Josef Milata wurde 1986 in Bergkamen getötet
Fingerabdrücke auf einer Colaflasche
Ein Abend im September 1986, Bergkamen. In seiner Wohnung empfängt Josef Milata zwei junge Männer. Sie trinken eine Cola, jeder raucht eine Zigarette. Wenige Stunden später ist Milata tot: 22 Messerstiche, das Kabel einer Kaffeemaschine um den Hals gewickelt.
Lange bleibt der Fall ungelöst. Die Polizei sicherte damals zwar Fingerabdrücke an Gläsern und der Colaflasche, doch erst Jahrzehnte später kann die Cold-Case-Einheit der Dortmunder Polizei die alten Spuren per DNA-Analyse einem mittlerweile 57-jähigen Mann zuordnen.
Obwohl der genaue Tathergang nicht mehr rekonstruiert werden kann, verurteilt ihn das Landgericht Dortmund im August 2025 wegen Mordes zu acht Jahren. Das Urteil fällt nach Jugendstrafe, weil er zum Tatzeitpunkt 18 Jahre alt war. Als Motiv sieht das Gericht Habgier als erwiesen an. DNA-Spuren am Tatort weisen darauf hin, dass es auch noch einen zweiten Täter gab. Der 57-Jährige verrät den Namen seines Komplizen im Prozess aber nicht.
Bernhard Osinski und sein Bruder Peter Wagner haben sich mehr als 40 Jahre nach der Tat entschieden, mit uns über den Mord an ihrem Pflegevater zu sprechen.
Eine Küche voll Blut
An was erinnern Sie sich noch aus dieser Nacht?
Bernhard Osinski: Ich bin an diesem Abend in die Tenne gegangen - eine Disco in Bergkamen. Als ich wieder nach Hause gekommen bin habe ich gesehen, dass in der Küche noch Licht an war. Da habe ich gedacht, dass mein Vater wohl wieder Leute mitgebracht hat zum Trinken. Das hat er öfter mal gemacht. Ich habe die Tür aufgemacht, bin in Richtung Küche und da habe ich ihn auf dem Boden liegen gesehen. Ich habe gesagt "Papa, Papa, was ist los?" und habe ich die Polizei angerufen.
Was ist dann passiert?
Osinski: Danach wollte ich erstmal aufräumen, habe aber einen Geistesblitz gekriegt: "Ne, nicht aufräumen, alles so lassen." Ich habe dann gesehen, dass er ein Kabel von der Kaffeemaschine um den Hals gewickelt hatte. Also bin ich wieder zum Telefon gegangen und habe gesagt: "Ich brauche keinen Krankenwagen, ich brauche einen Leichenwagen. Papa ist tot"
Pflegesöhne Peter Weber und Bernhard Osinski
Was war Ihr Pflegevater für ein Mensch?
Peter Weber: Mein Vater war einfach ein Herzensmensch. Er ist auch für immer mein Vater. Da gibt es für mich keine Unterscheidung, wir haben keinen offiziell leiblichen Vater.
Osinski: Für ihn waren wir seine Kinder. Wir waren keine Kinder zweiter Klasse.
Wie war Ihr Zusammenleben damals?
Weber: Ich bin später zu Josef und seiner Frau gekommen als mein Bruder, der früher aus dem Heim in Pflege genommen wurde. Ich bin dann mit sechseinhalb Jahren dazugekommen. Ich fühlte mich von Anfang an wohl. Es waren Tiere da, ich liebe Tiere: Hunde, Katzen, Hühner, Hasen.
Wie war das Verhältnis zu Ihrer Pflegemutter?
Weber: Sie ist 1982 gestorben. Ich hatte ein angespanntes Verhältnis zu ihr. Deswegen habe ich mich immer an meinen Vater gewendet. Jeder konnte zu meinem Vater kommen. Er ist sehr offen mit seinem Geld umgegangen. Wenn er in der Kneipe war, da wurden wirklich die 100 D-Mark Scheine rausgeholt. Das konnte halt jeder sehen. Er war nicht geizig, er war zu spendabel. Das war sein Nachteil, letztendlich hat ihm das auch das Genick gebrochen.
Kommen wir zurück zur Tatnacht: Wie ging es weiter, nachdem Sie die Polizei informiert hatten?
Osinski: Ich bin zur Polizeiwache. Dort war ein sehr unsensibler Polizist, der mich sofort als Mörder bezichtigt hat.
Weber: Bei mir klopfte es morgens an der Tür. Wobei klopfen kann man nicht sagen, es hämmerte an der Tür: "Polizei aufmachen! Wo waren Sie letzte Nacht?" Es kam immer wieder die Frage, wann ich meinen Vater das letzte Mal gesehen hätte. Ich fragte mich, warum sie solch Fragen stellen. Die Antwort: "Ihr Vater ist letzte Nacht ermordet worden." Ab da habe ich mir immer die letzten Minuten von meinem Vater vorgestellt. Er hat um sein Leben gekämpft. Ich habe immer zu meinem Bruder und meiner Frau gesagt, dass ich froh bin, ihn nicht gefunden habe. Ich habe nur ein Bild gesehen vom Tatort. Es war sehr verstörend. Hinterher, als die Küche wieder von der Polizei freigegeben worden war mussten wir selbst sauber machen, die war komplett voll mit Blut.
Gab es da keine professionelle Reinigung oder Hilfe?
Weber: Nein, gar nicht. Irgendwann wurde uns gesagt, dass das Siegel ist weg und wir jetzt die Wohnung reinigen könnten. Das heißt, wir waren dann echt auf den Knien und wussten, du machst gerade das Blut von deinem Vater weg.
Festnahme nach fast 40 Jahren
Viele Jahre passierte in dem Fall nichts, dann die Wendung: Die Polizei kann 40 Jahre nach dem Mord einen Täter festnehmen. Wie war der Moment für Sie?
Osinski: Mich rief ein Beamter von der Kriminalpolizei Dortmund an und sagte mir, dass sie den Fall nochmal aufrollen wollen, weil sie neue Erkenntnisse haben. Mir lief es eiskalt den Rücken runter.
Ein 57-jähriger Mann wurde vom Dortmunder Landgericht zu acht Jahren Haft verurteilt. Da er zum Tatzeitpunkt 18 Jahre alt war, galt das Jugendstrafrecht. Wie haben Sie den Prozess erlebt?
Weber: Wir wollten uns auch einlassen vor Gericht, aber Zuschauer dürfen das nicht. Ich hätte schon gerne meine Fragen vor Gericht gestellt.
Osinski: Ich wollte auch etwas sagen - da hat dann die Strafverteidigerin gesagt: "Bitte seien Sie ruhig, das dürfen Sie nicht."
Zu Beginn waren Sie ja auch mal im Fokus der Polizei, das ging vor Gericht nochmal weiter seitens der Verteidigung?
Weber: Ja, das Fadenkreuz war das zweite Mal auf uns gerichtet. Überwiegend auf meinen Bruder. Das fand ich so ungerecht - und hat auch schon Wut hochkommen lassen.
Vor Gericht stand aber ein 57-Jähriger, nicht Sie oder Ihr Bruder. Wie haben Sie das Urteil gegen ihn dann aufgenommen?
Osinski: Erleichtert.
Ein Täter ist verurteilt, der Komplize aber weiter nicht gefasst. Kann man mit so einer Tat irgendwann abschließen?
Osinski: Nein, man findet sich da nicht mit ab. Gut, man ist erleichtert, dass sie wenigstens einen gefasst haben. Aber trotz allem ist es immer noch ein Mord an einem geliebten Menschen. Das nimmt man immer mit.
Wie gehen Sie mit dem Verlust um? Es gab ja keine professionelle seelsorgerische Unterstützung, oder?
Weber: Ja, wir wurden echt hängen gelassen. Wir sind zum Glück nicht irgendwo abgerutscht in Drogen, in Alkohol oder irgendwelche anderen Sachen. Ansonsten hat man es einfach verdrängt.
Osinski: Das Leben musste weitergehen irgendwie.
Weber: Das ist eine Spur auf der Seele, die mittlerweile gut verheilt ist, aber sie ist nicht weg.
Das Interview wurde geführt von WDR-Reporter Tobias Lickes. Es wurde für eine bessere Lesbarkeit in der Schriftform sprachlich leicht angepasst, ohne den Inhalt zu verändern.
Dieser Beitrag liefert Informationen zum WDR Verbrechen YouTube-Video "Ihr Vater wurde getötet" vom 27.07.2026, 17 Uhr.