Armin Laschet (CDU), ehemaliger NRW-Ministerpräsiedent im WDR-Interview
Bildquelle: WDR/Nicolas VordonarakisWDR: Herr Laschet, beschreiben Sie doch mal den klassischen NRWler oder die klassische NRWlerin.
Armin Laschet: Das ist schwer zu sagen. Es gibt weder den klassischen "Rheinländer", noch den klassischen "Westfalen". Es gibt aber Eigenarten, die beide haben und der "Nordrhein-Westfale" verbindet das alles. Der eine spottet mal über den jeweils anderen, aber man hat trotzdem ein Zusammengehörigkeitsgefühl.
WDR: Ein Gefühl, welches sich woraus speist?
Laschet: Man lebt jetzt seit 80 Jahren in diesem Land zusammen, welches am Ende ja so etwas wie eine Zwangsehe war - von den Briten kreiert. Man hat damals gesagt: Wir bilden hier ein Land mit dem Industriekern Ruhrgebiet, aber auch mit ländlichen Regionen, damit das nicht zu kommunistisch wird. Ein neues Land, alles genau austariert. Und daraus ist in den 80 Jahren doch ein Gefühl geworden, dass man irgendwie etwas Besonderes ist.
WDR: Wir sind also so eine Art "Baukastenland". Jetzt haben Sie ja NRW-Regierungserfahrung. Ist es schwieriger, NRW zu regieren, als – sagen wir mal – Bayern? Hat Herr Söder einen leichteren Job?
Laschet: Bayern ist natürlich seit 200 Jahren ein Staat. Auch exakt in den Grenzen, wie es heute ist - das prägt natürlich schon das Selbstbewusstsein. Aber auch in Bayern gibt es unterschiedliche Regionen. Herr Söder hat insofern einen leichteren Job, weil die CSU quasi seit 80 Jahren regiert.
WDR: Also gehört der politische Wechsel hier eher zur Kultur des Landes?
Laschet: Genau, in den USA würde man sagen, dass NRW ein Swing State ist. Lange Zeit haben die Sozialdemokraten regiert und man hat sogar lange Zeit geglaubt, es sei ein sozialdemokratisches Land. Was schon nie stimmte, denn in den Gründungsjahren war Karl Arnold der erste Ministerpräsident, ein Christdemokrat. Danach kam eine lange Regierungszeit von Sozialdemokrat Johannes Rau und dann hat man sich das so angewöhnt - aber jetzt im Moment ist die SPD nicht bei den führenden Kräften im Land.
WDR: Sie Leben hier in der Region, sind hier auch aufgewachsen und ich unterstelle jetzt einfach mal, dass Sie sich hier wohlfühlen?
Laschet: Ja, in Aachen ganz besonders. Das war meine Heimatstadt, hier bin ich groß geworden. Es ist auch eine europäische Stadt, weil man direkt an der Grenze zu Belgien und den Niederlanden lebt. Man lebt und arbeitet auch über die Grenze hinweg. Auch Aachen selbst ist sehr geprägt von diesen europäischen Einflüssen. Für uns hier ist Paris näher als Berlin. Und es ist halt auch eine historische Stadt: Es gibt den 1.200 Jahre alten Dom und dann aber auch in Verbindung damit die RWTH, eine der Exzellenzuniversitäten mit sehr viel Modernität. Und diese Mischung, die gefällt mir.
WDR: Wo im Land, also in NRW, wären Sie gerne noch öfter gewesen oder wo wären Sie gerne mal wieder?
Laschet: Ich mag Bonn sehr gerne. Aachen ist wunderbar, aber was fehlt, ist ein schöner Fluss. Und der Rhein hat schon etwas Prägendes in Bonn, in Köln, in Düsseldorf. Aber Bonn gefällt mir ganz besonders – wegen dem Siebengebirge und auch von seiner Lebensqualität. Und andererseits, wenn ich da nochmal einen Sprung mache, hat Münster sehr viele Ähnlichkeiten mit Aachen, ist also auch ein alter Bischofssitz, eher katholisch geprägt, aber heute trotzdem Unistadt mit vielen tausenden Studenten. Und wenn ich in Münster bin, denke ich oft: So von der von der Baustruktur und der Architektur her, das hat viele Ähnlichkeiten mit Aachen.
WDR: Fühlen Sie sich am meisten als Aachener, als Rheinländer, als Nordrhein-Westfale, als Deutscher, als Europäer oder als Weltbürger?
Laschet: Als Europäer sowieso, vom Ort her dann schon als Aachener und auch als Rheinländer.
WDR: Als ehemaliger Ministerpräsident hat man natürlich ein ziemlich besonderen Zugang zu dem Bundesland - viele Geschichten, viele Menschen. Ist Ihnen irgendjemand oder irgendetwas besonders in Erinnerung geblieben?
Laschet: Das ist aus der Fülle der Begegnung sehr schwer zu sagen. Mich haben die Bergleute immer beeindruckt. Der Ausstieg aus der Steinkohle, der fiel in meine Amtszeit. 2018, als die Bergleute das letzte Stück Kohle aus dem Boden holten. Die Mentalität der Bergleute, die hat weit über das Ruhrgebiet hinaus geprägt und da gibt es beeindruckende Stories, was die erlebt haben untereinander. Und dazu passt die Integrationsaufgabe.
Viele Gastarbeiter sind in den Bergbau gekommen und haben hart gearbeitet. Und wie viele es dann geschafft haben, ihren eigenen Kindern Bildung und einen Aufstieg zu ermöglichen, solche Geschichten gibt es nicht in vielen Bundesländern.
WDR: Mit Blick auf 80 - Was ist denn in diesem Bundesland in den letzten 80 Jahren besonders gelungen?
Laschet: Also dieses Bundesland war zu Beginn der Bundesrepublik alles: Der Regierungssitz war hier, das politische Machtzentrum war hier in Bonn, die wirtschaftliche Kraft, die Energieversorgung für ganz Deutschland war hier. Durch die Kohle am Anfang, später auch noch durch Stahl. Der Gründungsmoment der Europäischen Union, also die ganze Idee der Montanunion ist ja quasi im Ruhrgebiet entstanden und dieser Teil ist gelungen. Was anstrengend dann war und lange gedauert hat, war der Strukturwandel.
WDR: Jetzt haben Sie viel in der Vergangenheitsform gesprochen …
Laschet: Ja, Sie haben ja gefragt, was besonders gelungen ist. Also, es ist sehr gelungen, dass wir quasi der Motor des deutschen Wirtschaftswunders waren. Jetzt ist das Kunststück, hier eine Transformation hinzukriegen und neue Technologien hier anzusiedeln. Und dafür haben wir die Universitäten: Aachen und Bonn, das sind die beiden Exzellenzuniversitäten, dazu Köln, knapp davor.
Dann die Ruhrgebietsuniversitäten, die ja überhaupt erst in den 60er Jahren entstanden sind. Wir hatten Anfang der 60er Jahre 500.000 Bergleute und Null Studierende. Null! Und heute haben wir 250.000 Studierende und Null Bergleute. Also das zeigt, wie dieser Wandel von der Industrieregion hin in die Wissensgesellschaft gelungen ist. Aber er geht noch weiter. Die ärmste Stadt in ganz Deutschland ist bis heute laut dem Sozialindex Gelsenkirchen. Also auch die Brennpunkte sind bei uns.
WDR: Gelsenkirchen hätte ich als nächstes genau an dieser Stelle angesprochen. Sie haben eben von gelungenem Wandel gesprochen, da habe ich gezuckt. Ich bin dort aufgewachsen. Ich kenn natürlich diese Geschichte: NRW war Kohle, war reich, hatte Energie und damit wir jetzt wieder richtig in Fahrt kommen, braucht es Innovation. Wenn ich aber heute nach Gelsenkirchen fahre, dann spürt man vom Strukturwandel nur sehr wenig. Dass der Strukturwandel teils nicht geklappt hat, ist doch auch Landesgeschichte.
Laschet: Stimmt, bei manchen Städten ist es schwieriger, wobei schwer zu sagen ist, woran es jetzt genau lag. Essen hat mehrere DAX-Konzerne, steht nicht schlecht da. Dortmund hat sich in den letzten Jahren sehr gewandelt. Aber ich habe ja, ohne dass ich wusste, dass Sie aus Gelsenkirchen sind, das Beispiel genannt. Und die Kernfrage ist: Wie gelingt es jetzt, neue Arbeitsplätze dort anzusiedeln? Wie kann man so einer Stadt auch eine Perspektive geben? Und da sind viele Versuche bisher nicht so erfolgreich, wie sie sein sollten. Jedenfalls spielt Schalke wieder in der ersten Liga.
WDR: Aufs Ganze betrachtet, was macht Ihnen denn zum 80. des Landes auch Sorgen?
Laschet: Mir macht Sorge, dass das Land lange Zeit diese Unterschiede gut austariert hat, aber dass jetzt zunehmend in diesen prekären Vierteln, die wir auch haben, Rechtspopulisten plötzlich so stark werden. Und der demokratische Konsens, dass du, wenn du von der CDU enttäuscht bist, SPD wähltest oder umgekehrt, dass das wegbricht. Dass diese neue politische Kraft plötzlich auch mit Sprüchen diese Sorgen der Menschen ausnutzt. Das ist zwar bei uns noch weniger als anderswo, aber dennoch ist es zu viel.
WDR: Man sagt Ihnen nach ja öfter mal nach, Versöhner statt Spalter zu sein. Ist denn dieses Land versöhnt oder gespalten?
Laschet: Ich glaube, es ist schon in vielem versöhnt. Ich glaube, die Spaltung ist bei uns oder sagen wir mal, die Aggressivität in der Diskussion, die Aggressivität unter den Menschen, ist geringer, als ich sie anderswo wahrnehme. Ich habe ja auch im Bundestagswahlkampf 2021 in ganz Deutschland erlebt, wie diskutiert wird. Das ist bei uns nochmal anders und deshalb glaube ich, dass dieser Charakter, selbst wenn du da unterschiedlicher Meinung bist, nicht aggressiv auf die Person zu gehen, sondern Gemeinsamkeiten zu finden, in Nordrhein-Westfalen stark verankert ist.
WDR: Zur Landesgeschichte gehört ja auch die Einwanderung. Sie haben die Kohle angesprochen, die Gastarbeiter. Es gab viel Migrationsbewegung auch in den letzten Jahren. Sie hatten diese kulturellen Unterschiede im immer sehr stark im Blick. Warum?
Laschet: Mich hat mal ein ausländischer Regierungschef gefragt: "Bist du für eine multikulturelle Gesellschaft?". Und dann habe ich gesagt, dass sich die Frage für uns gar nicht stellt, ob ich dafür oder dagegen bin. Wir sind es. Und zwar seit Jahrhunderten. Das Kunststück ist jetzt, so zusammenzuleben, dass das gut funktioniert und da gibt es viele, viele Erfolgsgeschichten. Es gibt natürlich auch misslungene Integration, aber die Pflicht, zusammen die Probleme zu lösen, das zeichnet Nordrhein-Westfalen schon aus.
WDR: Was ist aus Ihrer Sicht das wichtigste Thema für NRW, für die nächsten 10 Jahre?
Laschet: Industrieland bleiben. Dazu braucht man eine gute Verkehrsinfrastruktur, dazu braucht man bezahlbare Energiepreise und dazu braucht man qualifizierte Arbeitskräfte. Daraus leitet sich dann ein gutes Bildungssystem ab, damit die unterschiedlichsten Talente, die Menschen haben, genutzt werden und keiner verloren geht. Das ist wichtig für die nächsten zehn Jahre. Das Ziel bleibt: Wir müssen Aufsteigerland bleiben.
WDR: Was schafft denn eigentlich ein "Wir", wenn die Unterschiede und die Lebensrealitäten wie in NRW so groß sind?
Laschet: Das fängt damit an, dass man die Unterschiedlichkeiten überhaupt benennt und anerkennt. Wir dürfen keine Politik machen, die nur aus großstädtischer Sicht Probleme löst. In Köln und Düsseldorf kann jeder mit dem öffentlichen Nahverkehr fahren. Auch im Ruhrgebiet gibt es gute, exzellente Verbindungen. Aber im ländlichen Raum, wenn Sie zum Arbeitsplatz 30 oder 40 Kilometer fahren müssen, brauchen Sie immer noch Automobilität.
Und dies miteinander in Einklang zu bringen, ist schon mal eine wichtige Voraussetzung. Man muss wissen, dass 50 Prozent der Menschen in Nordrhein-Westfalen im ländlichen Raum leben, 50 Prozent in den Städten und das Erste ist es, Stadt und Land zu versöhnen.
Das Zweite ist,hier ist der Gedanke der Montanmitbestimmung, der Partnerschaft zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften, die Grundideen der sozialen Marktwirtschaft, die sind hier entstanden.
WDR: Abschlussfrage, wenn Sie dem Land NRW zum 80. etwas verpacken und schenken könnten, was wäre das?
Laschet: Das ist eine gute Frage. Wenn es keine Kosten und technische Grenzen gäbe? Dann würd ich schnippen und mir ein modernes Verkehrssystem wünschen, so dass niemand mehr im Stau steht und quasi die Bahnen durch das Land rauschen und jeder umsteigen könnte, so wie er Lust hat.
Das Interview führte Nicolas Vordonarakis.
Unsere Quellen:
- Interview mit Armin Laschet
Sendung: WDR.de, 80 Jahre NRW: Was wünschen Sie uns Herr Laschet?, 26.08.2026, 10:00 Uhr
