Wie können Autofahrer bei den Spritpreisen entlastet werden? | WDR aktuell
Bildquelle: dpa/ Felix KönigWDR. 1 Min. 51 Sek.. Verfügbar bis 15.09.2028.
Die Spritpreise in Deutschland haben ein Rekordniveau erreicht. Laut ADAC kletterte der Liter Super E10 am Montag im Durchschnitt auf 2,28 Euro - ein neuer Höchstwert. Die Politik diskutiert nun darüber, wie die Bürgerinnen und Bürger entlastet werden könnten.
Was plant die Bundesregierung?
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kündigte am Dienstag Entlastungen bei den Spritpreisen an. Beim Unternehmertag des Handelsverbands BGA in Berlin sagte Merz, er sei der Meinung, "dass wir handeln müssen". Welche Entlastungen genau geplant sind, sagte er nicht.
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) sagte am Dienstagabend in der ARD-Talksendung Maischberger, dass er davon ausgeht, dass die Bundesregierung die Mehrwertsteuer auf Benzin und Diesel reduzieren wird: "Wir sind jetzt in Abstimmung innerhalb der Bundesregierung über die Maßnahmen."
Weiter sagt er, dass es auch eine zweite Entlastungskomponente geben wird. Hierzu nennt Schneider aber keine weiteren Details. Ordnungspolitische Eingriffe, also zum Bespiel einen "Spritpreisdeckel" hält er nicht für realistisch, dafür gebe es "keine Mehrheit mit der Union".
Diskussion um Tankdeckel
Der Präsident des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, sieht diesen Preisdeckel auch nicht als sinnvoll an. Er erklärte am Dienstagabend im WDR, ein Tankrabatt oder ein Tankdeckel sei das falsche Instrument: "Wir müssen als Gesellschaft 15 bis 20 Prozent an Öl einsparen. Und wenn man jetzt versucht die Preise für Diesel und Benzin künstlich zu senken, heißt das, dass andere Preise, wie zum Beispiel Lebensmittel, umso stärker steigen."
Könnte eine Energiepauschale wie 2022 helfen?
Was er empfiehlt, ist eine ähnliche Energiepauschale wie im Jahr 2022 und 2023: "Damals hat jeder Erwachsene 300 Euro bekommen. Man musste einen Umweg wählen, über den Arbeitgeber, über die Rente, aber es ging."
Solch eine Pauschale würde zielgenau den Menschen helfen, die es brauchen, meint Fratzscher. "Es ist ein teures Instrument - es sind 16 Milliarden Euro, aber es hilft Menschen mit geringem Einkommen eben besonders stark."
Grüne fordern Pauschale von bis zu 250 Euro pro Kopf
Genau das fordern jetzt die Grünen in einem Aktionsplan, aus dem das Redaktionsnetzwerk Deutschland am Mittwoch zitiert. Darin heißt es: "Wir wollen ihnen sozial gestaffelt eine Energiepauschale von bis zu 250 Euro auszahlen - finanziert aus den übermäßigen Milliardengewinnen der fossilen Konzerne".
Außerdem fordern sie in ihrem Plan, dass die Stromkosten gesenkt werden: "Niedrige Strompreise machen E-Mobilität, Wärmepumpen und elektrische Produktionsanlagen noch attraktiver. So beschleunigen wir den Prozess, unabhängig von steigenden Gas- und Benzinpreisen zu werden. Die Zukunft ist elektrisch."
Tankkrise als Chance für E-Mobilität
Neben dem günstigeren Strom sehen die Grünen auch eine Chance darin, die E-Mobilität zu stärken. Sie fordern zum Beispiel höhere Prämien, wenn man sich ein Elektroauto kauft: "Förderung bekommen die, die sie brauchen - plus 1000 Euro Umstiegs-Bonus on top für Menschen mit kleinem Einkommen."
Der Aktionsplan soll von der Parteivorsitzenden Franziska Brantner, dem energiepolitischen Sprecher der Bundestagsfraktion, Michael Kellner, sowie der Spitzenkandidatin bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, Claudia Müller ausgearbeitet worden sein.
Direktzahlungen an Geringverdiener?
Menschen mit geringem Einkommen möchte auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) helfen. Sie hatte am Montag staatliche Direktzahlungen an Geringverdiener ins Spiel gebracht. "Dies wäre eine Möglichkeit, schnell zu entlasten, aber dies gezielt zu tun", sagte sie bei RTL/ntv. Merz wies darauf hin, dass das Finanzministerium an einem Mechanismus für Direktzahlungen an private Haushalte arbeite. Unklar ist aber, bis zu welchem Einkommen eine Person als Geringverdiener zählt.
In der Zwischenzeit müsse man sich noch über andere Möglichkeiten unterhalten, wozu es auch Vorschläge gebe. "Wir haben im Grunde genommen mehrere Optionen", sagte der Kanzler. "Wir können verschiedene Steuern und Abgaben in den Blick nehmen, um jetzt den Verbraucherinnen und Verbrauchern in Deutschland zu helfen".
Wie würde eine Direktzahlung zu den Bürgern kommen?
Direktzahlungen wurden schon während der Energiekrise nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022 diskutiert. Damals waren sie aber technisch nicht umsetzbar. In der Zwischenzeit wurde ein Mechanismus entwickelt, über den das möglich sein soll. "Ein entsprechendes Tool liegt vor", sagt Bundeswirtschaftsministerin Reiche.
Laut Bundesfinanzministerium hat der Staat aber nur von ungefähr 19 Prozent der steuerpflichtigen Personen die notwendigen IBAN-Nummern. "Das heißt, da müsste noch einiges passieren, um wirklich an alle Bürgerinnen und Bürger, an alle Steuerpflichtigen, eine solche Leistung auszahlen zu können", heißt es aus dem Bundesfinanzministerium.
Warum senkt die Bundesregierung stattdessen nicht einfach die Spritpreise?
Direktzahlungen gelten als zielgenaue Möglichkeit, Menschen zu entlasten, die tatsächlich auf Hilfe angewiesen sind. Eine generelle Senkung der Spritpreise würde hingegen auch Menschen mit hohem Einkommen zugutekommen.
Reichere Menschen fahren in der Regel größere Autos und haben dadurch einen höheren Spritverbrauch, so das Argument vieler Wirtschaftswissenschaftler. Dadurch würden einkommensstarke Haushalte von niedrigeren Spritpreisen sogar überproportional stark profitieren, während ärmere Menschen häufig überhaupt kein Auto haben.
Einen Tankrabatt, wie es ihn im Mai und Juni gegeben hat, lehnt Bundeswirtschaftsministerin Reiche ab. Die finanziellen Spielräume dafür seien nicht da.
Wie teuer ist der Sprit in Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Ländern?
Innerhalb der EU hat Deutschland die dritthöchsten Preise für Super und die vierthöchsten Preise für Diesel. Das zeigt ein Vergleich des Statistischen Bundesamts (Stand 07.09.2026). Demnach war der Liter Super nur in Dänemark (2,63 Euro) und den Niederlanden (2,47 Euro) teurer als in Deutschland (2,33 Euro im Tagesdurchschnitt für einen Liter Super E5).
Hier seht ihr den tagesaktuellen mittleren Preis für E5, E10 und Diesel in NRW:
Im Nachbarland Belgien lag der Preis bei 1,94 Euro pro Liter, in Luxemburg bei 1,87 Euro. EU-weit am günstigsten war der Liter Super in Malta mit 1,34 Euro.
Warum sind die Spritpreise in Deutschland so hoch?
Der Hauptgrund dafür sind Steuern und Abgaben. Laut ADAC machen diese häufig mehr als die Hälfte des Gesamtpreises aus.
Je höher der Spritpreis ist, umso geringer fällt der Anteil der Steuern und Abgaben allerdings aus. Das liegt daran, dass die Energiesteuer und die CO2-Abgabe nicht prozentual erhoben werden, sondern einen fixen Betrag pro Liter darstellen. Die Mehrwertsteuer liegt hingegen bei 19 Prozent. Wenn der Preis steigt, zahlen Autofahrer also pro Liter mehr Geld an den Staat.
Ein weiterer Grund für die vergleichsweise hohen Preise in Deutschland könnten sogenannte Übergewinne sein, die möglicherweise von den Mineralölkonzernen eingefahren werden. Ob deren Preisgestaltung rechtmäßig ist, wird derzeit durch das Bundeskartellamt geprüft.
Fordert Spritpreisdeckel: Armand Zorn (SPD)
Bildquelle: ddp/Andreas GoraEs gebe "Hinweise darauf, dass die Mineralölkonzerne sich gerade auf dem Rücken der Menschen die Taschen vollmachen", sagte der stellvertretende Bundesfraktionsvorsitzende der SPD, Armand Zorn, im WDR. Im zweiten Quartal hätten die Konzerne einen Mehrgewinn von durchschnittlich 145 Prozent erreicht. "Diese Milliardengewinne sind ungerecht und unverschämt", so Zorn. Deswegen schlage die SPD einen Spritpreisdeckel vor, eine Art Preisobergrenze für Spritpreise, um Verbraucher zu entlasten.
Er gehe davon aus, sagte Zorn, dass es mit der CDU in den nächsten Tagen harte Verhandlungen geben werde, "aber dass es auch schnell eine Lösung gibt".
Unsere Quellen:
- Statistisches Bundesamt
- Nachrichtenagentur dpa
- ADAC
- Interview mit Bundeswirtschaftsministerin Reiche bei RTL/ntv
- Interview mit dem SPD-Bundesfraktionsvorsitzenden Armand Zorn in der Aktuellen Stunde
- Redaktionsnetzwerk Deutschland
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