Birgit Virnich studierte Englische Literatur und Journalismus in Kanada und den USA sowie Internationale Politik in England. Seit 1992 war sie für den WDR tätig und arbeitete viele Jahre als Korrespondentin in den ARD-Studios Nairobi und Moskau. Als Reporterin berichtete sie aus vielen Kriegs- und Krisengebieten in aller Welt - darunter auch aus New York nach den Anschlägen von 2001.
Als Sie am 11. September 2001 morgens aufgestanden sind: Was waren ihre Pläne?
Birgit Virnich
Bildquelle: WDRBirgit Virnich: Ich war damals Teil einer Journalistengruppe, die zusammen durch Amerika reiste. Es handelte sich um ein Austauschprogramm, bei dem wir verschiedene Radio- oder Fernsehsender im Landesinneren besuchten. An diesem Morgen waren wir in Wyoming unterwegs, auf dem Weg zu unserem nächsten Programmpunkt. Die Stimmung war gut. Ich hab mich sehr gefreut auf das Eintauchen in ein ländliches Amerika.
Wann und wie haben Sie erfahren, dass in Manhattan etwas vor sich geht?
Virnich: Wir saßen im Bus und sahen auf einem kleinen Monitor, wie das erste Flugzeug im Nordturm des World Trade Centers einschlug. Zunächst wollten wir das alles nicht glauben. Wir dachten, das sei fiktional. Dann habe ich zu unserer Busfahrerin geschaut - Tammy war ihr Name, aus New York, das werde ich nie vergessen. Ihr rollten die Tränen über das Gesicht. Und dann wusste ich sofort: Wow, das ist echt. Das passiert wirklich.
Das stelle ich mir beängstigend vor.
Virnich: Das war auch beängstigend. Allerdings hatte ich nicht viel Zeit, mich solchen Gefühlen hinzugeben. Die Kollegen von der Tagesschau und den Tagesthemen riefen an, weil sie wussten, dass ich in den USA unterwegs war. Dann haben ein Hörfunkkollege und ich ein Auto gemietet und sind abwechselnd rund 2.000 Kilometer in Richtung New York gefahren - fast ohne Pause.
Ground Zero nach den Anschlägen
Bildquelle: WDR/rbb/ARD/Andrea Booher/FEMA NewsJe näher wir kamen, desto mehr war auch entlang der Highways zu sehen. Überall standen Menschen, teilweise mit Kerzen in der Hand. Man merkte, dass sie nicht alleine sein wollten oder konnten. Sie mussten ihre Trauer bekunden, ihre Sorgen um die Zukunft, aber auch ihre Solidarität. Durch Amerika war ein Ruck gegangen, das ganze Land war im Aufruhr.
Wann sind Sie in Manhattan eingetroffen?
Virnich: Am Tag danach, zur Mittagszeit. Es musste alles sehr schnell gehen, weil das New Yorker ARD-Studio nicht besetzt war. Der Studioleiter war auf einem Dreh in Kanada - 5.500 Kilometer von Ground Zero entfernt. Und der Flugverkehr war komplett eingestellt. Wir konnten also keine Verstärkung aus Deutschland oder anderen Ländern anfordern. Es war ganz klar: Nur die, die bereits in den USA sind, müssen die gesamte Berichterstattung irgendwie hinkriegen.
Wie waren ihre ersten Eindrücke von New York nach dem Anschlag?
Die Ruinen der Twin Towers nach den Anschlägen
Bildquelle: WDR / dpa / KanterVirnich: Man sah noch die großen Rauchwolken. Die Trümmer des WTC kokelten und brannten ja noch viele Tage lang. Es war eine ganz eigenartige Situation, auch wegen der kollektiven Unsicherheit. Wenn sogar die Twin Towers zerstört werden können - was kann dann noch alles passieren? Es lagen viele bange Fragen in der Luft.
Können Sie sich noch an die Atmosphäre in der Stadt erinnern?
Suche nach Vermissten in New York City
Bildquelle: dpa | Boris RoesslerVirnich: Natürlich. Ich kenne niemanden, der dabei war und sich nicht in allen Einzelheiten erinnern kann. Es war eine sehr ruhige Stimmung, die Leute wirkten betroffen aber auch sehr nachdenklich. Im Umgang miteinander waren die New Yorker sehr fürsorglich, sehr freundlich. Bedrückend waren vor allem die vielen Menschen, die mit Zetteln und Plakaten nach vermissten Angehörigen suchten. So habe ich New York nie mehr erlebt.
Gibt es besondere Momente, die ihnen bis heute nicht aus dem Kopf gehen?
Virnich: Viele. Genau eine Woche nach den Anschlägen haben wir für eine Reportage auf der Wall Street gedreht. Ich war mit einem Banker unterwegs, als die Computer in der Börse hochgefahren wurden. Das hat mich beeindruckt, wie entschlossen alle waren, mitten im Chaos den Handel wieder ans Laufen zu bringen. Später am Tag gab es in Brooklyn einen "Marsch der Muslime". Die Teilnehmer mit ihren vielen US-Flaggen hatten eine klare Botschaft: Wir sind Amerikaner, der Anschlag geht nicht auf unser Konto.
Ich habe während des Drehs eine der Demonstrantinnen, eine Palästinenserin, kennengelernt. Gemeinsam standen wir vor dem gigantischen Loch, wo sich vor wenigen Tagen noch das World Trade Center befunden hatte. Sie brach dann in Tränen aus. Genau an dieser Stelle habe sie kurz nach ihrer Ankunft in den USA oft gesessen, erzählte sie. Ihre Töchter hätten in New York Medizin studiert. Das könne alles einfach nicht wahr sein. Das war sehr berührend.
Von einer Journalistin wird erwartet, dass sie auch unter extremen Bedingungen ihren Job erledigt. Wie schwer ist ihnen das persönlich gefallen?
Erschöpfte Feuerwehrleute
Bildquelle: dpa | epa afp SchmidtVirnich: Für mich war damals ganz klar: Das hier ist eine Zeitenwende, ein Umbruch. Ich wollte unbedingt mit eigenen Augen sehen, was passiert ist. Ground Zero war abgesperrt, aber es gab ja noch die benachbarte St. Paul's Kapelle, die wie durch ein Wunder den Einsturz der Türme überstanden hatte. Als ich vor dem riesigen Trümmerfeld stand, ging mir plötzlich durch den Kopf: Wow. Das ist Krieg, so fühlt sich also Krieg an.
Ich bin zwar als Journalistin schon in vielen Kriegs- und Krisengebieten gewesen. Aber das hier passierte in einem Land, das ich sehr gut kannte. Deshalb war das für mich ein einschneidendes Erlebnis und persönlich auch sehr belastend. Aber das ging allen Journalisten in meinem Umfeld so. Wir haben sehr viel darüber gesprochen. Das hat, denke ich, verhindert, dass wir einen psychischen Schaden davongetragen haben.
Wie blicken Sie heute - 25 Jahre später - auf das Geschehen?
Virnich: Der 11. September hat die politische Landschaft grundlegend verändert. Plötzlich war klar: Auch die Supermacht Amerika ist verwundbar. Eine Terrororganisation brachte sie dazu, über Jahrzehnte enorme Ressourcen in Kriege zu investieren, die gewaltige Zerstörung hinterließen. Afghanistan und Irak zeigten, dass militärische Überlegenheit nicht automatisch politischen Erfolg bedeutet.
Im Namen des "War on Terror" waren viele Amerikaner zugleich bereit, persönliche Freiheitsrechte aufzugeben und Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden enorme Macht zu übertragen. Guantánamo, Waterboarding, geheime Gefängnisse - damit gerieten auch die Werte unter Druck, für die Amerika selbst zu stehen beanspruchte. Zugleich wurde der Konflikt zunehmend als Konfrontation zwischen dem Westen und der islamischen Welt wahrgenommen.
Rückblickend war der 11. September vielleicht auch der Beginn einer Erosion amerikanischer Macht und moralischer Autorität - während sich die globale Machtordnung zugleich verschob, vor allem durch den Aufstieg Chinas.
Das Interview führte Andreas Poulakos.
Für die Online-Version wurde das Gespräch gekürzt und sprachlich bearbeitet.
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Birgit Virnich
Sendung: WDR.de, "So fühlt sich Krieg also an", 11.09.2026, 05:01 Uhr