Militär wollte Erdoğan stürzen : Zehn Jahre nach dem Putschversuch in der Türkei
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Wer die Politik der Türkei heute verstehen möchte, der muss zehn Jahre zurückblicken. Der gescheiterte Putschversuch prägt die Türkei bis heute. Die WDR-Doku "Erdoğan" blickt auf die Ereignisse zurück. Drei Menschen aus NRW erzählen, wie sie die Nacht erlebt haben und was bis heute davon geblieben ist.
Es ist die Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016: Eine Fernsehmoderatorin verliest die Erklärung der mutmaßlichen Putschisten. Präsident Recep Tayyip Erdoğan ruft seine Anhänger per Smartphone-Schalte auf, auf die Straße zu gehen. Menschen stellen sich Militärfahrzeugen entgegen, einige klettern auf Panzer auf der Bosporus-Brücke.
Vor zehn Jahren versuchten Teile des türkischen Militärs, die Regierung von Präsident Erdoğan zu stürzen. Erfolglos. Erstmals in der Geschichte der türkischen Republik führte ein Putschversuch nicht zu einem Machtwechsel. Der politische Umbau des Landes wird durch diese Nacht aber trotzdem massiv beeinflusst. Erdoğan bezeichnete den Putschversuch später als "Geschenk Gottes".
Der politische Aufstieg Erdoğans
Tatsächlich folgte auf die Ereignisse ein tiefgreifender politischer Umbau des Landes. Kurz nach dem Putschversuch verhängte die Regierung den Ausnahmezustand, der fast zwei Jahre galt. In dieser Zeit regierte Erdoğan weitgehend per Dekret. Unter dem Ausnahmezustand wurden Zehntausende Menschen aus dem Staatsdienst entlassen oder festgenommen. Zugleich weitete Erdoğan seine politischen Befugnisse deutlich aus. 2018 trat schließlich das neue Präsidialsystem in Kraft und stärkte die Befugnisse des Präsidenten deutlich.
Wie es zu dieser Zäsur kommen konnte, zeichnet die vierteilige WDR-Dokumentation "Erdoğan" nach. Sie blickt nicht nur auf die Putschnacht selbst, sondern auf den politischen Aufstieg des heutigen Präsidenten, von seinen Anfängen in der Kommunalpolitik bis zum Umbau des türkischen Staates nach 2016. Die Serie ist in deutscher und türkischer Sprache in der ARD-Mediathek verfügbar. Wer Binge-Watchen möchte, kann die vier Folgen (deutsche Version) am 15. Juli ab 22:15 Uhr im WDR Fernsehen schauen.
Wie Menschen in NRW den Putsch in der Türkei erlebt haben
Vor einem halben Jahr sind Emre und seine Frau aus der Türkei nach Dortmund gezogen. Ein Grund dafür sei die wirtschaftliche Lage im Land gewesen, die sich in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert habe.
In der Putschnacht, erinnert sich der 30-Jährige, hat sein Vater angerufen. Der hat schließlich schon mal 1980 einen Putschversuch miterlebt. "Er meinte, ich soll zuhause bleiben und die Nachrichten verfolgen." Also tat Emre das auch.
"Ich war in meiner Universitätsstadt Sivas. Ein Freund von mir wollte den Bus in eine andere Stadt nehmen. Plötzlich ging das nicht mehr. Da hörten wir, dass es einen Putschversuch gab." Emre
Putschversuch 2016: Bilder aus der Nacht brennen sich ein
Die Folgen dieser Nacht sind nicht nur in der Türkei spürbar. Auch viele Menschen mit türkischen Wurzeln in NRW wissen noch genau daran, wo sie waren, als die ersten Meldungen über den Putschversuch bekannt wurden.
Eine Kommunalpolitikerin aus NRW erinnert sich an die Szene im Fernsehen, als die Moderatorin verkündet hat, dass gerade ein Putsch stattfindet:
"Und ich weiß noch, dass jeder von uns ein Grummeln im Bauch hatte, weil wir nicht wussten, was genau passiert und wieso es passiert." Kommunalpolitikerin aus NRW
Die Moderatorin des staatlichen Senders TRT war damals von den Putschisten gezwungen worden, ihre Erklärung zu verlesen. Die Bilder brannten sich bei vielen Menschen ein. In den ersten Stunden war besonders die Sorge um die eigene Familie im Land groß, so die Politikerin. "Da war ein Unbehagen: In welche Richtung geht es jetzt eigentlich?". Diese Gefühle blieben aber nicht nur im privaten Rahmen.
Die Spaltung reicht bis nach Deutschland
Schnell wird ihr bewusst, dass die Ereignisse weit über die Putschnacht hinausreichen und auch Diskussionen innerhalb der türkischen Community prägen werden. "Besonders auf türkischen Social Media Seiten wurden schnell zwei Lager klar: Einmal die Oppositionellen, die sich sicher waren, dass es sich um einen inszenierten Putschversuch handelt und die Anhänger von Erdoğan."
Die politischen Entwicklungen nach dem Putschversuch wirken sich aus ihrer Sicht bis heute aus. Auch in Deutschland würden politische Spannungen aus der Türkei immer wieder in Vereine, Verbände oder private Diskussionen hineingetragen. "Dass es immer wieder zum Thema wird, dass Leute in der Vereinsarbeit verschiedene politische Meinungen haben und nicht auf einen Nenner kommen. Das finde ich sehr schade, denn es sollte uns Deutschtürken vor allem um unseren Status hier in Deutschland gehen."
Die Folgen beschäftigen eine junge Generation
Nicht nur in Vereinen oder Familien sind die Folgen des Putschversuchs bis heute Thema. Auch Burak Can Kaba beschäftigt sich intensiv damit. Der Student aus Bielefeld schreibt seine Bachelorarbeit über die politische Entwicklung der Türkei. Er kann nicht leugnen, dass sein akademisches Interesse an dem Thema sehr durch sein persönliches Interesse an der türkischen Politik seit dem Putschversuch geprägt wurde.
Burak Can Kaba, Student aus Bielefeld
Während der Putschnacht ist Burak gerade mal 14 Jahre alt. Damals fängt er erst richtig an zu verstehen, was es heißt, wenn es in einem Land einen Putschversuch gibt. "Die Türkei ist ein Land, in dem es schon viele Putsche gegeben hat, aber in unserem Alter war es dann doch etwas Neues."
Die Spaltung innerhalb der Türkischen Community nimmt der Student auch wahr. "Ich habe selten erlebt, dass eine Community politisch gesehen so gespalten ist. Natürlich auch durch Erfahrungen als Diaspora verbunden, aber auch eben sehr gespalten." Das Thema, das Türkinnen und Türken auf der ganzen Welt am meisten trennt, da ist sich der 24-Jährige sicher, ist Erdoğan. "Vor allem seit dem Putschversuch."
Hinweis der Redaktion, 16.7.2026, 22.45 Uhr:
Wir haben eine - auch in der Kommunalpolitik aktive - Protagonistin anonymisiert, weil sie nach eigenen Angaben aufgrund ihrer Stellungnahme gravierende Bedrohung gegen sich und ihre Familie erhalten hat. Auf ihre Bitte hin haben wir den Beitrag entsprechend geändert.
Unsere Quellen:
- WDR-Interviews mit Emre, einer NRW-Kommunalpolitikerin und Burak Can Kaba
- ARD Doku "Erdoğan" 29.06.2026
Sendung: WDR.de, Zehn Jahre Putschversuch Türkei: Stimmen aus NRW, 14.07.2025, 14:45 Uhr