NRW-Dörfer holen Gold, Silber und Bronze
WDR. 02:33 Min.. Verfügbar bis 01.07.2028.
In NRW leben zwar zehn Millionen Menschen in den Ballungsräumen an Rhein und Ruhr. Doch es ist nicht alles groß und städtisch bei uns, es gibt mehr Dörfer und Kleinstädte, als viele denken.
1.200 Dörfer hatten sich beworben, 26 kamen ins Finale und wurden jetzt mit Gold, Silber und Bronze für ihre zukunftsträchtigen Projekte ausgzeichnet. Darup im Kreis Coesfeld und Helberhausen im Kreis Siegen-Wittgenstein landeten ganz oben auf dem Treppchen. Lenne im Hochsauerlandkreis gewann Silber und Boisheim aus dem Kreis Viersen holte Bronze.
Womit die Dörfer das verdient haben? "Die Menschen vor Ort übernehmen Verantwortung, packen gemeinsam an und gestalten mit Ideenreichtum und Tatkraft ihre Heimat. Sie sind echte Heimat-Macherinnen und Heimat-Macher," gratulierte Bundesheimatminister Alois Rainer den Bundessiegern.
Da der ländliche Raum in der öffentlichen Wahrnehmung gerne mal zu kurz kommt, wurde schon Anfang der 1960er Jahre der Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" ins Leben gerufen. Ging es zunächst vor allem darum, dass sich Dörfer in ganz Deutschland herausputzen sollten, reichte es irgendwann nicht mehr, nur "schöner" zu werden.
Ästhetik und ein einladendes Erscheinungsbild sind nicht mehr die einzigen Kriterien, die heutzutage Relevanz haben. Wie geht man die Probleme der Klimakrise an? Was geschieht beim Thema Digitalisierung? Wie stellt man sich als moderne Gesellschaft zukunftsfest auf?
Das alles sind Fragen, die auch in Dörfern und Kleinstädten eine Rolle spielen. Daher wurde der Wettbewerb vor bald 20 Jahren umbenannt und heißt seither "Unser Dorf hat Zukunft". Ziel ist es, Anreize zu schaffen, um die Zukunft der Dörfer nachhaltig mitzugestalten und weiterzuentwickeln.
Die Jury ist kreuz und quer durch die Republik gefahren, um die Preise zu verteilen tatt sich nur durch Power-Point-Präsentationen zu klicken.
Helberhausen: Holzlöffel und Dorf-App
In Helberhausen (Kreis Siegen-Wittgenstein) herrschte deshalb am 16. Juni große Aufregung, als der Bus mit den zehn Mitgliedern der Bundesbewertungskommission vorfuhr.
Idylle im Grünen: Helberhausen
Drei Stunden, mehr Zeit blieb nicht, um die 619-Einwohner-Gemeinde im Rothaargebirge ins beste Licht zu rücken. Begrüßung, Imagefilm, Rundgang - die Jury hatte ein eng getaktetes Programm.
Erst zur Baustelle, wo bald eine Multifunktionsanlage für Sport, Spiel und Zusammenkünfte stehen soll, dann zu einem klimasicheren Baumbestand, der auf einer Kahlfläche gepflanzt und passenderweise "Zukunftswald" genannt wurde.
Und da ist ja noch die Sache mit den Löffeln: Helberhausen bezeichnet sich nämlich als "Löffelstadt". Die hier geschnitzten Holzlöffel hatten im 18. und 19. Jahrhundert einen formidablen Ruf. Bis nach Indien wurden die Löffel laut Angaben des Heimatvereins damals exportiert, nun sollten sie die Jury beeindrucken.
Löffelhandwerk hat hier Tradition
Handgeschnitzte Löffel auf der einen Seite, eine eigene Dorf-App auf der anderen: Den Menschen in Helberhausen ist es wichtig, Tradition und Moderne zu verbinden. "Wir wollen zeigen, dass wir mehr sind als eine Ansammlung von Infrastruktur", sagte Thomas Bublitz, Vorsitzender des örtlichen Schulvereins.
"Die Menschen hier wollen etwas bewegen, das ist das A und O." Auch der Jury-Vorsitzende Hans-Jörg Birner hat das "extrem hohe Engagement" im Ort bemerkt. "Das Miteinander, die Art, wie man strukturiert Projekte umsetzt - das zeichnet dieses Dorf schon besonders aus."
Boisheim: Heimat als Klebstoff
Auch in Boisheim (Kreis Viersen) hat sich die Jury umgesehen. Hier stand das ehemalige Feuerwehrgerätehaus im Mittelpunkt. Das wurde zu einem zentralen Treffpunkt umfunktioniert: Hier kann man Kaffee trinken, Veranstaltungen abhalten und im Dorfladen die nötigsten Besorgungen machen - alles auf die Beine gestellt von der Dorfgemeinschaft.
Boisheim: Hier hilft man sich selbst
"Ein Dorf hilft sich selbst" lautete das Motto für eine Gemeinde, die sich für den normalen Lebensmitteleinzelhandel offenbar nicht mehr rentiert.
Heimat ist der Klebstoff zwischen Vergangenheit und Zukunft Nils Hagemann, Bürgerverein Boisheim
Die Klimakrise spielt auch hier eine große Rolle im Dorfleben. Die Boisheimer haben ein Konzept für ihre Gemeinde erstellt, wie man den Herausforderungen der Zukunft besser gerecht wird. Das wird unter anderem bei der Planung der Grünflächen berücksichtigt.
Darup: Dorfgemeinschaft verhinderte Schulschließung
Genau wie die anderen drei Gemeinden hat auch Darup (Kreis Coesfeld) im vergangenen September im Landesentscheid des Wettbewerbs Gold geholt und sich so für den Bundeswettbewerb qualifiziert.
Dabei ist einer der Gründe für die erfolgreiche Bewerbung eher dramatisch: Im Mai 2020 fing der Dachstuhl der Grundschule in der 2.100-Seelen-Gemeinde Feuer. Geregelter Unterricht war dort nicht mehr möglich, es stand im Raum, den Schulstandort Darup zu schließen.
26 Dörfer haben es ins Bundesfinale geschafft
Doch Elternschaft, Vereine und die Bürger vor Ort gingen auf die Barrikaden und machten sich stark für die Sebastianschule. Das wirkte: 2024 konnte der Schulneubau eingeweiht werden. "Ein kraftvolles Zeichen", das den "starken Zusammenhalt" im Ort zeige, wird Darup in den Wettbewerbsunterlagen attestiert.
Clevere Dörfer: Darup
Servicezeit. 23.02.2026. 05:18 Min.. Verfügbar bis 23.02.2028. WDR.
Auch dem letzten Gasthaus im Ort drohte die Schließung. Doch dann hieß es: "Komm, wir kaufen unsere Dorfkneipe". Die Daruper taten sich kurzerhand in einer Bürgergenossenschaft zusammen, die Anteile verkaufte und so den Weiterbetrieb sicherte. Seitdem sind rund 1.000 Daruperinnen und Daruper Kneipenbesitzer.
Lenne: Das Dorf als Begegnungsstätte
Der kleinste Ort unter den vier NRW-Bewerbern ist Lenne im Hochsauerlandkreis. Hier leben gerade mal 387 Menschen, die aber den Wettbewerb sehr ernst nehmen. Man habe sich mehrere Jahre vorbereitet, sagt Ortsvorsteher Michael Rickert.
Besonders im Mittelpunkt steht in Lenne das Miteinander, und zwar über die Generationen hinweg. Egal ob im Gemeindegarten oder auf dem Spielplatz - wichtig ist, dass sich Jung und Alt begegnen und im Austausch bleiben. Es gibt regelmäßige Gesprächskreise, in denen sich das ganze Dorf trifft, um Ideen zu sammeln, aber auch um Konflikte zu moderieren.
Unser Dorf hat Zukunft - Golddorf Lenne im Sauerland
Lokalzeit am Samstag. 08.11.2025. 12:34 Min.. UT. Verfügbar bis 08.11.2027. WDR. Von Petra Dierks.
Ehrenamt, Identität und Infrastruktur seien in Lenne "ungewöhnlich dicht", befanden die "Unser Dorf hat Zukunft"-Organisatoren. Tatsächlich kümmern sich sechs ehrenamtlich engagierte Dorfbewohner um die Wasserversorgung, die aus zwei Quellen in der Nähe gespeist wird.
Jury ist 5.000 Kilometer durchs Land gefahren
Rund 5.000 Kilometer hat die Jury im Bus auf ihrem Weg von Dorf zu Dorf durch Deutschland zurückgelegt, um sich die 26 Dörfer in der Endrunde anzusehen. Jetzt ist die Entscheidung, wer 15.000 (Gold), 10.000 (Silber) oder 5.000 Euro (Bronze) bekommt, gefallen.
Juryvorsitzender Hans-Jörg Birner
Die große Siegerehrung findet am 22. Januar 2027 während der Grünen Woche im Rahmen eines großen Dorffestes statt - und das mitten in Berlin. Am 2. Februar 2027 haben die Delegationen aus den Sieger-Dörfern dann noch einen Termin beim Bundespräsidenten.
Unsere Quellen:
- Nachrichtenagenturen dpa, AP
- Sozialbericht des Ministeriums für Soziales NRW
- Bundesheimatministerium: Aktion "Unser Dorf hat Zukunft"
- Heimatverein Helberhausen
- WDR-Recherchen vor Ort
Sendung: WDR.de, Vier NRW-Dörfer wollen "Zukunftspreis gewinnen, 01.07.2026, 7:55 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Südwestfalen, 01.07.2026, 19:30 Uhr
