Der Evonik-Tower in Essen.
Bildquelle: WDR/BiernatDer Essener Chemiekonzern Evonik stellt sich neu auf. Wie bereits im Juni angekündigt, sollen bis Ende 2029 rund 3.200 Arbeitsplätze wegfallen, davon 2.150 in Deutschland. Interimschef Claus Rettig erklärte nach Beratungen mit Vorstand und Aufsichtsrat am Dienstagabend, dass der Konzernumbau wie geplant fortgesetzt werden soll.
Dr. Claus Rettig, Stellvertrender Vorsitzender der Evonik Industries AG, Essen
Bildquelle: Evonik Industries AGRettig hatte die Führung des Unternehmens vor wenigen Wochen vorübergehend übernommen, nachdem Vorstandschef Christian Kullmann sich krankheitsbedingt zurückziehen musste. Nach seiner Genesung soll Kullmann den Chefposten wieder übernehmen. „Ich bin zuversichtlich, dass er im kommenden Jahr zurückkommen wird“, sagte Rettig vor Journalisten.
"Größter Konzernumbau der Unternehmensgeschichte"
Evonik steckt nach eigenen Angaben im größten Konzernumbau seiner Geschichte. Das Spezialchemieunternehmen will sich künftig stärker auf Geschäftsbereiche konzentrieren, die Gewinn abwerfen. Alle sechs großen Produktionsstandorte in Deutschland sollen dafür spezialisierte Aufgaben erhalten. Wie diese künftig verteilt werden, werde derzeit erarbeitet, teilte ein Unternehmenssprecher dem WDR auf Anfrage mit.
Zum Umbauprogramm gehört auch die Schließung einzelner Geschäftsbereiche und Standorte. So wird das Polyester-Geschäft mit Standorten in Marl und Witten eingestellt. Zudem sollen die Werke in Hamburg und Bitterfeld geschlossen werden.
Keine betriebsbedingten Kündigungen geplant
Der Konzern will den Stellenabbau nach eigenen Angaben vor allem über Abfindungsangebote erreichen und indem frei werdende Stellen nicht neu besetzt werden. Betriebsbedingte Kündigungen seien nicht vorgesehen, teilte das Unternehmen mit. Bis 2030 soll das Umbauprogramm vollständig umgesetzt sein.
Durch die Einsparungen will Evonik stärker in besonders profitablen Geschäftsfeldern wachsen - vor allem Luft- und Raumfahrt, Autozulieferung, Wasserstoff sowie Gesundheitstechnologie.
Weitere Verkäufe geplant
Langfristig will Evonik den Konzern verkleinern und weitere Geschäftsbereiche teilweise oder vollständig verkaufen. Bereits seit Längerem ist bekannt, dass sich der Konzern von den Gesellschaften Syneqt und Oxeno trennen will.
Das Gelände des Chemieparks in Marl.
Bildquelle: dpa/Christoph ReichweinBei der Infrastruktur- und Servicegesellschaft Syneqt arbeiten rund 3.500 Menschen. Die Oxeno GmbH hat etwa 1.000 Beschäftigte und produziert Vorprodukte für Kautschuk, Kunststoffe und Spezialchemikalien.
Chemiebranche unter Druck
Hintergrund des Stellenabbaus bei Evonik ist die anhaltende Krise der deutschen Chemieindustrie. Die Branche leidet unter einer schwachen Nachfrage sowie hohen Energie- und Rohstoffkosten. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) spricht von der schwersten Krise der Nachkriegsgeschichte. Für das laufende Jahr erwartet der Verband, dass die Produktion in Deutschland um weitere eineinhalb Prozent zurück geht. Stellenabbau gibt es auch bei anderen Chemie-Unternehmen.
Bei Evonik bedeutet das konkret: Einschließlich bereits laufender Sparprogramme könnte die Zahl der Beschäftigten in den kommenden Jahren um rund 10.000 sinken. Ende 2025 hatte der Konzern weltweit mehr als 31.000 Menschen beschäftigt.
Unsere Quellen:
- Nachrichtenagenturen dpa und reuters
- WDR-Anfrage Evonik
- Verband der Chemischen Industrie
- Pressemitteilung "Evonik schärft Wachstumsstrategie" (22.06.2026)
