Familienbericht für NRW

Aktuelle Stunde 08.07.2026 36:04 Min. UT Verfügbar bis 08.07.2028 WDR Von Fritz Sprengart

Familienbericht NRW Familien in NRW fehlt vor allem Sicherheit

Stand:

Familien in NRW sind vielfältig. Doch Mieten, Betreuung und Krisensorgen setzen viele Eltern im Alltag unter Druck.

Die Kita schließt früher, die Miete steigt, der OGS-Platz ist unsicher: Familien stehen in NRW oft unter Dauerdruck. Der Alltag ist für viele teurer und komplizierter geworden. Besonders unter Druck stehen Alleinerziehende, Familien mit mehreren Kindern und Familien mit geringer Bildung oder unsicherer Erwerbssituation. Das zeigt der aktuelle Familienbericht NRW, der Mittwoch veröffentlicht wurde.

Das Familienministerium NRW hatte das Deutsche Jugendinstitut (DJI) 2023 mit der Erstellung des Berichts beauftragt. Im Bericht werden unter anderem amtliche Statistiken und Befragungen von Familien ausgewertet. Im Fokus stehen Familienvielfalt, Vereinbarkeit, Geld, Wohnen, soziale Teilhabe und Sorgen in Krisenzeiten.

Bericht als politischer Auftrag

Verena Schäffer (Grüne), Integrationsministerin in Nordrhein-Westfalen, stellt im Landtag den Bericht der Landesregierung zu antisemitischen Vorfällen im Jahr 2025 der Presse vor.

Schäffer: "Auftrag, Familien stärker in den Blick zu nehmen"

Familien seien "so bunt und vielfältig wie unsere gesamte Gesellschaft", erklärte Familienministerin Verena Schäffer (Grüne) bei der Vorstellung des Berichts. Jede Familienform verdiene die gleiche Aufmerksamkeit. Zugleich machte sie deutlich, wo der Familienalltag besonders belastet ist: bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bei ungleich verteilter Sorgearbeit und bei finanziellen Risiken. Für Schäffer ist der Bericht deshalb mehr als eine Bestandsaufnahme. Er sei politischer Auftrag, Familien stärker in den Blick zu nehmen, so Schäffer. "Denn Familie ist und bleibt ein ganz wichtiges Fundament unserer Gesellschaft."

Weniger Familien, weniger Geburten

2024 lebten in NRW rund 2,55 Millionen Familien. Darunter waren etwa 1,79 Millionen Familien mit mindestens einem minderjährigen Kind. Das sind deutlich weniger als 1996. Damals waren es noch knapp zwei Millionen Familien mit Kindern unter 18 Jahren. Trotzdem lebt weiterhin etwa die Hälfte der Bevölkerung in NRW in einer Familie.

Ein Grund für den Rückgang: Es werden weniger Kinder geboren. Die Geburtenziffer in NRW sank von 1,62 Kindern je Frau im Jahr 2021 auf 1,38 im Jahr 2024. Mütter bekommen ihr erstes Kind im Schnitt mit gut 30 Jahren. Kinderwünsche seien weiterhin stabil, heißt es im Bericht. Aber Unsicherheit, Wohnkosten, Jobdruck und Betreuungslücken machten die Familiengründung schwerer.

Familie ist vielfältiger geworden

Das klassische Ehepaar mit Kindern ist weiterhin die häufigste Familienform. Unter Familien mit minderjährigen Kindern lag ihr Anteil 2024 bei 73 Prozent. Gleichzeitig leben mehr Kinder bei unverheirateten Eltern, bei Alleinerziehenden oder in komplexeren Formen wie Patchworkfamilien. Knapp 18 Prozent der Familien mit minderjährigen Kindern sind Alleinerziehende.

"Familien sind so bunt und vielfältig wie unsere gesamte Gesellschaft." Familienministerin Verena Schäffer (Grüne)

Auch Migration prägt Familienleben in NRW stark. 2022 hatte fast jede zweite Familie mit minderjährigen Kindern einen Migrationshintergrund. Drei Viertel der Kinder mit Migrationshintergrund sind allerdings in Deutschland geboren. In 29 Prozent aller Familien mit minderjährigen Kindern wird zu Hause neben Deutsch mindestens eine weitere Sprache gesprochen.

Mütter arbeiten mehr, machen aber weiter mehr Care-Arbeit

Auf den ersten Blick hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert: So ist die Erwerbstätigkeit von Müttern um zehn Prozentpunkte gestiegen. 2024 waren 73 Prozent der Mütter mit minderjährigen Kindern erwerbstätig, bei Vätern waren es 91 Prozent. Doch die Arbeit ist weiter ungleich verteilt. In 45 Prozent der gemischtgeschlechtlichen Paarfamilien arbeitet der Vater Vollzeit und die Mutter Teilzeit. "Vereinbarkeit ist nach wie vor eine ganz zentrale Herausforderung für Familien - und ein Stressfaktor für das Familienleben", erklärte Verena Schäffer.

Auch zu Hause bleibt die Lücke groß. Mütter verbringen im Schnitt drei Stunden pro Werktag mit Hausarbeit, Väter 1,4 Stunden. Bei Kinderbetreuung sind es 4,9 Stunden bei Müttern und 2,5 Stunden bei Vätern. Das ist nicht nur eine private Frage. Wer wegen Kindern lange Teilzeit arbeitet, hat oft weniger Einkommen, schlechtere Aufstiegschancen und später eine niedrigere Rente. Familienministerin Schäffer appellierte in dem Zusammenhang: "Ich möchte Väter dazu ermuntern, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und die Hälfte der Hausarbeit zu tragen."

Armut trifft vor allem Alleinerziehende und Kinder

Ein Junge sitzt vor einer Wand und streckt seinen kaputten Turnschuh mit durchgelaufener, löchriger Sohle in die Kamera.

Viele Kinder von Alleinerziehenden von Armut bedroht

Der Bericht zeigt eine deutliche soziale Schieflage. In NRW sind Familienhaushalte stärker von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht als im Bundesdurchschnitt. Besonders hart trifft es Alleinerziehende: Mehr als jede zweite alleinerziehende Person mit Kind war 2024 von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Insgesamt galten laut Bericht 24 Prozent der Bevölkerung in NRW als von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, mehr als im Bundesdurchschnitt mit 21,2 Prozent.

Bei Kindern ist die Lage ebenfalls ernst. Laut Bericht war 2022 etwa jedes vierte minderjährige Kind in NRW im Haushaltskontext armutsgefährdet. Im Juni 2025 lebte jedes sechste minderjährige Kind in einem Haushalt, der auf SGB-II-Leistungen angewiesen war. Bei Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern lag die SGB-II-Quote 2024 bei 45 Prozent, bei Paarfamilien mit Kindern bei neun Prozent.

"Wenn der Tornister zum Schulstart ansteht oder die Waschmaschine kaputt geht, bedeutet das für Eltern schlaflose Nächte." Familienministerin Verena Schäffer (Grüne)

Wohnen wird zum Familienproblem

Wer mit Kindern umziehen muss, merkt es oft sofort: Mehr Zimmer kosten auch deutlich mehr. Der Bericht beschreibt eine spürbare Verknappung von bezahlbarem Wohnraum. Sozialwohnungen werden weniger, Neubau reicht vielerorts nicht aus, Angebotsmieten steigen. Familien mit wenig Geld bleiben deshalb oft in Wohnungen, die eigentlich zu klein sind.

Auch hier sind Alleinerziehende besonders betroffen. 2024 mussten 16 Prozent der Alleinerziehenden mit abhängigen Kindern mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Wohnkosten ausgeben. 2023 gab fast jede vierte alleinerziehende Person mit abhängigen Kindern in NRW an, die Wohnung aus Geldmangel nicht angemessen heizen zu können.

Krisen machen Familien zusätzlich müde

Von der Pandemie über Inflation und Kriege bis zum Klimawandel: Der Bericht beschreibt Familien als Krisenmanager im Dauerbetrieb. Besonders groß sind demnach Sorgen über gesellschaftliche Entwicklungen. 77 Prozent der Mütter und 72 Prozent der Väter sorgen sich stark über eine mögliche Spaltung der Gesellschaft. Auch Sorgen über Ausländerfeindlichkeit, Gewalt und Kriminalität sind weit verbreitet. Bei Kindern und Jugendlichen hängen die Sorgen stärker mit dem Familienklima zusammen als bei Erwachsenen.

Familienbericht vorgestellt

WDR Studios NRW 08.07.2026 00:39 Min. Verfügbar bis 07.07.2028 WDR Online

Unsere Quellen:

  • Familienbericht NRW
  • Pressekonferenz mit Familienministerin Verena Schäffer (Grüne) und Susanne Kuger, Forschungsdirektorin am Deutschen Jugendinstitut (DJI)

Sendung: WDR.de, Familienbericht vorgestellt, 08.07.2026, 14:00Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 08.07.2026, 18.45 Uhr

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