Wenn Bahnen an ihre Grenzen kommen: Lehren aus der Hitzewelle

Aktuelle Stunde 03.07.2026 29:17 Min. UT Verfügbar bis 03.07.2028 WDR Von Gereon Helmes

Bahn in Bedrängnis Führen Hitzewellen zum Kollaps des Zugverkehrs?

Stand:

In der Hitze kommt der Bahnverkehr an seine Grenze. Züge fallen aus und müssen evakuiert werden. Klimaanlagen, Stellwerke und Weichen machen schlapp. So wappnen sich die Bahnen für künftige Hitzewellen.

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Es ist eine Horrorvorstellung: Mitten in einer Hitzewelle bei Temperaturen um fast 40 Grad bleibt der Zug, in dem man gerade sitzt, auf freier Strecke stehen. Nichts geht mehr. Keine Klimaanlage, keine Lüftung. Die Sonne knallt aufs Dach, die Fenster lassen sich nicht öffnen. Langes Warten auf die Evakuierung.

Mehrere Bahn-Evakuierungen in der Juni-Hitzewelle

In der Hitzewelle im Juni gab es gleich mehrere solcher Evakuierungen, zum Beispiel eines Eurostars in Paris auf dem Weg nach Köln. Stundenlang waren die Fahrgäste bei brütender Hitze eingesperrt. 

Rettungskräfte versorgen Passagiere des liegengebliebenen Regionalzuges in Friesdorf

Rettungskräfte versorgen Fahrgäste des liegen gebliebenen Zuges in Bonn-Friesdorf.

In Bonn-Friesdorf blieb ein RE5 von National Express liegen. Die Hitze hatte der Technik zu schaffen gemacht. Am Ende fiel auch hier die Klimaanlage aus. 475 Fahrgäste mussten den Zug verlassen. Drei kamen ins Krankenhaus. Ein Großeinsatz für Feuerwehr und Rettungsdienste.

Zahlreiche Zug-Ausfälle in NRW bei National Express

Es war nicht der einzige Ausfall bei National Express in NRW an jenem Hitzetag. Etwa 30 der 84 Züge seien "nicht mehr zuverlässig einsatzbereit" gewesen, so das Unternehmen. Vorsorglich stellte es am Folgetag den Betrieb mehrerer Regionalexpress-Linien sechs Stunden lang komplett ein.

WDR-Bahnexperte Niklas Hoth in einem Interview bei WDR aktuell

Niklas Hoth, WDR-Bahn-Experte

Darüber hinaus sei es an den heißen Junitagen in NRW auch bei der NordWestBahn, Eurobahn, RheinRuhrBahn sowie bei DB Regio zu Ausfällen gekommen, berichtet WDR-Bahn-Experte Niklas Hoth. 

Störungen durch Hitze auch bei der Bahn-Infrastruktur

Störmeldungen habe es auch vermehrt mit Weichen gegeben, so Hoth. Stahl dehnt sich bei Hitze aus. Das macht den Schienen und dem Gleisbett zu schaffen. Außerdem würden bei Hitze Schweißarbeiten erschwert, teilt die Deutsche Bahn auf WDR-Anfrage mit. Leit- und Sicherungstechnik könne ausfallen, Böschungen könnten sich entzünden. 

All das bremst Züge und Reisende aus. Vorsorglich verkündete die Deutsche Bahn daher an den Hitzetagen, dass Fahrgäste bereits gekaufte Tickets kostenlos stornieren dürften.

Wie der Bahnverkehr auch in der Hitze läuft

Was lässt sich tun, damit der Bahnverkehr für künftige Hitzewellen gewappnet ist? Die gute Nachricht: Zumindest bei den Zügen sind weitere Verbesserungen absehbar. 

Ein Bahnmitarbeiter hängt einen Informationszettel über eine defekte Klimaanlage auf

Zugbegleiter befestigt Aufkleber: "Klimaanlage defekt"

Schon jetzt komme es durch die Erneuerung der Fuhrparks der Bahn-Betreiber viel seltener zu Ausfällen von Klimaanlagen als noch vor einigen Jahren, sagt Hoth. "Gerade der ICE 4 und der ICE 3neo funktionieren in dieser Hinsicht super." Probleme mache da vor allem der alte Zugtyp ICE 3. Das bestätigt auch die Deutsche Bahn:

Die Klimaanlagen der neuen Fahrzeuge sind leistungsfähiger und erfüllen den Komfortanspruch bis zu einer Außentemperatur von plus 40 Grad Celsius und sind funktionsfähig bis 54 Grad Celsius. Deutsche Bahn

Auch bei der Eurostar-Panne in Paris könnte das ältere Baujahr eine Rolle gespielt haben. Eine WDR-Anfrage zur genauen Ursache ließ die Eurostar Group bislang offen.

Sonderfall National Express: Die Züge sind noch neu

Rhein-Ruhr-Express

Ein National-Express-Zug der Reihe 462 Desiro HC RRX

Umso verwunderlicher sind die Technik-Probleme bei National Express. Denn die Siemens-Züge der Baureihe 462 Desiro HC RRX sind noch ziemlich neu. Ausgeliefert wurden sie in den Jahren 2018 bis 2020. 

Wie Siemens Mobility und National Express Rail auf WDR-Anfrage mitteilen, sei man noch dabei, die genauen Ursachen der Probleme an den Hitzetagen zu analysieren. National Express betont: Das Ziel sei auch, "die Fahrzeuge mit Blick auf zukünftige Hitzewellen robuster aufzustellen".

Schwieriger Hitze-Schutz bei der Bahn-Infrastruktur

Im Gegensatz zu den Zügen sei es bei der Infrastruktur - also etwa den Gleisen und Stellwerken - deutlich schwieriger, sie gegen Hitzewellen zu wappnen, sagt Bahn-Experte Hoth:

Die Bahn hat da draußen ganz viel Technik. Wenn bei extremer Hitze auch noch die ganze Zeit die Sonne draufknallt, ist die Technik irgendwann am Ende. Niklas Hoth, WDR-Bahn-Experte

Bei den Weichen zum Beispiel sei es gar nicht immer der Stahl, der Probleme mache, so Hoth. Stattdessen komme es bei extremer Hitze nicht selten zu Störungen der Sensoren, die eigentlich dafür da sind, Störungen der Weichen zu melden. Dann müsse jedes Mal ein Techniker ausrücken, um zu überprüfen, was das wirkliche Problem ist.

Temperatur-Sensoren an relevanten Stellwerken

Trotzdem versucht die Deutsche Bahn, auch die Infrastruktur gegen Hitze-Probleme zu wappnen. So habe man zum Beispiel an "besonders relevanten Stellwerken Temperatur-Sensoren angebracht", sodass die dortigen Klimaanlagen "frühzeitig überprüft werden, bevor es zu einer Störung kommen kann".

In einem Gleisbett wurden Schienen weiß gefärbt, als Vorkehrung gegen die Hitze

Weiße Schienen zum Schutz vor Hitze

Außerdem gibt es, wie die Bahn weiter mitteilt, an "repräsentativen Stellen im Schienennetz" Temperatur-Messer, sodass man geplante Schweißarbeiten rechtzeitig verlegen kann. Darüber hinaus werden Farbbeschichtungen an Leit- und Sicherungsanlagen erprobt, sodass die Sonne besser reflektiert und Hitze damit abgehalten wird.

Auch Böschungsbrände lassen sich nur bedingt verhindern. Die Böschungen an den Strecken werden regelmäßig gepflegt. Außerdem kontrolliert die Bahn die Bremstemperatur von Zügen, "um zu verhindern, dass heiß gelaufene Bremsen Brände verursachen".

Ist ein Hitze-Notfall eingetreten, kommt es auf die richtige Reaktion an. Die Deutsche Bahn nennt beispielsweise ausgefallene Klimaanlagen in einzelnen Wagen. Das Zugpersonal setze die Fahrgäste dann schnellstmöglich um. Und: "Alle Fernverkehrszüge führen ausreichend Wasservorräte mit sich, die bei Bedarf verteilt werden."

Zug-Evakuierungen: Eisenbahn-Bundesamt sieht Nachholbedarf

Auf die richtige Reaktion kommt es auch an, wenn Züge liegen bleiben und evakuiert werden müssen. Gerade hierbei mahnte die zuständige Aufsichtsbehörde in der Vergangenheit Nachholbedarf an:

"Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) stellt fest, dass es in den vergangenen Jahren wiederholt zu Unzulänglichkeiten beim Umgang mit liegengebliebenen Reisezügen kam." Eisenbahn-Bundesamt, Fachmitteilung von 2025

"Diese Fälle waren oft dadurch gekennzeichnet, dass sie sich durch verzögerte oder qualitativ unzureichende Reaktion der involvierten Eisenbahnen zu Gefahrensituationen entwickelten, die im Einzelfall nur noch mit externer Hilfe (Feuerwehr, Rettungsdienst, Einheiten des Katastrophenschutzes) bewältigt werden konnten", so das EBA im vergangenen Jahr.

Mittlerweile sei eine Besserung zu beobachten, sagt eine EBA-Sprecherin dem WDR: "Nach gegenwärtigem Erkenntnisstand zeigen sich die Unternehmen zunehmend sensibilisiert für das Thema." Außerdem scheine sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass es im Fall eines liegen gebliebenen Zuges "einer engen Abstimmung zwischen den beteiligten Unternehmen bedarf".

Man könne also durchaus noch manches tun, um den Zugverkehr für künftige Hitzewellen widerstandsfähiger zu machen, sagt WDR-Bahn-Experte Hoth. Ganz verhindern werde man Notfälle, Ausfälle und Verspätungen durch extreme Hitze aber nie, ist er überzeugt. "Ausnahmesituationen sind Ausnahmesituationen."

Sind Hitzewellen der Kollaps für den Zugverkehr?

WDR 01:41 Min. Verfügbar bis 01.07.2028

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Unsere Quellen:

  • Gespräch mit WDR-Bahnexperte Niklas Hoth
  • WDR-Interview mit Andreas Leue, operativer Geschäftsführer von National Express Rail, vom 27. Juni 2026
  • Auf WDR-Anfrage: Antwort von National Express zum aktuellen Stand der Wartungen
  • WDR-Interview mit einem Passagier des liegen gebliebenen Eurostars
  • Auf WDR-Anfrage: Eurostar-Stellungnahme zur Panne
  • Auf WDR-Anfrage: Antwort einer Sprecherin des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA) zu Evakuierungen
  • EBA-Fachmitteilung von 2025 zu Evakuierungen
  • Auf WDR-Anfrage: Informationen der Deutschen Bahn zum Umgang mit Hitze
  • Auf WDR-Anfrage: Antwort von Siemens Mobility zu den Zügen von National Express
  • Nachrichtenagenturen dpa und AFP

Sendung: WDR.de, Sind Hitzewellen der Kollaps für den Zugverkehr?, 03.07.2026, 14:51 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 03.07.2026, 18.45 Uhr

Kommentare zum Thema

8 Kommentare

  • 8 Oldtimer 03.07.2026, 20:48 Uhr

    „Alle reden vom Wetter. Wir nicht“, Deutsche Bundesbahn 1966. „Die SBB (Schweiz) fährt vorneweg – die Deutsche Bahn bleibt auf der Strecke“, Neue Züricher Zeitung 3.10.2025. „Zum Kollaps des Zugverkehrs“ führt keine Hitze- oder Kältewelle sondern deutsche Verkehrspolitik, besonders seit dem Drang zu Privatisierung und Wettbewerb auf der Schiene. Nach meiner Meinung sollte man alles wieder in die Tonne kloppen, Deutsche Bundesbahn mit Monopol wieder einführen und vielleicht ein paar Manager der Schweizerische Bundesbahnen (SBB) abwerben. In der Schweiz klappt es selbst wenn Berge im Weg sind.

  • 7 Lisa 03.07.2026, 20:26 Uhr

    Und jetzt hat die Bundesnetzagentur angeordnet, daß den privaten Wettbewerbern mindestens zu 25 % der Zugang zum deutschen Schienennetz zu gewähren ist - natürlich auf den lukrativen Strecken. Da fehlt dann der Bahn entsprechend diese Einnahmen, um die Infrastruktur instand zuhalten bzw zu modernisieren. Ich halte dies von der Bundesnetzagentur schon für verantwortungslos.

  • 6 Herrmann 03.07.2026, 19:13 Uhr

    Kein wenn und aber: Liegen gebliebene Züge müssen unverzüglich geräumt werden. Stundenlanges Warten ist nicht akzeptabel. Wer zu lang in einem Zug festgehalten wird, sollte sich vom Rettungsdienst (Tel. 112) befreien lassen. Ein Kreislaufproblem liegt dann immer vor...

  • 5 hui buh 03.07.2026, 17:52 Uhr

    Ja klar liegt es an der Hitze. Und im Winter an der Kälte. Ganz ehrlich, ohne schwarzen Humor halte ich das nicht mehr aus. Kleiner Kaffee 4€, 0,5l Wasser 3,80€. Intakte Infrastruktur unbezahlbar. Thank you for Deutsche Bahn

  • 4 Helmut 03.07.2026, 17:14 Uhr

    Im Winter ist es zu kalt für die Bahn, im Sommer zu heiß. Ganzjährig gibt es Verspätungen oder Ausfälle, weil Züge, Stellwerke oder Weichen defekt sind, das Personal fehlt oder ein vorausfahrender Zug stört. Es nervt! Warum sind die Bahnen in anderen Ländern so viel verlässlicher?

  • 3 Gast 03.07.2026, 16:45 Uhr

    Zitat : "Die Bahn hat da draußen ganz viel Technik. Wenn bei extremer Hitze auch noch die ganze Zeit die Sonne draufknallt, ist die Technik irgendwann am Ende. Niklas Hoth, WDR-Bahn-Experte" Aha...wie schaffen wir es dann an z.B. Turboladern mit um die 800°C dauerhaft die hohen Temp. gegen die Umgebung zu isolieren. Technisch sind 40°C eher nicht so aufregend...eher finanziell. Die Wahrheit wird man eher im Lasten/Pflichtenheft finden...

  • 2 Benno 03.07.2026, 16:43 Uhr

    Ich denke schon dass die Hitze dem deutschen System Schiene sehr zusetzt. Und das bei 40grad nicht mehr alles top läuft erwarte ich auch nicht. Jedenfalls nicht von jetzt auf gleich. Was mich nur immer wieder wundert: warum haben andere Länder nicht genauso viele Probleme? In der Schweiz im Tessin und in Italien ist es noch wärmer und die Züge fahren. Selbst die deutschen ICE Züge die in der Schweiz starten, sind meist anfangs pünktlich. Wenn man sich mal in der Echtzeit einzelne Fahrten mal anguckt stellt man fest, dass die Verspätungen meist erst auftreten sobald die Züge nach Deutschland reinkommen. Besonders häufig las man auch als Verspätungsbegründung: verspätetes Personal aus vorheriger Fahrt. Sprich: könnte ein Großteil der Züge eigentlich pünktlich fahren, wenn mehr Zeitpuffer beim Personal eingebaut wären? Klar, kostet Geld. Aber ich denke mal die ganzen Entschädigungen, die man nun bezahlen muss, sind um ein vielfaches teurer.

    Antworten (2)
    • Puck 03.07.2026, 17:25 Uhr

      In der Schweiz werden die Züge und Anlagen regelmäßig gepflegt - anders als in Deutschland, wo man seit 30 Jahren auf Verschleiß fährt und nur regelmäßig jedes Jahr die Preise erhöht (also die Bahn in erster Linie als Cash-Cow betrachtet!). Und nicht nur das: Wenn man z. B. ein Stellwerk erneuert, weil es in die Jahre gekommen ist, werden - wenn die Linie sowieso schon wegen Reparatur still liegt - auf der gesamten Strecke ALLE Stellwerke und sonstige Anlagen gleich mit überprüft - total crazy!

    • Lisa 03.07.2026, 20:19 Uhr

      Hab mehrfach gelesen, die deutsche Bahn darf nur bis zum ersten Bahnhof auf schweizerischem Boden fahren, damit sie den schweizerischen Fahrplan mit ihrer Unpünktlichkeit nicht stören. Dort klappt es nämlich idR mit der Pünktlichkeit.

  • 1 Andre Schäfer 03.07.2026, 15:39 Uhr

    Die Bahn ist doch einfach nur noch ein galoppierender Running Gag - nicht nur, aber vor allem, die Deutsche Bahn. Aber so ist das halt, mit dem riesigen Wasserkopf an Managern, die allesamt irgendeinen BWL-Hintergrund haben, gefühlt aber nicht mal bis drei zählen können und von Technik per se keine Ahnung haben. Und das auch bei all ihren tollen Tochtergesellschaften wie InfraGO, bei denen man das Gefühl hat, sie seien nur gegründet worden, damit man die Schuld irgendwohin abwälzen kann, wo man nicht direkt Deutsche Bahn heißt. Und seit dem jüngsten Führungswechsel scheint das massiv schlimmer geworden zu sein. @DeutscheBahn: Werdet mal Euren Wasserkopf los, hört auf Leute einzustellen, die nur nen Zettel von ner Uni vorweisen können. Schickt Lokführer und Handwerker mit Berufserfahrung aus Eurem Unternehmen zu Meister- und Techniker-Kursen und holt die Absolventen ins Management, damit da mal Leute sitzen, die schon mal am Gleis geschraubt oder nen Zug gefahren haben.

    Antworten (1)
    • Oldtimer 03.07.2026, 21:01 Uhr

      Bahnmanager Ronald Pofalla, zuständig für Infrastruktur seit 2017, könnte wieder die Affäre für beendet erklären.

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