Markt in Waldbröl wird 175: Darum lohnt sich der Besuch
Bildquelle: mauritius images / Antje Lindert-RottkeWDR. 3 Min. 55 Sek.. Verfügbar bis 09.09.2028.
Plötzlich gackert es aus der roten Plastikkiste. Willi Klaas greift mit bloßen Händen hinein, zieht zwei Hühner am Flügel heraus und setzt sie in einen Mini-Stall auf den Strohboden. Es ist wieder Vieh- und Krammarkt im oberbergischen Waldbröl. Wobei Vieh mittlerweile eher Hasen, Enten und eben Hühner meint. So wie am Stand von Händler Willi Klaas.
Hühnerhändler Willi Klaas
Bildquelle: WDR / PiepkornIn Waldbröl kann man sogar Hühner kaufen
Familie Voitz und Tochter Leonie sind extra früh aufgestanden, um sich die besten Hennen zu sichern. Gekauft wird nach Augenmaß, sagt Mama Olga. "Wir nehmen, was gut aussieht." Vielleicht sind schöne Hühner auch reinlicher? Denn Tochter Leonie kümmert sich lieber um den Hasenstall, sagt sie und grinst.
Es sind Szenen wie diese, die kaum noch auf Märkten in NRW zu erleben sind. In vielen Städten gibt es nur ein paar Stände auf einem Marktplatz. Tiere werden kaum noch verkauft.
Ganz anders in Waldbröl: Über anderthalb Kilometer ziehen sich die Marktstände durch die Innenstadt. Ob Gewürze, Klamotten, Haushaltsbedarf oder eben Kleinvieh – Waldbröl bezeichnet sich selbst als "Marktstadt". Der Tierverkauf wird vom Veterinäramt geprüft.
Markt in Waldbröl hat bewegte Geschichte
Seit 1851 Jahren gibt es den Vieh- und Krammarkt in Waldbröl. Am 10. September wird deshalb 175. Jubiläum gefeiert. Historiker Wolfgang Rosen forscht für den Landschaftsverband Rheinland zur Stadtgeschichte von Waldbröl.
Damals war Waldbröl nur ein kleines Dorf mit vielen Viehbauern. Die nächsten Märkte waren in Köln oder im Sauerland, erzählt Rosen. Für die Bauern eine Tagesreise weit weg.
Viehmarkt in Waldbröl 1926
Bildquelle: Stadtarchiv Waldbröl1851 hatte Landrat Oscar Danzier dann die Idee: Warum nicht das schöne Vieh in Waldbröl auf einem eigenen Markt verkaufen und so die Wirtschaft ankurbeln? Seitdem ist donnerstags Markttag.
Denn die Viehhändler waren meist Juden. Freitags ist der jüdische Ruhetag Schabbat. Der Markt wuchs immer weiter – bis die Nazis in den 1930ern die jüdischen Händler vertrieben. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Markt eingestellt, erst 1950 ging es wieder weiter.
"Ich habe immer gesagt: Passt in der Schule auf"
Wenn Harald und Christian Wirths durch den Markttrubel schlendern, kommen sie kaum voran. Überall werden sie angesprochen. Die beiden sind echte Waldbröler Marktoriginale – und nicht verwandt, wie sie betonen.
Fast 50 Jahre lang haben sie im Morgengrauen aus Holzlatten die Marktstände per Hand aufgebaut. Und dabei Generationen von Händlern und Kunden kommen und gehen sehen.
Christian (l.) und Harald Wirths arbeiten seit 1979 auf dem Markt.
Bildquelle: WDR / PiepkornNachmittags haben ihnen Studenten beim Abbauen geholfen, erinnert sich Christian Wirths. Die seien heute Professoren oder Rechtsanwälte. "Ich habe immer gesagt: Passt in der Schule auf, dann braucht ihr so einen Scheiß nicht zu machen", sagt er und lacht. Mittlerweile ist das Aufbauen per Hand vorbei: Die Händler kommen mit ihren eigenen Ständen oder verkaufen gleich aus dem Fahrzeug heraus.
Händlerfrühstück mit Schnaps
Früher habe es in Waldbröl noch zahlreiche Kneipen gegeben, in denen die Händler an Markttagen gefrühstückt und Schnaps getrunken haben, erinnert sich Günter Härting. Er ist der Marktmeister von Waldbröl und seit 44 Jahren im Dienst. 1.100 Märkte hat er mitgemacht.
Marktmeister Günter Härting beim Kassieren
Bildquelle: WDR / PiepkornSchnurstracks geht Härting von Stand zu Stand und zückt sein großes Portemonnaie. Das Kassieren gehört zu seinen Aufgaben. 3,50 Euro kostet der laufende Meter. Schon günstig, aber man wolle ja, dass die Händler wiederkommen, sagt Härting. Aber klar, der Markt habe sich verändert.
Wo sich früher die fahrenden Händler um die freien Plätze rangelten, geht es heute ruhiger zu. Es kämen weniger Händler und die alteingesessenen würden kaum noch einen Nachfolger finden, sagt Härting. "Das ist eben ein Markt: das Prinzip von Angebot und Nachfrage." Und die Nachfrage sinke – "leider".
175. Marktjubiläum am 10. September:
Trotzdem zählt der Markt in Waldbröl noch immer zu den größten in Nordrhein-Westfalen. Alle 14 Tage können Besucher donnerstags zwischen 7 und 13 Uhr durch die Innenstadt schlendern. Zum 175. Marktjubiläum gibt es am 10. September ab 9 Uhr ein besonderes Programm auf dem Marktplatz: der Spatenstich für die neue Markthalle, Infos zur Geschichte des Marktes und mehr Tiere als sonst.
Unsere Quellen:
- Gespräche und Beobachtungen des WDR-Reporters vor Ort
- Gespräch mit Dr. Wolfgang Rosen, Historiker beim LVR
- Stadtarchiv Waldbröl
Sendung: WDR.de, 175 Jahre Markt Waldbröl: Wenn's in der Tüte gackert, 09.09.2026, 05.03 Uhr
