Die Auffahrt der Nordbrücke für Radfahrer ist abgesperrt

Datenanalyse zu NRW-Brücken Marode Bonner Nordbrücke nur eine von vielen

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Die marode Bonner Nordbrücke steht stellvertretend für den schlechten Zustand vieler Brücken in ganz NRW. Neue Daten zeigen, was sich seit dem Start der "Sanierungsoffensive" getan hat.

Von
Jörn Kießler
Jörn Kießler
und Julian Budjan

Dass NRW ein Problem mit Brücken hat, ist nicht neu. Wie drastisch es ist, zeigt gerade wieder die Sperrung der Bonner Nordbrücke. Seit dem 3. Juni ist sie für den gesamten Verkehr dicht. Grund dafür sind massive Schäden an der linksrheinischen Vorlandbrücke, die so gravierend sind, dass selbst eine Sanierung nicht ausreicht. Stattdessen soll sie abgerissen und in den kommenden zwei Jahren neu gebaut werden.

1.800 Brücken in NRW sanierungsbedürftig

Das Beispiel zeigt, wie prekär die Situation in NRW ist und wie plötzlich der schlechte Zustand einer Brücke quasi über Nacht zu ihrer Sperrung führen kann - und damit auch zu einem Verkehrschaos für tausende Pendler. Das Problem ist, dass die Bonner Nordbrücke kein Einzelfall ist. Das zeigen Daten der Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast) und der Landesbehörde Straßen.NRW, die der WDR ausgewertet hat.

Demnach waren im März dieses Jahres fast 1.800 Brücken in NRW sanierungsbedürftig, weil der Traglastindex von mindestens einem Teil mit "mangelhaft" (Note V) oder "ungenügend" (IV) bewertet wurde. Und das, obwohl sowohl der Bund als auch das Land eine Sanierungsoffensive angekündigt hatten.

Der Bund, der für die Autobahnbrücken in ganz Deutschland zuständig ist, hatte schon vor vier Jahren angekündigt, innerhalb von zehn Jahren bundesweit 4.000 Brückenbauwerke zu modernisieren. Im November 2023 stellte dann das Land NRW seine Sanierungsoffensive für die Brücken an Bundes- und Landesstraßen vor. Demnach sollen bis 2034 400 Brücken saniert oder neu gebaut werden.

Doch die Umsetzung der Pläne von Bund und Land gestalten sich schwierig. Seit 2024 wurden in NRW zwar 40 alte Brücken neu oder in Teilen neu gebaut und 34 saniert - wobei nicht alle dieser Brücken als marode galten. Gleichzeitig sind seitdem 15 weitere Brücken marode geworden, weil die Tragfähigkeit von mindestens einem ihrer Bauteile mittlerweile mit "ungenügend" oder "mangelhaft" bewertet wird.

"Wenn man das hochrechnet, sind wir mit der Sanierung der maroden Brücken in NRW erst im nächsten Jahrhundert fertig", sagt dazu Heinrich Bökamp, Präsident der Ingenieurkammer-Bau NRW und der Bundesingenieurkammer. Gerade bei einem sicherheitsrelevanten Thema wie der Tragfähigkeit von Brücken sei das fatal.

So wird die Tragfähigkeit von Brücken bewertet

Der Traglastindex vergleicht auf einer Skala von eins bis fünf das Verhältnis zwischen der Last, die ein Bauwerk aushalten soll und der, die es tatsächlich aushält. Dafür werden die strukturellen Eigenschaften eines Tragwerks bewertet, die Einfluss auf die Leistungsfähigkeit der Brücke haben (etwa Baujahr, Bauweise und technischer Entwicklungsstand). So ist es möglich, die Notwendigkeit und zum Teil auch die Dringlichkeit einer Sanierung zu zeigen.

Bonner Nordbrücke: Lkw-Verbot seit Februar

"Brücken gehören zu den am besten kontrollierten Ingenieursbauwerken in Deutschland", erklärt Bökamp. Alle drei Jahre finde eine Überprüfung statt, alle sechs Jahre würden die Brücken auf Herz und Nieren geprüft. "Wenn dann ein sicherheitsrelevanter Schaden entdeckt wird, geht es ganz schnell mit der Sperrung", sagt Bökamp.

So wie bei der Nordbrücke in Bonn. Denn dass der Zustand der Friedrich-Ebert-Brücke, wie die Nordbrücke offiziell heißt, kritisch ist, war schon länger bekannt. Bereits im Herbst 2024 wurde der Traglastindex der linksrheinischen Vorlandbrücke mit der Note V "mangelhaft" bewertet, wie die Datenanalyse des WDR aus dem vergangenen Jahr zeigt. Trotzdem passierte erst einmal nichts.

Erst im Februar dieses Jahres wurde ein Fahrverbot für Lastwagen über 7,5 Tonnen erlassen. Dann wurden die Schäden an der linksrheinischen Vorlandbrücke entdeckt und die Brücke für den gesamten Verkehr gesperrt. "Das Problem ist, dass man die gesamte Brücke sperren muss, sobald ein Teil davon nicht mehr befahrbar ist", sagt Bökamp. Und das könne in NRW jederzeit auch an anderen Brücken passieren.

546 Brücken könnten kurzfristig gesperrt werden

Denn noch immer werden 740 Brückenteile in NRW in punkto Traglastindex mit "mangelhaft" bewertet. Betroffen sind davon 546 Brücken im ganzen Land. Laut der Daten von Bast und Straßen.NRW wurden demnach nur 47 Brückenteile, die bereits im Herbst 2024 die Note V bekamen, saniert oder neu gebaut.

Mit der Sanierung der Bonner Nordbrücke könnten drei weitere Brückenteile dazu kommen. Denn nicht nur der Traglastindex der linksrheinischen Vorlandbrücke wurde mit "mangelhaft" bewertet. Die gleiche Note bekam auch die Strombrücke, also der Bauteil, der über den Rhein führt. Genau wie die Vorlandbrücke auf der rechtsrheinischen Seite, die die Note IV bekam, soll sie nicht neu gebaut sondern nur saniert werden.

Bonner Nordbrücke: Über 100.000 Fahrzeuge am Tag

Autos und Radfahrer fahren über die Brücke

100.000 Fahrzeuge überquerten vor der Sperrung täglich die Nordbrücke.

Dass die ganze Brücke in einem schlechten Zustand ist, überrascht nicht. Als sie am 28. Juni vor 59 Jahren eingeweiht wurde, ging man davon aus, dass sie nur von einzelnen Lastwagen überquert würde. Je mehr der Verkehr dann aber auf der A565 zunahm, desto häufiger rollten auch zahlreiche Lkw hintereinander über die Brücke. Zuletzt passierten darüber täglich mehr als 100.000 Fahrzeuge den Rhein.

Was für die Bonner Nordbrücke gilt, trifft auch auf viele andere Autobahnbrücken in NRW zu. Denn viele von ihnen wurden in den Sechziger und Siebziger Jahren gebaut. Damals ging man von einer Nutzungsdauer von 70 Jahren aus. Der Autobahngesellschaft zufolge erreichen viele Brücken nun "das Ende ihres Lebenszyklus und müssen ersetzt werden".

Laut Bökamp wird dieser Verfall durch die aktuellen Sanierungsmaßnahmen an manchen Stellen sogar noch beschleunigt. "Wenn eine Brücke wie jetzt in Bonn gesperrt wird, muss der Verkehr umgeleitet werden", erklärt er. Auf den Ausweichstrecken führe das dann dazu, dass die Brücken dort noch mehr belastet würden, als ohnehin schon.

Im Fall der Bonner Nordbrücke trifft das vor allem die A555, die A4 und die A3. Über sie führt die von der Autobahn GmbH empfohlene Ausweichroute. Gerade die A3 gehört neben der A1 und der A40 ohnehin schon zu den Autobahnen mit den meisten "mangelhaften" Brücken.

Das Dilemma, in dem sich das Land in NRW befindet, rührt laut Bökamp daher, dass das Thema Brücken lange Zeit vernachlässigt wurde. Mittlerweile sei es in der Politik angekommen. "Jetzt geht es darum, möglichst schnell möglichst viele Brücken zu sanieren und wenn es sein muss, neu zu bauen", sagt Bökamp.

Eine Sache stimmt ihn dabei zumindest ein bisschen positiv. "Beim den Ausschreibungen für die Projekte wird jetzt der Faktor Zeit stärker berücksichtigt", sagt er. "Das heißt, wenn ein Unternehmen glaubhaft versichern kann, ein paar Monate früher mit der Sanierung und dem Bau fertig zu werden, kann es den Auftrag auch bekommen, wenn die Kosten dadurch etwas höher sind."

Hinweis der Redaktion, 29.6.2026, 16 Uhr:

In der ursprünglichen Version des Textes hieß es, seit Herbst 2024 seien nur 40 Brücken in NRW saniert oder neu gebaut worden. Das stimmt nicht. Das war die Zahl der neu gebauten Brücken. Vielmehr wurden 74 Brücken saniert oder neu gebaut, gleichzeitig verschlechterte sich aber der Zustand von 15 Brücken zu "ungenügend" oder "mangelhaft". Wir haben die Stelle im Text konkretisiert.

Unsere Quellen:

  • Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast)
  • Straßen.NRW
  • Interview mit Heinrich Bökamp, Präsident der Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

Sendung: WDR.de, "Datenanalyse zu NRW-Brücken: Marode Bonner Nordbrücke nur eine von vielen", 29.06.2026, 5:05 Uhr

Datenanalyse zu NRW-Brücken: Marode Bonner Nordbrücke nur eine von vielen

WDR 29.06.2026 00:54 Min. Verfügbar bis 28.06.2028 WDR Online

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