele würden in überteuerten Wohnungen in schlechtem Zustand leben. Mit Blick auf Vorwürfe, die Zugewanderte aus Südosteuropa oft als Täter hinstellen, findet Niehaus deshalb:
"Wir erleben, dass die Menschen größtenteils eher erstmal Opfer sind. Der ein oder andere wird in dem Zusammenhang vielleicht auch irgendwann selber Täter. Aber als Erstes ist es so, dass die Menschen hier viel Ausbeutung erleben und dass wenig Menschen bereit sind, sich für sie einzusetzen." Michael Niehaus, Teamleiter Flüchtlingshilfe Caritas Gelsenkirchen
Potenziellen Tätern sei bewusst, dass das eine Gruppe sei, die selten zur Polizei ginge und wenig Fürsprecher habe. "Damit sind sie eine leichte Beute für jemanden, der da kriminelle Machenschaften betreiben möchte", sagt Niehaus. Er fordert, dies stärker in den Blick zu nehmen.
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit Enxhi Seli-Zacharias, AfD-Landtagsabgeordnete aus Gelsenkirchen
- Instagram-Video von Enxhi Seli-Zacharias
- WDR-Gespräch mit Florian Mühlenbrock, Sprecher der Polizei Gelsenkirchen
- Zahlen der Stadt GelsenkirchenF
- WDR-Gespräch mit Andrea Henze (SPD), Oberbürgermeisterin von Gelsenkirchen
- WDR-Gespräch mit Monica Dalli
- WDR-Gespräch mit Michael Niehaus, Teamleiter der Flüchtlingshilfe der Caritas Gelsenkirchen
Sendung: WDR.de, Sozialmissbrauch in Gelsenkirchen - was steckt dahinter?, 26.06.2026, 5 Uhr

