Es ist ruhig in dem Bürogebäude der Deutschen Transport-Genossenschaft (DTG) im Duisburger Stadtteil Ruhrort. Keine Hektik, keine lauten Kommandos. Und doch liegt etwas in der Luft. Hinter den Türen der Disposition wird seit Tagen fast ununterbrochen telefoniert, gerechnet und umgeplant.
Vorstand Roberto Spranzi sitzt an seinem Schreibtisch. Vor ihm stapeln sich Akten, Notizen und Unterlagen. Das Telefon klingelt immer wieder. Zwischendurch klärt er Fragen mit seinen Mitarbeitern, wirft einen Blick auf aktuelle Wasserstände oder bespricht einen Transport. Stress? Den merkt man ihm kaum an.
"Panik bringt ja auch nichts. Nur Ruhe bringt uns weiter", sagt Spranzi und lächelt kurz. Es ist ein Satz, der gut zu der Atmosphäre im Gebäude passt. Niemand wirkt hektisch, obwohl die Lage angespannt ist. Jeder Handgriff sitzt.
Disponenten in Duisburg planen jeden Transport neu
Ein paar Türen weiter sitzen zwei Disponenten vor ihren Arbeitsplätzen. Jeder von ihnen arbeitet gleichzeitig an zwei großen Bildschirmen. Auf einem laufen Transportdaten, Aufträge und Zeitpläne. Auf dem anderen ist eine digitale Karte des Rheins zu sehen. Kleine Symbole markieren die Schiffe der Genossenschaft. Während unseres Besuchs wandern die Blicke immer wieder über den Bildschirm.
"Hier wird es langsam voll", sagt einer der beiden und zeigt auf den Abschnitt des Rheins kurz vor Duisburg. Tatsächlich reihen sich dort die Schiffssymbole dicht an dicht – fast wie an einer Perlenschnur.
Die Disponenten vergleichen Aufträge, prüfen Wasserstände, suchen nach freien Kapazitäten. Fast ohne ein Wort klicken sie sich durch die Programme. Die Augen wechseln routiniert zwischen Karte, Tabellen und E-Mails. Immer wieder greift einer zum Telefon. Es geht um Ladungsmengen, Ankunftszeiten und Kunden, die wissen möchten, wann ihre Ware ankommt.
Für Roberto Spranzi beginnt jeder Arbeitstag inzwischen auf dieselbe Weise. "Wenn der Computer hochgefahren ist, wird als Erstes auf die Wasserstände geschaut", sagt er. Danach werde geprüft, welche Schiffe wo unterwegs sind, welche Kunden zuerst beliefert werden müssen und wie sich die vorhandenen Kapazitäten möglichst sinnvoll verteilen lassen.
Große Binnenschiffe mit deutlich weniger Ladung
Denn genau daran fehlt es derzeit. Wegen des Niedrigwassers können viele Binnenschiffe nur noch einen Bruchteil ihrer üblichen Ladung transportieren.
"Große Binnenschiffe können 3.500 bis 4.000 Tonnen transportieren - also ungefähr das, was 200 Lkw transportieren. Im Moment schaffen sie nur noch rund 20 bis 25 Prozent ihrer Ladefähigkeit", erklärt Spranzi.
Was auf den ersten Blick nur nach einer Zahl klingt, bestimmt den gesamten Arbeitsalltag in der Duisburger Zentrale. Wenn ein Schiff statt 4.000 Tonnen nur noch rund 1.000 Tonnen laden kann, braucht es für dieselbe Gütermenge mehrere zusätzliche Fahrten. Aus einem Transport werden plötzlich vier.
Die Folgen sind im Büro unmittelbar spürbar: "Wir brauchen aktuell vier- bis fünfmal so viele Schiffe wie in normalen Zeiten, um unsere Kunden sicher zu versorgen. Deswegen ist die Arbeit auch vier- bis fünfmal so intensiv, weil alles haarklein und sehr genau abgestimmt werden muss", sagt Spranzi.
Was höhere Transportkosten für Kunden bedeuten
Zur Genossenschaft gehören fast 100 Binnenschiffe. Rund 4.000 Transporte organisiert sie jedes Jahr. Befördert werden unter anderem Erz, Kohle, Stahl, Getreide, Ölsaaten und Baustoffe - Rohstoffe, auf die Industrieunternehmen entlang des Rheins täglich angewiesen sind. Noch funktioniert diese Versorgung. Doch sie wird aufwendiger und deutlich teurer.
"Unsere Kunden müssen derzeit mit Aufschlägen von mindestens 50 bis 70 Prozent kalkulieren - teilweise sogar noch mehr", sagt Spranzi. Betroffen seien vor allem Stahlwerke, Chemieunternehmen und Kraftwerke.
Trotzdem wirkt im Duisburger Büro niemand resigniert. Die Telefone klingeln weiter, auf den Bildschirmen bewegen sich die Schiffssymbole langsam den Rhein entlang und die Disponenten arbeiten konzentriert Auftrag für Auftrag ab.
Solange die Schiffe fahren können, wird geplant. Solange noch Ladung transportiert werden kann, wird organisiert. Panik, das hat Roberto Spranzi schon gesagt, helfe schließlich niemandem. Ruhe dagegen schon.
Unsere Quellen:
- Roberto Spranzi, Vorstand der Deutschen Transport-Genossenschaft
- Eindrücke des WDR-Reporters vor Ort
- Bisherige WDR-Berichterstattung über das Rhein-Niedrigwasser
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 07.08.2026, 18.45 Uhr