Warum viele kein Eigentum wollen | WDR aktuell
Bildquelle: WDRWDR. 2 Min. 28 Sek.. Verfügbar bis 11.03.2037.
Immer weniger Menschen in Deutschland leben einer Studie zufolge im eigenen Haus oder in der eigenen Wohnung. Die Eigentumsquote ist demnach inzwischen auf 43,5 Prozent gesunken. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts liegt die Quote sogar noch niedriger (41,9 Prozent). Die Behörde hat die Zahl auf WDR-Anfrage bestätigt.
Besonders für jüngere Haushalte wird der Kauf einer Immobilie zur finanziellen Hürde. Deutschland bleibt damit ein Land der Mieterinnen und Mieter. Nach Angaben des Pestel-Instituts lebt nicht einmal jede zweite Person im selbst genutzten Wohneigentum. Im europäischen Vergleich bilde Deutschland damit das Schlusslicht.
Als Ursachen nennt das Pestel-Institut vor allem hohe Baukosten, gestiegene Zinsen und eine unzureichende Förderung von Wohneigentum in den vergangenen Jahren.
"Selbst dort, wo die Kaufpreise für Immobilien stagnieren oder sinken, sind sogar Doppelverdiener mit Durchschnittseinkommen kaum in der Lage, sich eigene vier Wände zuzulegen." Matthias Günther, Leiter Pestel-Institut
Besonders die Entwicklung der Baukosten belaste den Markt. Seit dem Jahr 2000 seien die kompletten Kosten für Wohnungen um rund 160 Prozent gestiegen, sagte Institutsleiter Matthias Günther der Augsburger Allgemeinen. Die Verbraucherpreise hätten im selben Zeitraum dagegen um 64 Prozent zugelegt.
Neben dem Kaufpreis müssen Käuferinnen und Käufer außerdem hohe Nebenkosten stemmen – etwa für Grunderwerbsteuer, Notar, Grundbucheintrag und gegebenenfalls Makler. Das verlängere die Zeit, die Haushalte für das nötige Eigenkapital sparen müssten.
Die Folgen treffen laut Pestel-Institut vor allem jüngere Menschen. Fast drei Viertel der 25- bis 45-Jährigen wohnten derzeit zur Miete. Der Wunsch nach einem Eigenheim lasse sich für viele trotz zweier Einkommen kaum noch verwirklichen.
Junge Menschen wohnen häufiger zur Miete
Vor allem für junge Menschen wird es immer schwieriger, an Eigentum zu kommen. Stimmen aus Münster.
Günther sieht politische Entscheidungen als einen wichtigen Grund für die Entwicklung. Zwar habe die Zuwanderung den Druck auf den Wohnungsmarkt erhöht. Schwerer wiege aus seiner Sicht aber, dass eine wirksame bundesweite Förderung für selbst genutztes Wohneigentum weggefallen sei. Als Beispiel nannte er das Baukindergeld, das 2021 auslief.
Der Institutsleiter fordert deshalb einen bundesweiten Wohneigentumsplan. Ziel müsse sein, jedes Jahr mindestens 200.000 Haushalten den Weg ins selbst genutzte Eigentum zu ermöglichen. Wohneigentum sei auch ein Baustein gegen Altersarmut, argumentiert Günther: Wer im Ruhestand keine Miete mehr zahlen müsse, habe deutlich geringere monatliche Belastungen.
Soweit die eine Seite der Immobilienmarkt-Medaille – ein Trend, über den seit Jahren immer wieder in den Medien berichtet wird und der sich zunehmend verschärft. Es gibt aber auch noch eine andere Seite.
Viele wollen gar nicht kaufen
Denn einer europaweiten Befragung des Maklernetzwerks Remax zufolge hat fast jede dritte befragte Person in Deutschland – immerhin 31 Prozent – grundsätzlich kein Interesse daran, Wohneigentum zu erwerben. Das sei mehr als doppelt so viel, wie der europäische Durchschnitt mit 15 Prozent.
Flexibel bleiben - das ist für viele junge Menschen besonders wichtig
Bildquelle: WDR / picture alliance / dpa Themendienst / Markus ScholzAls wichtigste Gründe nannten die Befragten, dass sie gerne zur Miete wohnen und die Verpflichtungen eines Immobilienkaufs vermeiden möchten. 57 Prozent derjenigen, die kein Eigentum anstreben, seien mit ihrer aktuellen Wohnsituation zufrieden. 30 Prozent wollten nicht für Instandhaltung und Reparaturen verantwortlich sein oder sich langfristig finanziell binden. 18 Prozent schätzten besonders, dass sie als Mieter flexibel bleiben.
Gerade bei einem Jobwechsel kann das ein Vorteil sein. Wer zur Miete wohnt, kann leichter umziehen als Eigentümerinnen und Eigentümer.
In der Remax-Befragung gaben 63 Prozent der Menschen in Deutschland an, zur Miete zu wohnen. Damit liege die Bundesrepublik europaweit an der Spitze. Knapp dahinter folgt die Schweiz (62 Prozent). In Österreich und Finnland liegt die Mieterquote bei jeweils 48 Prozent.
In vielen Ländern Süd- und Osteuropas ist Wohneigentum deutlich weiter verbreitet. In Rumänien leben laut Remax 83 Prozent der Befragten im eigenen Zuhause, in Bulgarien und Kroatien jeweils 80 Prozent. In Italien und Litauen sind es jeweils 79 Prozent.
Ansparen dauert mehr als zehn Jahre
Ein weiterer Grund für den erschwerten Zugang zum Eigentum sind die schon erwähnten hohen Kaufnebenkosten. Nach der Remax-Studie benötigen Käuferinnen und Käufer in Deutschland im Durchschnitt 10,2 Jahre, um die Anzahlung für ihre erste Immobilie anzusparen. Damit liege Deutschland unter den untersuchten europäischen Ländern am Ende der Rangliste.
Im europäischen Mittel dauert die Ansparphase demnach 7,3 Jahre. In Finnland kommen Käuferinnen und Käufer laut Studie im Schnitt bereits nach vier Jahren auf die notwendige Anzahlung.
Aus Sicht von Remax könnte eine Senkung der Kaufnebenkosten den Immobilienerwerb erleichtern. Auch geringere Anforderungen an das Eigenkapital würden mehr Haushalten helfen – zugleich aber mit dem Risiko höherer monatlicher Kreditbelastungen einhergehen.
Für viele bleibt der Traum vom Eigenheim deshalb erst mal vor allem eine Frage der vorhandenen Rücklagen und der Entwicklung von Bau- und Finanzierungskosten.
Unsere Quellen:
- Nachrichtenagenturen AFP/OTS
- Augsburger Allgemeine
- Pestel-Institut
- Maklernetzwerk Remax
- WDR-Anfrage beim Statistischen Bundesamt
Sendung: WDR.de, Warum viele Menschen kein Eigentum wollen, 14.09.2026, 12:00 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell, 14.09.2026, 12:45 Uhr