Er würde sich gerne "die Fahne zurückholen" und "den Nationalstolz nicht den falschen Leuten überlassen" - mit diesen Worten hat der neue Fußballbundestrainer Jürgen Klopp vor wenigen Tagen bei der Bekanntgabe des DFB-Kaders für viel Gesprächsstoff gesorgt.
Er wolle, dass, wenn jemand die Fahne schwenkt, niemand denkt: Was ist denn mit dir nicht in Ordnung? "Sondern, dass man einfach nur das Gefühl hat: Du bist happy, du verstehst, dass du Glück hattest, dass du in diesem wundervollen Land geboren, aufgewachsen, zugezogen bist."
Und er warf die Frage auf: Kann man stolz darauf sein, Deutscher zu sein und gleichzeitig offen, vielfältig, nett und freundlich? Seine Antwort: "Ich bin hundertprozentig sicher: Ja!" Ein "positiver Patriotismus" also.
Klopp scheint etwas Wichtiges angesprochen zu haben
Für seine Äußerungen erhielt Klopp in der Öffentlichkeit viel Zuspruch. Wenn man die Menschen auf der Straße fragt, was sie darüber denken, merkt man: Er scheint etwas Wichtiges angesprochen zu haben.
Andrea Kaiser fand die Worte von Jürgen Klopp gut.
Bildquelle: WDR/Laura-Sophie LangEin Kleingartenverein in Wuppertal: Die Parzellen sind am Hang gelegen und man sieht vereinzelt Deutschlandfahnen im Wind flattern. Andrea Kaiser, die dort einen eigenen Garten hat, findet das gut, weil es für sie Heimat symbolisiert.
Sie habe oft das Gefühl in eine rechte Ecke geschoben zu werden, wenn man sagt, man sei stolz Deutsche zu sein. Dabei findet sie, dass man natürlich offen sein könne und gleichzeitig stolz auf sein Land. Klopps Worte hätten bei ihr deshalb genau ins Schwarze getroffen. "Ich hätte mir gewünscht, Friedrich Merz hätte sowas mal gesagt", sagt sie.
"Das war ja nur eine Pressekonferenz und man hatte sofort dieses Gefühl, der bewegt was, der macht irgendwas." Andrea Kaiser, Kleingartenbesitzerin
Manche sind eher zurückhaltend
Manche haben allerdings auch gemischte Gefühle. Eine 93-Jährige, die gerade Blumen von einer Bekannten in einem der Gärten abholt, sagt im Bezug auf die Wörter Nationalstolz und Patriotismus: "Da gehöre ich zu der Generation, die da sehr geschädigt ist durch diese nationalen Gefühle und da bin ich sehr vorsichtig und auch sehr zurückhaltend."
Talal und Sheihko mochten Klopps Aussagen
Bildquelle: WDR/Laura-Sophie LangSzenenwechsel: Vor dem Einkaufszentrum im Wuppertaler Stadtteil Elberfeld stehen drei junge Männer, die sich unterhalten. Auch sie finden die Worte gut, die der neue Bundestrainer gewählt hat. Sheikho (21) sagt, dass seiner Meinung nach jeder das Recht habe seine Fahne zu schwenken – sei es die seiner Nationalität oder beispielsweise die Regenbogenfahne.
Nationalstolz und Patriotismus haben Beigeschmack
Sebastian und Matthias haben Klopps Äußerungen auch mitbekommen
Bildquelle: WDR/Laura-Sophie LangIm Wuppertaler Luisenviertel, das eher studentisch geprägt ist, stehen Matthias und Sebastian vor einer Bar und trinken etwas. Auch sie haben von Klopps Äußerungen gehört. Die Worte Nationalstolz und Patriotismus hätten für die beiden auf jeden Fall immer einen gewissen Beigeschmack. Man könne froh sein, dass man hier leben darf, sagt Matthias: "Wir leben halt schon in einem Erste-Welt-Land und haben Vorteile, die die meisten anderen Nationen nicht haben."
"Aber es hat halt trotzdem diesen Beigeschmack, wenn man drüber redet." Matthias, 37
Für Sebastian kommt das Erstarken von Rechts in der letzten Zeit als Faktor dazu. Das mache es schwieriger auseinanderzuhalten, was vielleicht eine gewisse Identifikation mit seinem Land sei und was Nationalstolz.
Warum Nationalstolz in Deutschland umstritten ist
Dass sich manche Menschen mit Begriffen wie Nationalstolz oder Patriotismus schwertun, hat in Deutschland vor allem historische Gründe. Der Nationalsozialismus und seine Folgen prägen den Umgang mit nationalen Symbolen bis heute. Gleichzeitig gibt es bei Fußball-Großereignissen immer wieder eine Debatte darüber, ob und wie ein Patriotismus aussehen kann, der sich nicht über Abgrenzung definiert, sondern über Vielfalt und gemeinsame Werte. Das funk-Format "Die andere Frage" hat zur EM 2024 deshalb auch Fans zu ihrem Verhältnis zu Nationalstolz gefragt.
Auch die Frage, worauf man überhaupt stolz sein kann, spielt dabei eine Rolle: Kritiker des Begriffs Nationalstolz argumentieren etwa, dass die eigene Nationalität keine persönliche Leistung sei. Andere unterscheiden deshalb zwischen Stolz auf die eigene Herkunft und einer Verbundenheit mit dem Land, in dem sie leben.
Stolz auf sein Land zu sein und Offenheit schließen sich nicht aus
Zurück zu Matthias und Sebastian: Dass man stolz darauf sein kann, Deutscher zu sein und gleichzeitig offen für andere, da stimmen sie Klopp zu. "Das zeigen ja auch andere Nationen. Bei uns ist das mit der Geschichte, die wir haben, etwas schwieriger, aber prinzipiell denke ich schon, dass das eine das andere nicht ausschließt", sagt Matthias.
Emma, die ebenfalls an diesem Abend im Luisenviertel unterwegs ist, findet auf jeden Fall, dass der Fußball bei der ganzen Diskussion etwas Verbindendes haben kann und sagt: "Wir sind ein Land und sollten zusammenstehen, egal welche Nationalität."
Das Zusammenstehen wird sich dann heute vielleicht direkt zeigen – denn am Abend trifft die Deutsche Nationalmannschaft dann in ihrem ersten Spiel unter Trainer Jürgen Klopp auf die Niederlande.
Unsere Quellen:
- Pressekonferenz von Jürgen Klopp zum DFB-Kader
- Gespräche der WDR-Reporterin mit Menschen in Wuppertal
Sendung: WDR.de, Bundestrainer Klopp bekommt Zustimmung, 24.09.2026, 05:01 Uhr