Kaum günstige Ladesäulen auf dem Land | WDR aktuell
Bildquelle: dpa / Jan WoitasWDR. 26 Sek.. Verfügbar bis 08.05.2028.
Als Christian Junge am Abend in sein Handy schaut, um zu gucken, was er am Mittag für die Ladung seines E-Autos bezahlt hat, staunt er nicht schlecht. Mehr als einen Euro musste er pro Kilowattstunde (kWh) berappen - das ist ein Rekordpreis. "Vor allem, weil ich an genau derselben Ladesäule mit derselben Tankkarte schon wesentlich billiger getankt habe", sagt Junge.
Das Beispiel des 46-jährigen Kölners zeigt, in welchem Preisdschungel E-Autofahrer in Deutschland jeden Tag den Überblick behalten müssen, wenn sie an öffentlichen Ladesäulen günstig laden wollen. Denn mit der Karte eines anderen Anbieters hätte Junge an derselben Säule mit 55 Cent nur etwas mehr als die Hälfte gezahlt.
Preise für Strom an der Ladesäule variieren stark
Christian Junge an der Ladesäule.
Bildquelle: WDR/Jörn KießlerDoch Junge besitzt nur eine Ladekarte. "Die habe ich damals ausgewählt, weil man damit bei den meisten Anbietern laden kann", sagt er. Komfort sei ihm wichtig - und ein bisschen Faulheit sei vielleicht auch dabei. "Weil du mit dem E-Auto eh immer schauen musst, wo die nächste Ladestation ist und wieviel Prozent Ladung man noch im Auto hat", sagt Junge. "Und wenn ich dann auch noch Preise vergleiche, dann kann ich mich vor jeder Reise eine Stunde hinsetzen und dazu hab ich keine Lust."
Das Problem: Junge ist auf die öffentliche Ladestruktur angewiesen. Denn eine eigene Wallbox, mit der er sein Auto zuhause zum Hausstromtarif oder womöglich sogar mit Solarstrom aus der eigenen PV-Anlage aufladen kann, hat er nicht. Das macht ihn noch zum Exoten unter den E-Auto-Nutzern. Laut einer Studie des Instituts für Verkehrsforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) laden rund 80 Prozent der E-Auto-Nutzer in Deutschland ihr Fahrzeug ausschließlich zuhause auf.
Studie: Eigene Wallbox bislang wichtigste Ladequelle für E-Autos
Bei der Nationalen Leitstelle Ladeinfrastruktur in Berlin geht man aber davon aus, dass dieser Anteil in den kommenden Jahren sinkt. "Für 2030 wird je nach Szenario angenommen, dass der Anteil der E-Pkw ohne Heimlademöglichkeit auf bis zu 50 Prozent steigen kann", heißt es auf Anfrage des WDR.
Till Gnann forscht am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung.
Bildquelle: FISI (Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI)Ein Treiber dafür könnten Krisen wie der Irankrieg sein. Denn die aktuell stark angestiegenen Spritpreise machen es auch für Autofahrer ohne eigene Ladestelle verlockend, auf ein E-Auto umzusteigen. "Von den laufenden Kosten muss man ganz klar sagen, dass es sich lohnt, ein Elektroauto zu fahren", sagt Till Gnann, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Energietechnologien und Energiesysteme am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI.
Hohe Spritpreise fördern Interesse an E-Autos
Bei Spritpreisen, die trotz des neuen Tankrabatts jenseits der Zwei-Euro-Marke liegen können, seien die Kosten pro gefahrenem Kilometer selbst dann noch günstiger als Benzin oder Diesel, wenn man 50 Cent pro Kilowattstunde an einer öffentlichen Ladesäule zahle, sagt Gnann. Dazu kommen laut Gnann noch weitere Vorteile eines E-Autos: "Man hat auch geringere Wartungskosten im Elektrofahrzeug und im Moment zahlt man auch keine Kraftfahrzeugsteuer."
Ähnliche Argumente führt auch Roman Suthold vom ADAC Nordrhein an. Der Leiter des Fachbereichs "Verkehr und Umwelt" gibt aber zu bedenken, dass Investitionsentscheidungen, wie jene für ein E-Auto, immer langfristig getroffen würden. "Was wir momentan aber sehen, ist ganz klar: Die Menschen interessieren sich viel mehr für Elektroautos, die Anfragen beim ADAC nehmen zu", sagt er.
Neuzulassungen: E-Autos überholen Benziner
Dieser Trend lässt sich auch an der Zahl der in Deutschland neu zugelassenen reinen E-Autos ablesen. In den ersten vier Monaten des Jahres waren es laut Kraftfahrtbundesamt mehr als 220.000. Mehr als 130.000 davon im März und April. Damit wurden in diesen beiden Monaten zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren wieder mehr E-Fahrzeuge als Benziner zugelassen.
Ein Grund dafür könnte sein, dass der Bundestag Mitte April eine neue E-Auto-Prämie beschlossen hat. Mit ihr können Käufer von E-Autos und Hybridfahrzeugen zwischen 1.500 und 6.000 Euro Unterstützung beantragen - auch rückwirkend bis Jahresbeginn. Das Portal, auf dem man die Förderung beantragen können soll, soll im Mai online gehen. "Das ist noch ein weiterer Faktor, der die Situation begünstigt und dafür sorgt, dass die Leute sich verstärkt mit dem Thema Elektroauto auseinandersetzen", sagt der ADAC-Experte.
Dazu kommt, dass E-Autos laut Suthold künftig preiswerter werden könnten. Vor allem, weil viele chinesische Anbieter mit günstigeren Angeboten auf den europäischen Markt drängten.
ADAC kritisiert fehlende Preistranzparenz an Ladesäulen
Roman Suthold vom ADAC Nordrhein
Bildquelle: Johannes Giewald/ADAC NordrheinAn einer anderen Front sieht Suthold jedoch noch Nachholbedarf: bei der Preispolitik an den Ladesäulen in Deutschland. "Ein Punkt ist die fehlende Preistransparenz, die der ADAC auch ganz klar kritisiert", sagt er. Denn während sich die Preise von Benzin, Super und Diesel meist nur um wenige Cent von Tankstelle zu Tankstelle unterscheiden, sieht das beim Laden von E-Autos ganz anders aus. Hier ist es möglich, dass es an ein und der derselben Säule Preisunterschiede von bis zu 50 Cent gibt.
"Wir sind es vom Tanken gewöhnt, dass wir an der Tankstelle wirklich sehen: Was zahle ich jetzt pro Liter Kraftstoff? Und das wünschen wir uns auch an der Ladesäule." Roman Suthold, Leiter Fachbereich "Verkehr und Umwelt", ADAC Nordrhein
Zahlreiche Faktoren beeinflussen Strompreis beim öffentlichen Laden
Welchen Preis man beim Laden pro Kilowattstunde bezahlt, hängt von diversen Faktoren ab. Zum Beispiel davon, ob man sein Auto langsam mit Wechselstrom (Normalladen mit 22 bis 43 kW) lädt. Oder ob man eine sogenannte Schnellladesäule ansteuert, die den Fahrzeug-Akku mit 100 bis 350 kW wesentlich schneller aufladen kann.
Ein weiterer Aspekt, der den Preis beeinflusst, ist die Zugänglichkeit der Ladepunkte. Sind sie an jederzeit zugänglichen Parkplätzen oder befinden sie sich in Parkhäusern, auf Supermarktparkplätzen oder anderen nicht immer zugänglichen Orten?
Den größten Unterschied macht aber der Stromanbieter und ob man als E-Autofahrer ein Kundenkonto hat oder nicht. Noch günstiger, als mit einem Kundenkonto gezielt die Säulen des jeweiligen Anbieters anzusteuern, ist ein Abo, mit dem man gegen einen monatlichen Grundpreis günstigere kW-Preise bekommt. "Bei den meisten Anbietern können Sie Pakete buchen: S, M und L, also für Weniglader, für Normallader und für Viellader", erklärt Suthold. Meist lohne sich der M-Tarif bereits, sobald man zwei oder drei Mal im Monat das Auto an einer öffentlichen Säule lade.
Vergleichs-Apps helfen bei der Auswahl der Ladesäule
Voraussetzung sei jedoch, dass man sich mit den Preisen beschäftige und stets informiere. Ohne eine App sei das kaum möglich, sagt Suthold.
Mittlerweile gibt es zahlreiche dieser Preisrechner. Je größer der Datenschatz ist, der hinter der App liegt, desto genauer kann sie berechnen, wie viel E-Autofahrer an der jeweiligen Ladesäule zahlen müssen, je nachdem über welche Ladekarte oder welches Abo sie verfügen.
"Wir sehen gerade, dass einige lokale Anbieter ihre regionale Monopolposition ausnutzen", sagt Suthold dazu. In Köln, aber auch anderen Städten seien dann selbst beim Normalladen Preise von bis zu 79 Cent pro Kilowattstunde möglich. "Das ist völlig unwirtschaftlich für den Nutzer und aus meiner Sicht auch nicht gerechtfertigt", sagt Suthold.
E-Auto-Fahrer: "Lieber eine zweite Ladekarte"
Niklas Hösl, Gründer der Lade-App Chargeprice
Bildquelle: ChargepriceWas für Ausmaße das annehmen kann, beschreibt Niklas Hösl, Gründer der Vergleichs-App Chargeprice. "Manchmal ist es preiswerter Ad-hoc, also ohne Karte, zu laden, weil es so noch günstiger ist, als die Roaming-Gebühren zu zahlen, die gegebenenfalls anfallen", sagt er. Denn in manchen Fällen verlangen die Anbieter von Ladesäulen von Konkurrenz-Unternehmen hohe Abschläge, wenn deren Kunden an ihren Säulen laden. Und diese geben die Kosten dann an einfach weiter.
So wie im Fall von Christian Junge. Der hat aus dem Schaden gelernt: "Mal abgesehen davon, dass ich künftig häufiger in eine App schaue, bevor ich mein Auto lade, werde ich mir auf jeden Fall noch eine Ladekarte von einem anderen Anbieter besorgen."
Unsere Quellen:
- Interview mit Prof. Dr. Roman Suthold, ADAC Nordrhein
- Interview mit Dr. Till Gnann, Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI
- Interview mit Niklas Hösl, Gründer der Vergleichsapp Chargeprice
- Anfrage an die Nationale Leitstelle Ladeinfrastruktur
- ADAC-Beitrag zu Ladetarifen und Kosten
- "Einfach zu Hause laden,", Studie der Nationalen Leitstelle Ladeinfrastruktur
- Studie zum Ladeverhalten von E-Auto-Nutzern in Deutschland vom Institut für Verkehrsforschung des DLR
Sendung: WDR 5, Morgenecho, 02.05.2026, 6:05 Uhr
Erstveröffentlichung am 02.05.2026