Blick auf einen Elektrolyseur für die Herstellung von grünem Wasserstoff.

Klimaneutrale Energie Aufbau der Wasserstoffwirtschaft stockt

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Grüner Wasserstoff gilt als Energieträger der Zukunft. Er soll dort zum Einsatz kommen, wo grüner Strom nicht ausreicht. Doch der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft stockt.

Grüner Wasserstoff ist unverzichtbar für die Klimaneutralität. Die Bundesregierung will die Versorgung ausbauen. Ihr Ziel: die heimische Produktion auf mindestens zehn Gigawatt (GW) bis zum Jahr 2030 verdoppeln. Große Erzeuger, Importeure, Speicheranlagen und Industriebetriebe sollen über ein Leitungsnetz verbunden werden.

Doch der Hochlauf stockt - trotz eines Wasserstoffbeschleunigungsgesetzes, das im April in Kraft getreten ist. Wo es hakt, zeigt eine Studie im Auftrag der Deutschen Industrie- und Handelskammer DIHK. Sebastian Bolay arbeitet als Bereichsleiter für Energie, Umwelt und Industrie bei der DIHK. Er hat die aktuellen Herausforderungen im WDR5 Wirtschaftsmagazin eingeordnet. Hier lesen Sie eine leicht gekürzte Fassung des Gesprächs.

Sebastian Bolay, DIHK-Bereichsleiter Energie, Umwelt, Industrie

WDR Wirtschaft: Herr Bolay, grüner Wasserstoff ist Wasserstoff, der mit erneuerbarer Energie erzeugt wird. Er soll bei der Treibhausgasneutralität eine Schlüsselrolle einnehmen, bleibt aber hinter dieser Ambition zurück. Warum?

Sebastian Bolay: Wir reden bei der Energiewende über einen großen Umbau der Infrastruktur. Wir wollen viel mehr Strom einsetzen, stellen aber fest, dass wir Strom aus unterschiedlichen Gründen nicht überall einsetzen können. Deswegen brauchen wir Wasserstoff.

WDR Wirtschaft: Das heißt, Wasserstoff hat mehr Wumms?

Bolay: Wasserstoff ist überall einsetzbar. Grundsätzlich können Sie Wasserstoff nutzen, um Fabriken zu betreiben, um Autos anzutreiben, um damit zu heizen oder auch in Kraftwerken, um damit Strom zu erzeugen. Das ist der große Vorteil. Wir müssen dazu aber erst einmal Infrastruktur aufbauen. Das hat die Bundesregierung getan, mit dem sogenannten Wasserstoffkernnetz. Das sind sozusagen dicke Röhren, durch die der Wasserstoff fließen soll. Die ersten Strecken sind dieses Jahr in Betrieb gegangen. Aber solange keine Infrastruktur da ist, gibt es natürlich keine Geschäftsmodelle.

Wasserstoff: "Einfach überall einsetzbar"

WDR 5 Das Wirtschaftsmagazin - aktuell 01.07.2026 08:00 Min. Verfügbar bis 08.07.2027 WDR 5

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WDR Wirtschaft: Das heißt, es braucht ein Pipeline Netz. Ich erinnere mich, dass bei uns in der Gegend, in der Nähe von Köln, der Gasversorger gesagt hat, er hat sein Gasnetz getestet und da könnte man auch Wasserstoff durchleiten. Wäre das eine Alternative?

Bolay: Es ist geplant, viele Strecken, die heute noch mit Gas betrieben werden, auf Wasserstoff umzustellen. Allerdings muss man diese Strecken frei kriegen. Das heißt, die sind dann nicht mehr für Gas verfügbar. Sie können gewisse Teile an Wasserstoff übers Gasnetz transportieren. Da gibt es unterschiedliche Aussagen von 20 bis 50 Prozent. Aber dann ist Schluss. Das hat damit zu tun, dass die Dichte von Wasserstoff viel geringer ist als die von Erdgas. Also, man muss ihn viel mehr verdichten und deswegen müssen sie die Netze irgendwann umbauen.

WDR Wirtschaft: Wir haben ja hier bei uns in Nordrhein-Westfalen einige energieintensive Industrien, zum Beispiel Hochöfen für die Stahlproduktion. Macht es Sinn, an diesen Standorten festzuhalten und Wasserstoff über das Kernnetz dorthin zu importieren?

Bolay: In Nordrhein-Westfalen haben sie eine relativ schnelle Anbindung Richtung Nordsee und in Richtung Holland, Rotterdam. Da wird sicherlich in Zukunft viel Wasserstoff anlanden, den sie per Pipeline in relativ kurzer Zeit bis nach NRW bekommen. Gerade an den Stahlstandorte in dieser Gegend sind die ersten Leitungen kurz davor, in Betrieb zu gehen.

 Thyssenkrupp-Stahlwerk

Thyssenkrupp-Stahlwerk

Es ist am Ende die Frage, mit welchem Preisschild der Wasserstoff am Werkstor ankommt. Deswegen hat die Stahlindustrie angekündigt, jetzt erst mal auf Erdgas zu gehen, weil im Moment Erdgas noch die deutlich günstigere Variante ist. Wenn wir aber längerfristig gucken: Deutschland will 2045 klimaneutral werden. Das heißt, dass Unternehmen zum Beispiel in Duisburg klimaneutral Stahl produzieren müssen.

WDR Wirtschaft: Sie haben gesagt, wir werden wahrscheinlich einige Mengen an Wasserstoff importieren. Müssen wir das wirklich? Es gibt ja oft Zeiten, wo mehr Wind- und Solarenergie produziert wird, als wir verbrauchen können. Da könnte man doch neben den Windpark einen Generator stellen, um Wasserstoff zu produzieren.

Bolay: Das kann man machen. Allerdings sind die Zeiten, in denen sogenannter Überschussstrom zur Verfügung steht, nicht so besonders groß in Deutschland. Es gibt Länder, die haben deutlich bessere Bedingungen, was erneuerbare Energien angeht.

Denken Sie an Dänemark, die keine große Industriestruktur haben, wo also wenig Nachfrage nach Wasserstoff sein wird. Dänemark hat große Potenziale an sogenannten Offshore-Windparks, die rein für die Wasserstofferzeugung da sind. Und je mehr Stunden die Elektrolyse läuft, umso günstiger können sie Wasserstoff herstellen.

Offshore-Windpark in der Nordsee

Das heißt, die Vorstellung, dass wir in Deutschland mit dem sogenannten Überschussstrom günstig Wasserstoff herstellen können, ist nicht gegeben. Deswegen gehen wir davon aus, dass wir zumindest langfristig erhebliche Importe bekommen, insbesondere aus unseren europäischen Nachbarländern.

WDR Wirtschaft: In ihrer Studie geht es um das Jahr 2040. Das sind noch 14 Jahre. Nicht viel, oder?

Bolay: Wir reden über eine Infrastrukturentwicklung, und Infrastruktur dauert. Wir haben angefangen mit dem sogenannten Wasserstoffkernnetz. Die ersten Leitungen werden gerade befüllt. Bis 2032/33 wird das Wasserstoffkernnetz stehen. Aber es werden nur die wenigsten Unternehmen direkt an diesem Kernnetz hängen.

Das heißt, im nächsten Schritt geht's drum, dass wir sozusagen die Zu- und Abfahrten zu diesem Netz möglichst schnell identifizieren und die entsprechenden Leitungen gebaut werden. Das Jahr 2040 ist nicht mehr weit entfernt. Deswegen brauchen wir ganz schnell Klarheit beim Thema Wasserstoff.

WDR Wirtschaft: Fühlen Sie sich ausreichend unterstützt von der Politik?

Bolay: Also es gibt zwei wesentliche Schrauben, an denen wir drehen müssen, damit es tatsächlich eine Erfolgsgeschichte wird, der Wasserstoff. [...] Eine zeigt Richtung Brüssel, weil viel im Bereich der Energieregulierung dort bestimmt wird, auch die Kriterien für den sogenannten grünen Wasserstoff.

Lkw steht an Wasserstoff-Zapfsäule

Lkw steht an Wasserstoff-Zapfsäule

Da hat die europäische Ebene dafür gesorgt, dass der Wasserstoff besonders teuer ist, weil sie die Kriterien so hochgeschraubt haben. Da wird es im Herbst eine Überarbeitung geben, und wir hoffen, dass die Kriterien gelockert werden, sodass der grüne Wasserstoff deutlich günstiger hergestellt werden kann. Wir reden da schnell über günstigere Projektkosten von um die 20 Prozent. Das kann den Wasserstoffhochlauf in der Europäischen Union erheblich anschieben.

WDR Wirtschaft: Und was ist die zweite Schraube?

Bolay: Der zweite Punkt ist die Infrastrukturfinanzierung. Wenn Sie dran denken, wie in der Vergangenheit zum Beispiel Stromnetze aufgebaut worden sind: Da hat die öffentliche Hand erheblich mitinvestiert. Denn Infrastruktur besteht zu einem hohen Teil aus Kosten, die einfach da sind, egal, ob sie einen Nutzer haben oder hunderttausende. Beim Wasserstoff haben wir die Situation, dass es nur relativ wenige Kunden am Ende sein werden: Raffinerien etwa und Industriebetriebe. Es bleibt abzuwarten, was im Bereich der Schifffahrt und der Luftfahrt dazu kommt.

Visionen für nachhaltige Flugreisen

WDR 3 Mosaik 10.06.2026 04:48 Min. Verfügbar bis 10.06.2027 WDR 3

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Also wir reden über relativ wenige Kunden, die die Infrastruktur finanzieren müssen und das wird nur finanziell funktionieren, wenn der Staat gerade jetzt am Anfang, wenn wir noch sehr wenige Nutzer haben, finanziell miteinsteigt. Sonst sind die Netzkosten so hoch, dass daraus kein Geschäft wird.

WDR Wirtschaft: Kann Wasserstoff für Autos perspektivisch doch noch attraktiv werden?

Bolay: Wer weiß, welche technologischen Durchbrüche wir am Ende erzielen. Aber im Autoverkehr läuft es sehr stark auf eine Elektrifizierung hinaus. Das sieht anders aus, wenn wir an den Schwerlastverkehr denken. Da kann es durchaus sein, dass Wasserstoff eine erhebliche Rolle spielen wird.

Unsere Quellen:

  • Sebastian Bolay, DIHK, Bereichsleiter für Energie, Umwelt und Industrie

Sendung: WDR 5, Das Wirtschaftsmagazin, 08.07.2026, 13:35 Uhr

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