Eine Frau schaut in die Kamera.

Dipl.-Psych. Ulla Graumann, Psychologische Psychotherapeutin

Bildquelle: WDR/Daniel Brocke

Erwachsene im Autismus-Spektrum "Wie ein rosa Kaninchen im Raumanzug"

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Autismus ist weit verbreitet, doch das Wissen darüber ist beschränkt. Der WDR hat mit Ulla Graumann aus Iserlohn gesprochen. Sie ist psychologische Psychotherapeutin und Autorin. In ihrer Laufbahn hat sie schon über 1.000 Autisten diagnostiziert.

Von Daniel Brocke

Als Autismus-Spektrum-Störungen werden Entwicklungsstörungen bezeichnet, die die Fähigkeiten zur Kommunikation und im sozialen Miteinander beeinträchtigen, schreibt das Bundesministerium für Gesundheit. Demnach ist etwa einer von 100 Menschen in Deutschland davon betroffen. 

Als Störung würde Ulla Graumann es nicht bezeichnen, sondern nur als eine andere Art des Menschseins, die sie von 99 Prozent der Mitmenschen unterscheidet. Dadurch seien die Betroffenen zwar anders, aber nicht krank.

WDR: Frau Graumann, wie äußert sich Autismus?

Ulla Graumann: Das Eine ist, dass Kommunikation und soziale Regeln anders funktionieren. Dass es da Schwierigkeiten gibt, bestimmte Sachen wahrzunehmen und einzuschätzen. Der zweite Teil ist die Wahrnehmung. Zum Beispiel ist das Hören bei autistischen Menschen sehr viel ausgeprägter. Und das ist halt nicht nur beim Hören, sondern auch beim Sehen, beim Spüren, beim Schmecken, beim Riechen.

Über Ulla Graumann

Ulla Graumann ist eine psychologische Psychotherapeutin aus Iserlohn. Sie hat in knapp 12 Jahren über 1.000 Autisten diagnostiziert. Über das Thema hat sie zudem gemeinsam mit Stephanie Meer-Walter ein Buch sowie einen Podcast veröffentlicht.

WDR: Wie würde jetzt ein Außenstehender einen autistischen Menschen erkennen können? Gibt es da irgendwie praktische Sachen, die man wahrnehmen kann dafür?

Ulla Graumann: Das äußert sich, wenn man es einfach neutral beschreibt, dadurch, dass autistische Menschen zum Beispiel ungern einem anderen Menschen in die Augen schauen. Oder sie geben sehr ungern die Hand, meiden Körperkontakt. Das wird dann auch oft als Ablehnung wahrgenommen. Im Kontakt ist es oft sperrig oder anders und Sie merken schon, es passt nicht ins Muster.

WDR: Viele Menschen wissen wenig über Autismus und daraus entstehen auch Vorurteile. Was ist richtig, was ist falsch?

Ulla Graumann: Ein Standardvorurteil ist, dass Autismus durch Impfen entstehen kann. Das ist einfach völliger Unfug. Außerdem sollen autistische Menschen nicht empathisch sein. Auch das stimmt nicht. Aber es stimmt, dass es Schwierigkeiten gibt zwischen neurotypischen und autistischen Menschen, weil sie eine andere Art haben, Empathie zu empfinden und auszudrücken.

WDR: Was sollten Menschen tun, die das Gefühl haben, ich habe jemanden in der Familie, im Freundeskreis oder im näheren Umfeld, der autistisch sein könnte, diese Diagnose aber noch nicht bekommen hat?

Ulla Graumann: Also erstmal sollte man ihn als Mensch einfach ernst nehmen und sich für dessen Innenwelt interessieren. Gut ist, ernst zu nehmen, wenn Unterstützung gewollt wird und die auch anbieten. Zum Beispiel telefonieren autistische Menschen ausgesprochen ungern, weil es ohne optische Hinweisreize noch schwieriger ist. Wenn jemand sagt, könntest du beim Arzt anrufen, einfach zu sagen, klar mache ich.

WDR: Was für Möglichkeiten gibt es für Diagnostik? An wen wendet man sich, um Hilfe zu bekommen?

Ulla Graumann: Es gibt offizielle Diagnosestellen, häufig angegliedert an Großkrankenhäusern. Was alle eint, ist, dass sie unfassbar lange Wartezeiten haben. Es gibt niedergelassene Ärzte und psychologische Psychotherapeuten, die auch die Diagnose stellen dürfen. Bei den meisten ist es aber so, dass sie das nicht über die Kasse abrechnen wollen oder können.

Ein Stoff-Kaninchen in einem Raumanzug

Wie ein pinkes Kaninchen im Weltall fühlt sich die Lebensrealität vieler Autisten an.

Bildquelle: WDR/Daniel Brocke

WDR: Sie haben jetzt noch ein Kaninchen hier liegen. Was genau hat es damit auf sich?

Ulla Graumann: Es ist ein rosa Kaninchen, muss man sagen. Und zwar in einem Raumanzug. Das ist das Sinnbild einer Patientin von mir gewesen, die beschrieben hat, dass das ihr Weltbild ist. Nämlich, dass sie sich nicht wie ein weißes oder braunes Kaninchen fühlt, sondern wie ein rosa Kaninchen. Also eigentlich gehört sie schon nicht zu der Gattung der Kaninchen. Der Raumanzug steht dafür, dass sie sich eigentlich auf dieser Welt nicht heimisch fühlt, sich einsam fühlt und eben unangebunden.

Das Bändchen mit den Sonnenblumen ist das internationale Zeichen für psychische Behinderung. Im englischsprachigen Raum ist es sehr bekannt, dass Menschen, die dieses Band tragen, damit signalisieren, ich könnte Unterstützung brauchen. Zum Beispiel auf Reisen. Ich kaufe diese Bänder im Hunderter-Pack und verteile die dann an autistische Menschen mit dem Ziel, dass es eben auch in Deutschland bekannter wird.

Das Interview wurde geführt von WDR-Reporter Daniel Brocke.

Wie ein rosa Kaninchen im Raumanzug

WDR 10.09.2026 1 Min. 1 Sek. Verfügbar bis 09.09.2028 WDR Online

Unsere Quellen:

  • Interview mit Dipl.-Psych. Ulla Graumann
  • Bundesministerium für Gesundheit

Sendung: WDR.de, Wie ein rosa Kaninchen im Raumanzug, 13.09.2026, 08:20 Uhr

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