Bei einem Verkehrsunfall sterben 2018 in Stolberg fünf Menschen.
Trost am Unfallort: Wie Seelsorger in Aachen in der Krise helfen
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Bei einem Verkehrsunfall sterben 2018 in Stolberg fünf Menschen. In solchen Fällen unterstützen Notfallseelsorger des Bistums Aachen die Verletzten, Augenzeugen, aber auch Einsatzkräfte direkt am Unfallort. Wir haben mit einer von ihnen gesprochen.
Der Unfall
Es ist eine kalte Winternacht, kurz vor Weihnachten 2018. Auf der Würselener Straße fährt ein 20-Jähriger zusammen mit seinen Freunden von Stolberg nach Aachen. Auf der kurvigen Landstraße gilt Tempo 70. Der Tacho des jungen BMW-Fahrers zeigt 120 Stundenkilometer an. In einer Kurve weicht er den im Asphalt eingelassenen Kontaktstreifen einer Radaranlage aus, um nicht geblitzt zu werden. Dafür fährt er auf die Gegenfahrbahn.
In diesem Moment kommt ihm ein Kleinwagen mit einer Frau und ihren beiden Kindern im Teenageralter entgegen. Beide Fahrzeuge stoßen frontal zusammen. Die Mutter und ihre beiden Kinder verlieren bei dem Zusammenprall ihr Leben. Von den vier Insassen im BMW stirbt eine 21-Jährige direkt am Unfallort, ein 22-Jähriger drei Tage später im Krankenhaus. Der Fahrer des Wagens wird im Februar 2020 von dem Jugendschöffengericht des Amtsgerichtes Aachen zu dreieinhalb Jahren Haft wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.
Als Notfallseelsorger am Unfallort
Wenn es einen schweren Unfall wie den in Stolberg gibt, sind meist auch Notfallseelsorger an der Unfallstelle. Im Bistum Aachen arbeiten 61 von ihnen, die meisten ehrenamtlich. Allein in diesem Jahr wurden die Notfallseelsorger im Bistum Aachen bis November zirka 250 Mal gerufen. Therese Mauer ist eine der ehrenamtlichen Notfallseelsorgerinnen. Die 69-Jährige fährt zu jeder Tages- und Nachtzeit raus. Manchmal hat sie in einer 24-Stunden-Schicht auch mehrere Einsätze.
Lokalzeit: Wenn Sie an einer Unfallstelle ankommen, was sind Ihre Aufgaben vor Ort?
Therese Mauer: Zuerst werden wir von der Leitstelle der Feuerwehr angefordert. Dann fahren wir los. Wenn wir am Einsatzort ankommen, gibt es in der Regel immer einen Einsatzleiter oder eine Einsatzleiterin. Von ihm oder ihr bekommen wir eine grobe Einschätzung darüber, was passiert ist und welchen Menschen wir vielleicht zuerst helfen sollten.
Therese Mauer, ehrenamtliche Notfallseelsorgerin
Lokalzeit: Sie haben also bei der Abfahrt kaum Informationen?
Mauer: Wenn wir losfahren, erfahren wir nur Stichpunkte: War es ein Unfall? Gibt es Verletzte? Aber das ist nicht immer genau. Denn die Leitstelle kann uns nur das weitergeben, was sie selber durch die eingegangenen Anrufe erfährt. Die Anrufer sind aber oft sehr nervös und aufgeregt.
Lokalzeit: In welchem Zustand finden Sie die Menschen vor?
Mauer: Das ist sehr unterschiedlich. Jeder Mensch reagiert in so einer Krise und unter Druck anders. Es gibt Menschen, die sind sehr unruhig. Andere sind ganz still, haben sich hingesetzt und können überhaupt nicht sprechen. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir kommen und Erste Hilfe für die Seele leisten.
Lokalzeit: Wie gehen Sie vor? Wie tasten Sie sich an diese Menschen heran?
Mauer: Im Grunde genommen beobachten wir erst einmal. Wir kennen den betroffenen Menschen nicht. Wir sehen nur, was er tut. Aber wir wissen nicht, was er fühlt. Darum gehen wir ganz ruhig an die Sache heran und sind zugewandt. Manchmal fragen wir den Betroffenen, ob er etwas braucht. Und wir bieten ein Getränk an. Nach so einem Erlebnis ist das die erste Handlung, die sich normal aus dem Leben anfühlt. In der Regel öffnen sich die Menschen dann.
Lokalzeit: Was haben Sie bei einem Einsatz in Ihrer Notfalltasche dabei?
Mauer: Ein ganz wichtiges Utensil ist eine wohltuende Kerze. Sie kommt oft zum Einsatz. Außerdem habe ich einen Handschmeichler dabei, ein kleines, abgerundetes Holzkreuz. Wir haben festgestellt, dass es entspannt, wenn die Menschen etwas in die Hand nehmen können. Dann haben wir noch den Leitfaden "Wenn die Not die Worte verschlingt" in der Tasche. Er enthält Checklisten, aber auch Hinweise, wie verschiedene Religionen ihre Rituale feiern. Damit vergewissern wir uns oder lesen nach, was wir den Menschen anbieten können.
Das Ungeheuerliche aushalten
Lokalzeit: Wenn die Polizei nach einem tödlichen Unfall die Nachricht an die Angehörigen überbringt, sind Sie dabei. Wie reagieren die Angehörigen?
Mauer: Die Menschen reagieren schon an der Haustür, wenn sie die Tür öffnen und sehen: Da stehen Polizei und Notfallseelsorge. Aber nur die Polizei darf die Todesnachricht überbringen. Die Menschen sind oft geflasht vor Angst, das sieht man deutlich. Sie sind fassungslos. Das ist der Begriff, der mir immer als Erstes einfällt. Für sie kommt diese Nachricht aus heiterem Himmel. Die Angehörigen brauchen eine Weile, bis sie das annehmen können, was passiert ist. Während die Polizei nach dem Überbringen der Todesnachricht die Familie verlässt, bleiben wir dann dort.
Lokalzeit: Was hilft, um jemanden in so einer Situation aufzufangen?
Mauer: Manchmal ist es eine Berührung oder eine gehaltene Hand. Manchmal das Reichen eines Taschentuchs oder das Anzünden einer Kerze. Wir sollten die Menschen nicht alleine lassen, sondern das Ungeheuerliche, was passiert ist, mit ihnen gemeinsam aushalten.
Lokalzeit: Wie lange betreuen Sie die Angehörigen der Opfer?
Mauer: Wir bleiben in der Regel, bis das eigene soziale Netz greift. Wenn wir merken, dass die Menschen wieder zu ihrer eigenen Kraft zurückfinden. Alle Menschen haben ja Erfahrungen mit Krisen und auch eigene Strategien dazu. Das geht bei dem einen schneller, bei dem anderen dauert es ein bisschen. Aber in der Regel kann man erkennen, wann die eigene Kraft und die eigene Handlungsfähigkeit zurückkommen. Wenn dann noch andere Menschen aus dem privaten Umfeld vor Ort sind, beenden wir den Einsatz.
Lokalzeit: Wie gehen Sie persönlich mit den Erlebnissen um?
Mauer: Wenn die Menschen nach unserem Einsatz wieder bei sich sind, dann ist das ein gutes Gefühl, nach Hause zu fahren. Zu dem Einsatz gehört aber auch, einen Bericht zu schreiben. Dabei reflektieren wir noch einmal die gesamte Situation. Das hilft, Dinge abzulegen. Wenn uns ein Einsatz länger beschäftigt und wir darüber sprechen wollen, was uns belastet, können wir unseren Leitungsdienst anrufen. Außerdem gibt es die Möglichkeit, eine Supervision abzuhalten, im Einzelfall sogar direkt am nächsten Tag.
Lokalzeit: Sie sehen Dinge, die normalerweise nur Einsatzkräfte zu Gesicht bekommen. Wie kriegen Sie diese Bilder überhaupt wieder aus dem Kopf?
Mauer: Das ist die schwierigste Aufgabe. Die Bilder bleiben, zumindest bei mir, meist länger haften. Wir reden sehr viel darüber, beraten uns kollegial oder lenken uns ab. Für mich ist es immer wichtig, dass ich eine Zeit habe, in der ich mir etwas Gutes gönne. Und am Ende versuche ich, das Gesehene abzulegen. Aber das kann manchmal etwas länger dauern.
Über dieses Thema berichten wir am 03.11.2025 auch im WDR Fernsehen: Lokalzeit aus Aachen, 19.30 Uhr.