Die Flucht war sicherlich filmreif: Der 35-jährige Untersuchungsgefangene, der in der Nacht auf den 30. August aus der JVA Duisburg-Hamborn ausgebrochen ist, müsse über "ein hohes Maß an Beweglichkeit und Geschicklichkeit" verfügen, sagte NRW-Justizminister Benjamin Limbach (Grüne) am Mittwoch im Rechtsausschuss der Landtags. "Nur wenige Menschen dürften dazu überhaupt in der Lage sein."
Nur 27 mal 35,5 Zentimeter groß sei das Loch, das der Mann in das Fenstergitter seiner Zelle geschnitten hat. Von dort aus habe er sich an der Außenwand des Gefängnisbaus aus dem dritten ins vierte Obergeschoss hochgezogen und sei dann an der Fassade entlang bis zu einer Gebäudeecke gelangt.
Dort habe er den vorhandenen Übersteigschutz überwunden und sei vom Dach der Anstalt über einen Baum in die Freiheit gelangt. Wie der Mann, der aus Serbien stammt, die Gitterstäbe durchschnitt, welches Werkzeug er benutzte und woher er es hatte - all das ist bislang unklar. Der Mann ist bislang auf der Flucht.
"Spiderman" änderte das Gerichtsurteil handschriftlich
Eins aber weiß man: Er nannte sich selber "Spiderman". Bei der Untersuchung der Zelle habe man eine Abschrift des Gerichtsurteils vom 20.05.2026 gefunden, berichtete Limbach. Auf den Dokumenten sei zweimal der Name des Gefangenen handschriftlich durchgestrichen und durch das Wort "Spiderman" ersetzt worden.
Superhelden-Figur Spiderman
Bildquelle: dpa / FotoreportSpiderman ist eine legendäre Comic- und Filmfigur - ein Superheld mit speziellen Fähigkeiten, der unter anderem wie eine Spinne an Häusern hochklettern kann.
"Höflich und angepasst"
Bis zu seiner spektakulären Flucht habe sich der Mann in der Untersuchungshaft völlig unauffällig verhalten, berichtete der Minister: Die JVA-Bediensteten hätten ihn als höflich und respektvoll, angepasst und unauffällig beschrieben. Er sei als Essensträger eingesetzt gewesen und habe sogar einen Deutschkurs besucht. Besondere Sicherungsmaßnahmen seien nicht angeordnet worden.
Zuvor hatte es geheißen, der Gefangene habe das Werkzeug unter dem Linoleumboden seiner Zelle versteckt. Doch da sei man sich jetzt nicht mehr sicher, sagte Limbach. Aufgrund von Feuchtigkeit löse sich der Boden in der Zelle an einigen Stellen ohnehin ab.
Gefängniskameras zeichnen nichts auf
"Hohe Geschicklichkeit": Justizminister Limbach
Bildquelle: WDRWoher die genaue Rekonstruktion seiner stuntmangleichen Flucht kommt, blieb im Rechtausschuss am Mittwoch offen. Die Überwachungskameras in der JVA sind zwar auch auf die Fassade gerichtet, senden aber nur Livebilder. Aufgezeichnet werde nichts, sagte Limbach.
Das werde nun genau überprüft. "Seit 2026 ist die Erneuerung der Kameraanlage geplant", so Limbach. Der umlaufende Übersteigschutz solle nun durchgehend – auch in den Eckbereichen der Innenhöfe – mit Widerhakensperrdraht ausgestattet werden.
Bäume schneiden rund um Haftanstalten
Auch bei anderen innerstädtisch gelegenen Gefängnissen in NRW werde man die Sicherheitsvorrichtungen überprüfen. Baumbestand nahe an Gefängnismauern müsse kontrolliert und beschnitten werden.
Das Ministerium, die JVA Duisburg-Hamborn und der Bau- und Liegenschaftsbetrieb Nordrhein-Westfalen prüften darüber hinaus zusätzliche Sicherungsmöglichkeiten, "insbesondere im Bereich der Außenfassaden".
Minister: "Fluchten absolute Ausnahme"
Fluchten aus dem geschlossenen Vollzug seien "zur absoluten Ausnahme geworden", beteuerte Limbach. Der letzte Fall ereignete sich demnach 2021, aus der JVA Duisburg-Hamborn floh zuletzt ein Gefangener am 29. Mai 2000.
Für den Justizminister kommt der Fall dennoch äußerst ungelegen: Er steht - zum wiederholten Mal - heftig in der Kritik, seitdem in Haftanstalten in Euskirchen, Rheinbach und Willich gegen JVA-Bedienstete wegen Bestechlichkeit ermittelt wird. Die Beschuldigten sollen dort Häftlingen gegen Geld Privilegien oder verbotene Gegenstände wie Handys verschafft haben.
Unsere Quellen:
- Sitzung des Rechtsausschusses im Landtag am 09.09.2026
Sendung: WDR.de, Neuer Bericht zu geflohenem Häftling, 09.09.2026, 16:00 Uhr