Eine Mutter hält einen Säugling

Die sinkenden Geburtenraten haben Folgen für die deutsche Wirtschaft.

Bildquelle: IMAGO/Westend61/Natalia Deriabina

Immer weniger Babys So schadet der Nachwuchs-Mangel der Wirtschaft

Stand:

In Deutschland sinkt die Anzahl der Geburten wieder, auch die Kinderwunschrate geht nach unten. Das hat Folgen für die Wirtschaft.

Von Johannes Zuber

Wenn weniger Babys auf die Welt kommen, spüren das manche Berufsgruppen zuerst. Neben Hebammen und Kinderärzten sind das zum Beispiel die Kitas. Denen gehen langsam die Kinder aus. In Südwestfalen zum Beispiel gibt es in diesem Kita-Jahr schon mehr Betreuungsplätze als Kinder. Auf Dauer heißt das: Kitas schließen, es braucht weniger Erzieherinnen.

Auch andere Branchen bekommen den Geburtenrückgang zu spüren. So erwartet etwa die Schuhindustrie sinkende Verkaufszahlen - auch weil die meisten Kinderschuhe für das Alter zwischen einem und vier Jahren gekauft werden.

Wunsch nach Kindern sinkt

Nach einer neuen Auswertung des Bundesinstitus für Bevölkerungsforschung (BiB) sinkt auch der Wunsch nach Kindern bei den 18- bis 39-Jährigen. Frauen und Männer wünschen sich, im Auswertungszeitraum 2024/25, im Durchschnitt 1,69 beziehungsweise 1,64 Kinder. 2021/22 wollten die befragten Frauen noch 1,85 und die Männer 1,78 Kinder.

Das BiB geht davon aus, dass viele ihren Kinderwunsch aufschieben und er deshalb unerfüllt bleibt. Ein Grund dafür können zum Beispiel Sorgen vor Krisen sein wie Kriege oder der Klimawandel. Einige Befragte sagen aber auch, dass sie unzufrieden mit dem Wohnungsangebot oder den Verdienstmöglichkeiten seien und deshalb die Familienplanung aufschieben.

Dem Arbeitsmarkt gehen die Fachkräfte aus

Die Kinder fehlen der Wirtschaft aber nicht nur als potenzielle Kunden - auch der Arbeitsmarkt bekommt die Entwicklung zu spüren. Denn wer heute nicht geboren wird, macht in 15 oder 20 Jahren auch keine Ausbildung und arbeitet anschließend auch nicht. Und so merken die Unternehmen auch heute schon die gesunkenen Geburtenraten der vergangenen Jahrzehnte. In vielen Branchen fehlen Fachkräfte.

"Wenn Sie als Unternehmerinnen und Unternehmer nicht die Fachkräfte, die Leute haben, um ihre Dinge zu produzieren und zu verkaufen, dann werden sie früher oder später pleitegehen." Marcel Fratzscher,
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)

Das Problem ist bereits für viele kleine mittelständische Unternehmen zum Teil schon Realität geworden, sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). "Das wird sich aber auch in der Zukunft beschleunigen." Und dazu kommt: Viele Unternehmer kommen gerade ins Rentenalter und wollen ihre Firmen gerne an die nächste Generation übergeben.

Eine Rentnerin ist mit ihrem Rollator in der Innenstadt unterwegs.

Die Gesellschaft in Deutschland wird ohne Zuwanderung immer älter.

Bildquelle: WDR/ Sina Schuldt

Doch auch da fehlt es oft an geeigneten Kandidaten. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer hat Unternehmer befragt, die überlegen, ihren Betrieb zu schließen. 92 Prozent von ihnen gaben als Grund an, dass sie keinen geeigneten Nachfolger finden. Dieser Trend wird sich mit einer weiter sinkenden Geburtenrate wohl fortsetzen.

Fehlender Nachwuchs kann auch positive Folgen haben

Aber es ist nicht alles schlecht. So geht etwa der Wirtschaftsnobelpreisträger Daron Acemoğlu davon aus, dass fehlende Fachkräfte in Unternehmen auch zu mehr Innovationen führen können. Einfach gesagt: Wer keine Leute hat, die die Arbeit erledigen, muss eben kreativ werden.

Das führt dann zu technischem Fortschritt und mehr Innovationen. In der Vergangenheit konnten einer Datenanalyse Acemoğlus zufolge alternde und schrumpfende Gesellschaften den Verlust an Arbeitskräften genau dadurch kompensieren.

Ein junger Auszubildener schweißt etwas.

Viele Branchen in NRW haben Probleme, Nachwuchs zu finden.

Bildquelle: WDR/ Rupert Oberhäuser

Ein Trend wird diese Entwicklung voraussichtlich noch verstärken: Künstliche Intelligenz wird vermutlich viele Arbeitsplätze ersetzen und damit den Fachkräftemangel entschärfen, glaubt der Wirtschaftsforscher Marcel Fratzscher. Aber der technische Fortschritt wird nicht alle Probleme des demografischen Wandels lösen.

Zuwanderung mittelfristig die einzige Lösung

Ein Bereich, der das wachsenden Missverhältnis zwischen Jungen und Alten deutlich spürt, sind die Sozialsysteme. So steigen die Ausgaben für Rente, Pflege und Gesundheit an, während die Einnahmen zurückgehen, weil es immer weniger Einzahler gibt.

Eine Frau zieht die Folie von einem neuen Krankenhausbett ab.

Fachkräfte aus dem Ausland können in vielen Bereichen den fehlenden Nachwuchs kompensieren.

Bildquelle: picture alliance/ dpa/ Fabian Sommer

Für die kommenden 20 oder 30 Jahre sieht der Wissenschaftler Fratzscher daher nur eine Lösung: Wenn nicht genug Kinder geboren werden, müssen mehr junge Menschen aus dem Ausland kommen. Und das nicht nur in hochqualifizierten Berufen.

Damit sei Deutschland in der Vergangenheit schon gut gefahren. Schließlich ist das Problem des demografischen Wandels für die deutsche Wirtschaft nicht ganz neu.

Wirtschaftliche Folgen des demografischen Wandels

WDR 02.09.2026 3 Min. 33 Sek. Verfügbar bis 01.09.2028

Unsere Quellen:

  • WDR-Gespräch mit Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)
  • Studie "Baby Busts and Growth Booms: Demographic Change and the Macroeconomy" von Daron Acemoglu
  • DIHK-Report 2025
  • Nachrichtenagentur dpa
  • Pressemitteilung "Geburtentief und sinkende Kinderwünsche: Wie Zukunftssorgen und regionale Bedingungen die Familienplanung junger Menschen begleiten" des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung

Sendung: WDR.de, Wirtschaftliche Folgen des demografischen Wandels, 02.09.2026, 5:01 Uhr

Hinweis der Redaktion vom 02.09.2026, 11:38: In einer vorherigen Version hatten wir eine Formulierung, die den Eindruck erwecken konnte, dass Berufe in der Pflege nicht zu den hochqualifizierten Berufen gehören. Je nach Ausbildung sind Mitarbeitende in der Pflege aber hochqualifiziert. Deshalb haben wir den missverständlichen Halbsatz entfernt.

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