Was Gewalttaten auslösen: Interview mit einer Traumatherapeutin
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Im Januar 2024 fallen auf einem Schrottplatz in Hagen Schüsse. Ein Mann stirbt, zwei weitere werden schwer verletzt. Die Überlebenden tragen sowohl physische wie psychische Schäden davon. Eine Traumatherapeutin erklärt, wie Opfer und auch Hinterbliebene mit so einer Tat umgehen können.
Mord auf dem Schrottplatz
Auf einem Schrottplatz in Hagen eskaliert am 19. Januar 2024 ein Familienstreit unter zwei Halbbrüdern, es kommt zu dramatischen Szenen. Der Ältere von Beiden, der 77-jährige Roland K. (alle Namen geändert), erschießt seinen jüngeren Halbbruder Markus K. in dessen Büro. Der 54-Jährige verstirbt noch vor Ort. Zuvor schoss Roland K. auch auf einen Mitarbeiter der Firma sowie auf seinen 23 Jahre alten Neffen Jens K., die sich ebenfalls auf dem Schrottplatz aufhielten. Ärzten gelingt es später, das Leben der beiden schwerverletzten Männer durch Notoperationen zu retten. Hintergrund der Tat war ein seit mehreren Monaten anhaltender Konflikt zwischen den Brüdern, in dem es um die Geschäftsführung des Unternehmens ging.
Der Tatort - ein Schrottplatz in Hagen
Wegen gesundheitlicher Probleme und finanzieller Schwierigkeiten mit dem Finanzamt übertrug Roland K. seinem jüngeren Bruder die Firmenleitung, doch inoffiziell wollte er die Geschicke weiterleiten. Darüber und über unterschiedliche Vorstellungen der Buchführung und Preisgestaltung gerieten die Brüder immer wieder in Streit. Roland K. fühlte sich immer stärker aus seiner Firma ausgegrenzt.
Der Verlust von Einfluss und Macht motivierte ihn zu dieser tödlichen Tat, die aus Rache geschah, urteilte das Landgericht Hagen und verhängte eine lebenslange Freiheitsstrafe. Der angeschossene Mitarbeiter der Firma trägt starke physische wie psychische Schäden davon. Jens K. ist als Opfer zweifach betroffen: Sein eigener Onkel schoss ihn nieder und tötete seinen Vater. Das Todesopfer Markus K. hinterlässt zudem eine Frau, die mit dem Geschehenen weiterleben muss. WDR-Reporter Hamzi Ismail hat sich tiefer in den Fall eingearbeitet.
Für Lokalzeit.de hat sich unser Autor zudem mit der Traumatherapeutin Helen Nolte-Michel über die Auswirkungen schwerer Gewalttaten für Opfer und Hinterbliebene unterhalten.
Reaktionen auf Trauma
Lokalzeit: Was löst solch eine lebensbedrohliche Gewalterfahrung in dem Moment bei einem Menschen aus?
Helen Nolte-Michel: Menschen geraten in solchen Momenten in einen Ausnahmezustand, in einen sogenannten Fight-Flight-Zustand. Das heißt, unser Körper und unsere Psyche richten sich auf "entweder Kämpfen oder Fliehen" ein. Beides konnte Jens K. nicht, weil sein Onkel mit der Waffe vor ihm stand. Doch er hat einen Zwischenmodus gewählt, er hat sich totgestellt, nachdem er angeschossen wurde, und sich damit sein Überleben ermöglicht.
Traumatherapeutin Helen Nolte-Michel
Lokalzeit: Wie läuft der Trauerprozess für Opfer und Hinterbliebene schwerer Gewaltverbrechen ab?
Nolte-Michel: Trauernde Menschen durchlaufen verschiedene Phasen. Laut der renommierten, schweizerisch-amerikanischen Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross, die zu den Themen Sterben und Tod sehr viel geforscht hat, gibt es fünf Phasen der Trauer. Zu Beginn geraten trauernde Menschen häufig in eine Verleugnungsphase, diese ist geprägt von Schock und Starre. Die Menschen können nicht begreifen, dass etwas Schlimmes passiert ist, glauben es auch erstmal nicht.
Lokalzeit: Wie geht es weiter?
Nolte-Michel: In der zweiten Phase kommt Wut auf. Damit verbunden sind nicht selten Fragen wie: "Warum ist das passiert? Wie konnte diese Person das tun? Wie hätte die Tat verhindert werden können?" Die nächste Phase, die Kübler-Ross beschreibt, ist das Verhandeln. Das kann ganz unterschiedlich aussehen. Zum Beispiel schließen manche Menschen Verträge mit Gott ab, wie: "Bitte mach das ungeschehen. Ich gehe in die Kirche und bete regelmäßig, wenn du mir hilfst, das zu überwinden."
- Nolte-Michel ist auch Verhaltens- und Hypnotherapeutin. Hier erklärt sie den Einsatz von Hypnose in der Forensik.
Lokalzeit: Was passiert in den letzten beiden Trauer-Phasen?
Nolte-Michel: Danach kommt tatsächlich eine Phase der Trauer, der Depression. Jetzt hat man begriffen, dass die Person nicht mehr da ist, nicht wiederkommen wird. Es ist ein innerliches Abschiednehmen und selbstreflektiertes Hinterfragen: "Was bedeutet das für mein Leben? Wie werde ich weitermachen ohne die Person?" Und irgendwann kommt die fünfte Phase, die Akzeptanz.
Lokalzeit: Laufen diese fünf Phasen der Trauer bei jedem und immer so ab?
Nolte-Michel: Nein. Man kann nicht sagen, dass diese Phasen automatisch in dieser Reihenfolge ablaufen werden oder dass jeder diese Phasen so durchläuft. Trauer ist sehr individuell und es werden auch manchmal Phasen übersprungen.
Der Weg zurück in den Alltag
Lokalzeit: Selbst wenn der Täter zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, fällt es den Opfern und Hinterbliebenen oft schwer, wieder in einen normalen Alltag zurückzufinden. Ist das überhaupt möglich?
Nolte-Michel: Das ist sehr unterschiedlich. Viele Opfer und Hinterbliebene leiden ein Leben lang. Es kommen immer wieder Fragen auf wie: "Was passiert, nachdem der Täter freigelassen wird? Muss ich Angst haben, dass ich wieder angegriffen werde?" Es kommt auch darauf an, ob man es schafft, sich wieder auf sich, auf seine Heilung, auf seinen Trauerprozess zu besinnen. Und es schafft, wieder einen Sinn für sich im Leben zu finden und weiterzumachen.
Lokalzeit: In Deutschland ist es oftmals schwierig, zeitnah einen Therapieplatz und somit psychologische Hilfe zu bekommen. Was können Menschen machen, die akut Unterstützung brauchen?
Nolte-Michel: Was viele Menschen vermutlich nicht wissen: In der Akutversorgung sind nicht wir Psychotherapeuten die ersten Ansprechpartner, sondern die Seelsorger, Trauerbegleiter und die kirchlichen Einrichtungen. Wenn die Trauer nicht überwunden werden kann, wenn jemand feststeckt in seiner Trauer und in der Folge zum Beispiel eine Depression oder Angststörung entwickelt, erst dann ist es Zeit für eine Therapie oder für therapeutische Unterstützung.
Lokalzeit: An welche Stellen können sich Betroffene ganz konkret wenden?
Nolte-Michel: Sehr schnelle Hilfe bekommt man zum Beispiel bei der Telefonseelsorge, da kann man einfach anrufen unter 0800 1110111. Es gibt unterschiedliche kirchliche Träger, die Betroffenen Unterstützung anbieten, etwa die Johanniter oder die Caritas. Der "Weiße Ring" ist ebenfalls eine sehr gute Anlaufstelle für Opfer von Gewalt. Zudem gibt es den Bundesverband Trauerbegleitung, wo Trauernde sehr kompetent Hilfe finden und betreut werden können.
