Es ist eine Horrorvorstellung: Mitten in einer Hitzewelle bei Temperaturen um fast 40 Grad bleibt der Zug, in dem man gerade sitzt, auf freier Strecke stehen. Nichts geht mehr. Keine Klimaanlage, keine Lüftung. Die Sonne knallt aufs Dach, die Fenster lassen sich nicht öffnen. Langes Warten auf die Evakuierung.
Mehrere Bahn-Evakuierungen in der Juni-Hitzewelle
In der Hitzewelle im Juni gab es gleich mehrere solcher Evakuierungen, zum Beispiel eines Eurostars in Paris auf dem Weg nach Köln. Stundenlang waren die Fahrgäste bei brütender Hitze eingesperrt.
In Bonn-Friesdorf blieb ein RE5 von National Express liegen. Die Hitze hatte der Technik zu schaffen gemacht. Am Ende fiel auch hier die Klimaanlage aus. 475 Fahrgäste mussten den Zug verlassen. Drei kamen ins Krankenhaus. Ein Großeinsatz für Feuerwehr und Rettungsdienste.
Zahlreiche Zug-Ausfälle in NRW bei National Express
Es war nicht der einzige Ausfall bei National Express in NRW an jenem Hitzetag. Etwa 30 der 84 Züge seien "nicht mehr zuverlässig einsatzbereit" gewesen, so das Unternehmen. Vorsorglich stellte es am Folgetag den Betrieb mehrerer Regionalexpress-Linien sechs Stunden lang komplett ein.
Darüber hinaus sei es an den heißen Junitagen in NRW auch bei der NordWestBahn, Eurobahn, RheinRuhrBahn sowie bei DB Regio zu Ausfällen gekommen, berichtet WDR-Bahn-Experte Niklas Hoth.
Störungen durch Hitze auch bei der Bahn-Infrastruktur
Störmeldungen habe es auch vermehrt mit Weichen gegeben, so Hoth. Stahl dehnt sich bei Hitze aus. Das macht den Schienen und dem Gleisbett zu schaffen. Außerdem würden bei Hitze Schweißarbeiten erschwert, teilt die Deutsche Bahn auf WDR-Anfrage mit. Leit- und Sicherungstechnik könne ausfallen, Böschungen könnten sich entzünden.
All das bremst Züge und Reisende aus. Vorsorglich verkündete die Deutsche Bahn daher an den Hitzetagen, dass Fahrgäste bereits gekaufte Tickets kostenlos stornieren dürften.
Wie der Bahnverkehr auch in der Hitze läuft
Was lässt sich tun, damit der Bahnverkehr für künftige Hitzewellen gewappnet ist? Die gute Nachricht: Zumindest bei den Zügen sind weitere Verbesserungen absehbar.
Schon jetzt komme es durch die Erneuerung der Fuhrparks der Bahn-Betreiber viel seltener zu Ausfällen von Klimaanlagen als noch vor einigen Jahren, sagt Hoth. "Gerade der ICE 4 und der ICE 3neo funktionieren in dieser Hinsicht super." Probleme mache da vor allem der alte Zugtyp ICE 3. Das bestätigt auch die Deutsche Bahn:
Die Klimaanlagen der neuen Fahrzeuge sind leistungsfähiger und erfüllen den Komfortanspruch bis zu einer Außentemperatur von plus 40 Grad Celsius und sind funktionsfähig bis 54 Grad Celsius. Deutsche Bahn
Auch bei der Eurostar-Panne in Paris könnte das ältere Baujahr eine Rolle gespielt haben. Eine WDR-Anfrage zur genauen Ursache ließ die Eurostar Group bislang offen.
Sonderfall National Express: Die Züge sind noch neu
Umso verwunderlicher sind die Technik-Probleme bei National Express. Denn die Siemens-Züge der Baureihe 462 Desiro HC RRX sind noch ziemlich neu. Ausgeliefert wurden sie in den Jahren 2018 bis 2020.
Wie Siemens Mobility und National Express Rail auf WDR-Anfrage mitteilen, sei man noch dabei, die genauen Ursachen der Probleme an den Hitzetagen zu analysieren. National Express betont: Das Ziel sei auch, "die Fahrzeuge mit Blick auf zukünftige Hitzewellen robuster aufzustellen".
Schwieriger Hitze-Schutz bei der Bahn-Infrastruktur
Im Gegensatz zu den Zügen sei es bei der Infrastruktur - also etwa den Gleisen und Stellwerken - deutlich schwieriger, sie gegen Hitzewellen zu wappnen, sagt Bahn-Experte Hoth:
Die Bahn hat da draußen ganz viel Technik. Wenn bei extremer Hitze auch noch die ganze Zeit die Sonne draufknallt, ist die Technik irgendwann am Ende. Niklas Hoth, WDR-Bahn-Experte
Bei den Weichen zum Beispiel sei es gar nicht immer der Stahl, der Probleme mache, so Hoth. Stattdessen komme es bei extremer Hitze nicht selten zu Störungen der Sensoren, die eigentlich dafür da sind, Störungen der Weichen zu melden. Dann müsse jedes Mal ein Techniker ausrücken, um zu überprüfen, was das wirkliche Problem ist.
Temperatur-Sensoren an relevanten Stellwerken
Trotzdem versucht die Deutsche Bahn, auch die Infrastruktur gegen Hitze-Probleme zu wappnen. So habe man zum Beispiel an "besonders relevanten Stellwerken Temperatur-Sensoren angebracht", sodass die dortigen Klimaanlagen "frühzeitig überprüft werden, bevor es zu einer Störung kommen kann".
Außerdem gibt es, wie die Bahn weiter mitteilt, an "repräsentativen Stellen im Schienennetz" Temperatur-Messer, sodass man geplante Schweißarbeiten rechtzeitig verlegen kann. Darüber hinaus werden Farbbeschichtungen an Leit- und Sicherungsanlagen erprobt, sodass die Sonne besser reflektiert und Hitze damit abgehalten wird.
Auch Böschungsbrände lassen sich nur bedingt verhindern. Die Böschungen an den Strecken werden regelmäßig gepflegt. Außerdem kontrolliert die Bahn die Bremstemperatur von Zügen, "um zu verhindern, dass heiß gelaufene Bremsen Brände verursachen".
Ist ein Hitze-Notfall eingetreten, kommt es auf die richtige Reaktion an. Die Deutsche Bahn nennt beispielsweise ausgefallene Klimaanlagen in einzelnen Wagen. Das Zugpersonal setze die Fahrgäste dann schnellstmöglich um. Und: "Alle Fernverkehrszüge führen ausreichend Wasservorräte mit sich, die bei Bedarf verteilt werden."
Zug-Evakuierungen: Eisenbahn-Bundesamt sieht Nachholbedarf
Auf die richtige Reaktion kommt es auch an, wenn Züge liegen bleiben und evakuiert werden müssen. Gerade hierbei mahnte die zuständige Aufsichtsbehörde in der Vergangenheit Nachholbedarf an:
"Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) stellt fest, dass es in den vergangenen Jahren wiederholt zu Unzulänglichkeiten beim Umgang mit liegengebliebenen Reisezügen kam." Eisenbahn-Bundesamt, Fachmitteilung von 2025
"Diese Fälle waren oft dadurch gekennzeichnet, dass sie sich durch verzögerte oder qualitativ unzureichende Reaktion der involvierten Eisenbahnen zu Gefahrensituationen entwickelten, die im Einzelfall nur noch mit externer Hilfe (Feuerwehr, Rettungsdienst, Einheiten des Katastrophenschutzes) bewältigt werden konnten", so das EBA im vergangenen Jahr.
Mittlerweile sei eine Besserung zu beobachten, sagt eine EBA-Sprecherin dem WDR: "Nach gegenwärtigem Erkenntnisstand zeigen sich die Unternehmen zunehmend sensibilisiert für das Thema." Außerdem scheine sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass es im Fall eines liegen gebliebenen Zuges "einer engen Abstimmung zwischen den beteiligten Unternehmen bedarf".
Man könne also durchaus noch manches tun, um den Zugverkehr für künftige Hitzewellen widerstandsfähiger zu machen, sagt WDR-Bahn-Experte Hoth. Ganz verhindern werde man Notfälle, Ausfälle und Verspätungen durch extreme Hitze aber nie, ist er überzeugt. "Ausnahmesituationen sind Ausnahmesituationen."
Sind Hitzewellen der Kollaps für den Zugverkehr?
WDR. 01:41 Min.. Verfügbar bis 01.07.2028.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit WDR-Bahnexperte Niklas Hoth
- WDR-Interview mit Andreas Leue, operativer Geschäftsführer von National Express Rail, vom 27. Juni 2026
- Auf WDR-Anfrage: Antwort von National Express zum aktuellen Stand der Wartungen
- WDR-Interview mit einem Passagier des liegen gebliebenen Eurostars
- Auf WDR-Anfrage: Eurostar-Stellungnahme zur Panne
- Auf WDR-Anfrage: Antwort einer Sprecherin des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA) zu Evakuierungen
- EBA-Fachmitteilung von 2025 zu Evakuierungen
- Auf WDR-Anfrage: Informationen der Deutschen Bahn zum Umgang mit Hitze
- Auf WDR-Anfrage: Antwort von Siemens Mobility zu den Zügen von National Express
- Nachrichtenagenturen dpa und AFP
Sendung: WDR.de, Sind Hitzewellen der Kollaps für den Zugverkehr?, 03.07.2026, 14:51 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 03.07.2026, 18.45 Uhr
Kommentare zum Thema
„Alle reden vom Wetter. Wir nicht“, Deutsche Bundesbahn 1966. „Die SBB (Schweiz) fährt vorneweg – die Deutsche Bahn bleibt auf der Strecke“, Neue Züricher Zeitung 3.10.2025. „Zum Kollaps des Zugverkehrs“ führt keine Hitze- oder Kältewelle sondern deutsche Verkehrspolitik, besonders seit dem Drang zu Privatisierung und Wettbewerb auf der Schiene. Nach meiner Meinung sollte man alles wieder in die Tonne kloppen, Deutsche Bundesbahn mit Monopol wieder einführen und vielleicht ein paar Manager der Schweizerische Bundesbahnen (SBB) abwerben. In der Schweiz klappt es selbst wenn Berge im Weg sind.
Und jetzt hat die Bundesnetzagentur angeordnet, daß den privaten Wettbewerbern mindestens zu 25 % der Zugang zum deutschen Schienennetz zu gewähren ist - natürlich auf den lukrativen Strecken. Da fehlt dann der Bahn entsprechend diese Einnahmen, um die Infrastruktur instand zuhalten bzw zu modernisieren. Ich halte dies von der Bundesnetzagentur schon für verantwortungslos.
Kein wenn und aber: Liegen gebliebene Züge müssen unverzüglich geräumt werden. Stundenlanges Warten ist nicht akzeptabel. Wer zu lang in einem Zug festgehalten wird, sollte sich vom Rettungsdienst (Tel. 112) befreien lassen. Ein Kreislaufproblem liegt dann immer vor...