Taser: Flächendeckend für NRW?

Bildquelle: IMAGO/Tim Oelbermann

Aktuelle Stunde 11.11.2025 28:32 Min. UT Verfügbar bis 11.11.2027 WDR Von Mathea Schülke

Taser-Gutachten: Bekommt NRW-Polizei flächendeckend Elektroschocker?

Stand:

Schwarz-Grün lässt bisher offen, ob die NRW-Polizei flächendeckend mit Tasern ausgerüstet werden soll. Jetzt gibt es neue Gutachten. Ein Ergebnis: Polizeibeamte schätzen Elektroschocker, um auf Bedrohungen zu reagieren. Doch es gibt Risiken.

Am Donnerstag berät der Innenausschuss des Landtags in Düsseldorf darüber, ob Taser flächendeckend bei der NRW-Polizei eingeführt werden sollen. Über Für und Wider von Distanzelektroimpulsgeräten (DEIG), so heißen die Waffen offiziell, wird seit Jahren kontrovers debattiert.

Taser wurden ab 2021 in NRW in 18 ausgewählten Kreispolizeibehörden eingeführt. Für eine flächendeckende Ausstattung der noch fehlenden 29 Kreispolizeibehörden müsste das Land rund 10 Millionen Euro ausgeben.

Die Geräte sind politisch umstritten - auch zwischen den Koalitionspartnern CDU und Grünen. Bei den schwarz-grünen Koalitionsverhandlungen 2022 einigte man sich darauf, die Taser erst einmal weiter zu testen. Es wurden mehrere Untersuchungen vom Land in Auftrag gegeben.

Aktuell liegen zwei weitere Gutachten vor - einerseits eine Sozialwissenschaftliche Evaluation des Taser-Einsatzes in NRW vom Forschungsinstitut für Öffentliche und Private Sicherheit Berlin. Zudem gibt es jetzt einen Anwendungsbericht der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW in Gelsenkirchen. Beide Gutachten liegen dem WDR vor.

Was bringen Taser der Polizei?

Bildquelle: dpa / Rolf Vennenbernd

WDR 5 Westblick - aktuell 10.11.2025 06:08 Min. Verfügbar bis 10.11.2026 WDR 5

Download Podcast

Polizei-Gutachten sieht Gefahr der Zweckentfremdung

Polizisten loben laut Studie der Polizei-Hochschule bei Tasern das "Potential, Situationen zu beruhigen und darauf hinzuwirken, dass Personen den polizeilichen Anweisungen folgen, sowie Bedrohungen und tätliche Angriffe abzuwehren". In der Mehrzahl der ausgewerteten Fälle seien Taser gegen unbewaffnete Personen eingesetzt worden.

Um eine "Zweckentfremdung" von Tasern "zu unterbinden", empfehlen die Forscher "striktere Regelungen" für den Einsatz - insbesondere für die Taser-Androhung. Der Studie zufolge ist teilweise eine "gewisse Unsicherheit" bei Polizeikräften "im Umgang mit erwartbaren Bedrohungen und körperlichen Auseinandersetzungen" festzustellen.

Ein weiterer Befund: "Hinsichtlich des Abschusses des DEIG hat sich gezeigt, dass mit einer nicht unerheblichen Fehlquote an Treffern zu rechnen ist."

Für die sozialwissenschaftliche Studie der Berliner Forscher wurden in NRW unter anderem Straßenbefragungen bei Bürgerinnen und Bürgern durchgeführt. Demnach bestehe bei den Befragten nur ein "ungefähres" Wissen über Taser. Bürger wollten "sicher sein", dass der Taser-Einsatz bei der Polizei "auf gravierende Fälle beschränkt bleibt".

Geringes Risiko oder riskantes Einsatzmittel?

Ein bereits vorgestelltes medizinisches Gutachten im Auftrag der Landesregierung sieht Taser als "sinnvolle Ergänzung zu den vorhandenen Polizeimitteln" mit "einem verhältnismäßig geringen Risiko für schwere Verletzungen".

2024 hatte sich Andreas Ruch, Professor für Strafrecht, Strafprozessrecht und Eingriffsrecht an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen, in einem Beitrag für den "Verfassungsblog" gegen die fortschreitende Taser-Ausrüstung ausgesprochen. Taser seien ein "riskantes Einsatzmittel mit dem Potential der Normalisierung polizeilicher Gewaltanwendung".

Jetzt muss die Politik entscheiden

Jetzt liegen also etliche Experteneinschätzungen vor. Am Ende aber muss die Politik entscheiden, ob sie Taser landesweit bei der nordrhein-westfälischen Polizei einführen will. Die Bundespolizei soll laut Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) flächendeckend Taser bekommen.

Gerade um einen Schusswaffengebrauch zu vermeiden, können DEIGs "sehr hilfreich sein", sagt der CDU-Innenexperte im Landtag, Christos Katzidis. Die CDU wolle Polizistinnen und Polizisten "alle erforderlichen Mittel zur Verfügung stellen". Der Koalitionspartner klingt skeptischer. Man werde die Gutachten "auswerten und dann gemeinsam eine kluge politische Entscheidung treffen", sagt Grünen-Fraktionsvize Julia Höller. Taser könnten in einigen polizeilichen Einsatzsituationen hilfreich sein. Aber sie listete auch Negativpunkte auf - etwa "gesundheitliche Gefährdungen".

"Für den bisherigen Taser-Flickenteppich gibt es keine logische Erklärung", sagt Marcel Hafke (FDP) und kritisiert eine Uneinigkeit bei Schwarz-Grün. Bereits die Androhung des Taser-Einsatzes reiche in vielen Fällen zur Deeskalation aus. Markus Wagner (AfD) forderte "das sofortige Ausrollen des Tasers in allen Polizeibehörden Nordrhein-Westfalens".Die Taser-Gutachten seien "auf die lange Bank geschoben worden, um Koalitionskrach zu vermeiden“, kritisiert auch die SPD-Innenpolitikerin Christina Kampmann.

Wie Taser funktionieren

Die Polizei nutzt Taser, um Angreifer kurzzeitig außer Gefecht zu setzen. Die Waffen geben aus einiger Distanz Elektroschocks ab, die zu schmerzhaften Muskelkontraktionen führen. Ein abgeschossener Pfeil dringt in die Haut ein und gibt den Stromimpuls ab. Ein Mensch wird dadurch in der Regel handlungsunfähig.

Bis einschließlich September kam es 2025 laut Innenministerium in NRW insgesamt zu 1.079 Taser-Einsätzen, bei denen es in 855 Fällen bei der reinen Androhung blieb. Das war ein Anstieg zum Vorjahreszeitraum.

Quellen:

  • eigene Recherchen
  • Nachrichtenagentur dpa
  • Katzidis, Höller, Hafke, Wagner und Kampmann auf WDR-Anfrage