Emile Mpenza (l.) Jiri Nemec (r.) bei der Schweigeminute für 9/11

Schalkes CL-Spiel 11. September 2001 - "Es hätte kein Fußball gespielt werden dürfen"

Stand:

Wenige Stunden nach den Terroranschlägen am Morgen des 11. September spielt Schalke 04 erstmals in der Champions League. Unser Reporter Uwe Dietz erinnert sich an einen denkwürdigen Abend.

Von Uwe Dietz

Am 11. September 2001 entführen Terroristen vier Passagierflugzeuge. Zwei steuern sie ins World Trade Center in New York, eins ins Pentagon in Washington. Die vierte Maschine stürzt ab, als Passagiere versuchen, die Entführer zu überwältigen. Am Ende sterben an diesem Tag rund 3.000 Menschen. Ein paar Stunden später beginnt das Spiel des FC Schalke 04 in der Champions-League gegen Panathinaikos Athen. Die UEFA hat entschieden: Es muss Fußball gespielt werden, obwohl Spieler, Zuschauer und Beobachter ganz andere Gedanken im Kopf haben. Auch Sportschau-Reporter Uwe Dietz, der an diesem Abend im Stadion war und sich sehr persönlich an diesen Tag erinnert.

Ich sitze im Büro, freue mich wie ein kleines Kind auf den Abend - eine herrliche Mischung aus Anspannung und Glück. Es liegen tolle Wochen hinter uns und hinter Schalke.

Das letzte Spiel im Parkstadion, mit Manager Rudi Assauer, der schon vor dem Anpfiff wehmütig in Tränen ausbrach, all´ die unfassbaren Emotionen rund um die "Meisterschaft der Herzen", der Pokalsieg eine Woche später, die Eröffnung der Schalke-Arena als modernstem Stadion Europas und nun - heute Abend - das allererste Champions-League-Spiel in der Vereinsgeschichte.

Ein Morgen verändert alles

Schalke ist mittendrin in der Gefühlswelt des deutschen Fußball-Interesses, und der Schalke-Reporter genauso oft in den ARD-Sendungen wie die Kollegen aus München oder aus Dortmund.

Wie immer läuft ein kleiner Fernseher weitestgehend unbeachtet neben meinem Schreibtisch, an dem ich mich auf den griechischen Meister vorbereite - mit Hilfe von Zeitungsartikeln und Agenturnachrichten, die auf meinem Faxgerät ankommen.

Fußball-Reporter Uwe Dietz

Fußball-Reporter Uwe Dietz

Bildquelle: privat

Irgendwann nehme ich dann den Fernseher wahr. Die Tagesschau läuft und ich wundere mich noch, warum sie dort plötzlich Szenen aus Weltuntergangsfilmen zeigen. Es dauert ein paar Minuten, bis ich realisiere, dass das Live-Bilder sind. Ich höre und sehe, wie der erste Turm zusammenbricht, wenig später der zweite.

"Das Spiel wird sicher gleich abgesagt"

Die Aufstellung, die Taktik, die Spieler von Panathinaikos - das alles ist bedeutungslos, das bevorstehende Fußballspiel obsolet. Es wird sicher gleich abgesagt, denke ich. Korrespondenten berichten aus den USA über die noch sehr vage bekannten Hintergründe und befürchten bis zu 10.000 Todesopfer.

Irgendwann tritt Bundeskanzler Schröder vor die Medien und verspricht, dass das deutsche Volk in dieser schweren Stunde an der Seite der Vereinigten Staaten stehe. Spätestens jetzt erwarte ich die Absage der Europapokalspiele. Später werde ich erfahren, dass der FC Schalke sich im Bundeskanzleramt intensiv darum bemüht hat, das zu erreichen.

Doch nichts passiert. Ich muss mich auf den Weg machen in die Arena. Viel später als sonst, und auch mit einem ziemlich unguten Gefühl. Mit meiner Frau diskutiere ich noch darüber, ob eine ausverkaufte Arena nicht auch ein Ziel für das Terrornetzwerk Al-Qaida sein könnte. Schließlich ist die Gesamt-Situation an diesem Nachmittag ziemlich undurchschaubar.

Schalkes Champions-League-Abend am 11. September 2001

NRW-Sport 10.09.2026 4 Min. 45 Sek. Verfügbar bis 09.09.2028 WDR Online

Assauer: "Hätten nicht gespielt..."

Bei meiner Ankunft am Stadion merke ich sofort, dass ich mit diesem Gefühl nicht alleine bin. Im Medienzentrum redet niemand über das Spiel. Vielmehr wird überall getuschelt und geflüstert - über Hintergründe, über die Folgen der Attentate und die düstere Zukunft. Laut wird es nur, wenn über die Absage diskutiert wird.

Niemand begreift, warum dieses Risiko mit einem vollen Stadion und Protagonisten, die mit ihren Gedanken ganz woanders sind, überhaupt eingegangen wird. Schalkes Lichtgestalt Rudi Assauer betont nach der Partie, "dass wir nicht gespielt hätten, wenn wir Ausrichter gewesen wären".

Andreas Möller berichtet später, dass er wie viele Spieler fassungslos vor dem Fernseher im Hotel gesessen habe. Trainer Huub Stevens wird ergänzen, dass er nicht das Gefühl hatte, die Mannschaft in der Teamsitzung zu erreichen. Der Disziplin-Fanatiker versucht sogar dafür zu sorgen, dass alle Fernsehgeräte im Hotel ausgeschaltet werden.

Ein leiser Fußballtempel

Alle Versuche, den Spieltag abzusagen, scheitern. Die UEFA besteht darauf, dass gespielt wird - in insgesamt acht Stadien. So erlebt die nagelneue Schalke-Arena eine Atmosphäre, die man heute "spooky" nennen würde.

Der königsblaue Fußballtempel, der auf eine phantastische Party eingerichtet war und die eigene Mannschaft mit einer unfassbaren Energie und ebenso unglaublicher Lautstärke unterstützen wollte, kommt beinahe leise daher. Die meisten Anwesenden sind mit ihren Gedanken in New York. Sie fragen sich, was nun noch alles kommt. Bei vielen machen sich Angst breit.

Auf dem Spielfeld können sich die Griechen irgendwann besser vom Gedankenkarussell lösen. Spät in der 2. Halbzeit schießen sie zwei Tore. Wer getroffen hat, steht in der Statistik. Für die Namen interessiert sich an diesem Abend niemand.

Bei den Pressekonferenzen und Interviews danach gibt es kaum Fragen zum Sport und auch keine Antworten auf das warum? Nur in einer Beurteilung sind sich alle einig: An diesem Abend des 11. September 2001, dem Tag, an dem sich die Welt dramatisch verändert, hätte kein Fußball gespielt werden dürfen.

Unsere Quellen:

  • WDR-Reporter vor Ort

Sendung: WDR.de, "Schalkes Champions-League-Abend am 11. September 2001", 11.09.2026, 06:00 Uhr

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