Dieter Homann, Ansprechpartner für Ambulant Betreutes Wohnen bei der Perthes-Stiftung in Hamm
Grausame Folter in Soest : "Wohnungslose Menschen werden oft entmenschlicht"
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Nach der monatelangen Erniedrigung und Vergewaltigung einer obdachlosen Frau in Soest sind viele fassungslos. Der WDR hat mit Dieter Homann gesprochen. Er ist Ansprechpartner für Ambulant Betreutes Wohnen bei der "Evangelischen Perthes-Stiftung" in Hamm. Wie gefährdet sind solche wohnungslose Frauen?
Für das grausame Verbrechen an der 33-jährigen Frau stehen ab Oktober vier Männer vor dem Landgericht Arnsberg. Dieter Homann schaut bei der Perthes-Stiftung in Hamm auf Menschen wie sie, die wohnungslos sind. Er hat sich mit dem Fall in Soest auseinandergesetzt und sieht die oft hilflose Situation der Frauen und die körperliche Unterlegenheit als große Gefahr an.
WDR: Herr Homann, wie viele obdachlose Menschen gibt es in Soest und wie viele sind Frauen?
Dieter Homann: In Soest gibt es ca. 30 bis 50 wohnungslose Frauen. Der Teil der Männer wird ca. 150 bis 200 sein. Die Zahlen sind aber nicht ganz fest. Die Menschen sind ja nirgendwo gemeldet.
WDR: Wie bewerten Sie den Fall in Soest? Dort ist eine wohnungslose Frau mutmaßlich von vier Männern misshandelt und vergewaltigt worden. Inwiefern ist das vielleicht auch typisch für Frauen in einer solchen Situation?
Auf dieser Terrasse hing die Frau gefesselt, so schildert es ein Nachbar.
Homann: Es ist natürlich ein extremer Fall. Typisch ist daran, dass Frauen sich in Abhängigkeitssituationen begeben. Sie sind abhängig von dem Mann, bei dem sie unterkommen können. Manche Frauen werden genötigt zu putzen, den Haushalt zu machen oder werden genötigt vielleicht ihr Geld abzugeben. Andere Frauen, wie in diesem extremen Fall, werden dann sexuell erniedrigt oder ausgebeutet.
WDR: Warum sind besonders obdachlose Frauen gefährdet?
Homann: Obdachlose Frauen haben das Problem, dass sie sich dem Ganzen rein körperlich nicht widersetzen können. Sie sind häufig gewohnt, sich schon seit der Kindheit an Männern, an einem bestehenden System zu orientieren, da freundlich mitzumachen und haben auch weniger gelernt, sich durchzusetzen, auch körperlich. Die körperliche Unterlegenheit ist hier ein großes Problem.
WDR: Welchen Gefahren sind Frauen auf der Straße ausgesetzt, die kein Obdach haben?
Homann: Auf der Straße ist das Ganze nochmal schlimmer. Sie sind zum einen der Witterung ausgesetzt, aber auch Übergrifflichkeiten auf der Straße finden immer häufiger statt. Wir hören immer häufiger von Übergriffen gegen Wohnungslose und als Frau ist man da natürlich in einer doppelt schwächeren Position. Wenn man nachts überfallen wird, ist man dem Ganzen eigentlich ausgeliefert.
WDR: Welche Rolle spielen Drogen und Sucht in solchen Konstellationen?
Homann: Wohnungslos heißt erstmal nur, keine Wohnung zu haben. Das liegt daran, dass es zu wenige gibt, die bezahlbar sind. Kommt dann eine Suchtproblematik dazu oder psychische Problematik, dann verschärft sich die Situation wesentlich. Kein Vermieter möchte jemanden haben, der Suchtmittel abhängig ist. Durch die Abhängigkeit kann ich Angebote nur schwer annnehmen.
Wichtig wäre es, die Menschen erstmal ohne Vorgaben mit einer Wohnung zu versorgen und von dort aus das Hilfesystem weiter greifen zu lassen.
WDR: Bei dem Fall aus Soest sind erschreckende Details bekannt geworden: Die Frau wurde zum Beispiel gezwungen, Kot zu essen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass dort Menschen dachten: "Mit der kann ich machen, was ich will". Wie nehmen Sie das mit ihrer Erfahrung wahr? Ist das ein Eindruck, der obdachlosen Menschen widerfährt?
Homann: Es ist schon häufig so, dass wohnungslose Menschen an Würde verlieren. Sie werden entmenschlicht. Es wird kein Mensch mehr gesehen, sondern nur noch eine obdachlose Person. Bin ich wohnungslos, bin ich vielleicht psychisch auffällig und gebrauche Drogen, dann werde ich häufig versachlicht und werde weniger wie ein Mensch behandelt.
Inwieweit das in diesem Fall eine Rolle gespielt hat, ist natürlich schwer zu sagen. Es wird sich vermutlich über eine längere Zeit entwickelt haben.
Das Interview wurde geführt von WDR-Reporterin Eva Schulze-Gabrechten.
Unsere Quellen:
- Interview mit Dieter Hohmann bei der Evangelischen Perthes-Stiftung in Hamm
Sendung: WDR 2, WDR 2 für Sauerland, Siegerland und Südwestfalen, 31.07.2026, 16:30 Uhr
Sendung: WDR 2, WDR 2 für Sauerland, Siegerland und Südwestfalen, 31.07.2026, 15:30 Uhr