Verlust, Trauma, Neuanfang - Leben nach der Flut

Bundesvibe 14.07.2026 29:30 Min. UT Verfügbar bis 03.07.2028 ARD Online Von Verena Egbringhoff

Fünf Jahre nach der Flut Wie Rebecca Kindern das Trauma nehmen will

Stand:

Rheinland-Pfalz und NRW erlebten im Juli 2021 eine Jahrhundertflut – betroffen waren das Ahrtal und die Eifel. Noch heute haben viele Kinder deshalb Ängste, die nachwirken. Rebecca Müller hilft in Schleiden, gegen das Trauma anzukämpfen.

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Katja Goebel

Es beginnt mit einem starken Regen und endet in einer der schlimmsten Flutkatastrophen Deutschlands. Im Juli 2021 erlebt NRW ein dramatisches Jahrhundert- Hochwasser mit vielen Todesopfern und Verletzten. Menschen verlieren ihr Zuhause, Bilder von Tod und Verwüstung brennen sich ins Gedächtnis ein. Das Leben ist plötzlich ein anderes - für Betroffene und für Helfende.

Ein zerstörtes Haus nach Hochwasser

Zerstörtes Haus nach dem Hochwasser 2021

In nur einer Nacht zerstört die Flut eine ganze Region. Das schlammige Wasser überschwemmt Ortsteile, stemmt mit Wucht Häuser auf, zieht Trümmer, Autos, Bäume mit sich. Menschen flüchten vor dem Wasser auf die Dächer ihrer Häuser, andere haben keine Zeit mehr sich in Sicherheit zu bringen.

Hilfsbereitschaft nach der Flutkatastrophe 2021

Rebecca Müller

Hilft vor Ort nach der Ahrtal-Flut: Rebecca Müller

Nach der Katastrophe strömen Menschen aus dem ganzen Land in die Region. Sie helfen, packen an, trösten und hören zu. Eine von ihnen ist Rebecca Müller. Zum Zeitpunkt der Flutkatastrophe wohnt sie mit ihrer Familie im 20 Kilometer entfernten Simmerath.

Ich habe hunderte grüne Zettel geschrieben, wo drauf stand: Ihr seid nicht alleine, bleibt stark, wir glauben an euch, wir sind da. Rebecca Müller

Nachdem das Wasser zurückgegangen ist, verteilt sie gemeinsam mit ihrem Mann Kisten mit dem Nötigsten, schippt Schlamm, räumt Trümmer weg, motiviert andere Helfer und verteilt Zuversicht, indem sie Mutmachbotschaften auf etliche Zettel schreibt.

Das Hochwasser hinterlässt überschwemmte Orte und Kinder im Schlamm

Ehrenamtlich hilft sie drei bis vier Tage pro Woche im Ahrtal. Mit gesammelten Spenden fährt sie damals durch die Katastrophenorte. Und dann sieht sie spielende Kinder - inmitten von Dreck und Zerstörung. Ein Bild, das die zweifache Mutter nicht mehr loslässt.

Ich sah Kinder in dieser Zerstörung, in diesem Matsch, in diesem Dreck spielen mit kaputten Sachen. Rebecca Müller

Malzirkus gegen Hochwasser-Trauma

Aus ihrem Ehrenamt wird schließlich ein Vollzeitjob. Als Projektleiterin bei dem Verein "Fortuna hilft" ruft sie in Schleiden mit anderen Engagierten einen besonderen Ort ins Leben. Auf dem Gelände einer Schule entsteht mit ausrangierten Zirkuswagen: Der Malzirkus.

Ehemalige Zirkuswagen auf einer Wiese

Der Malzirkus in Schleiden

Heute ist das ein friedlicher Ort auf einer grünen Wiese. Die gemütlichen Zirkuswagen stehen wie eine kleine Trutzburg gegen den Schrecken da, in der sich die Kinder sicher und geborgen fühlen sollen. Hier finden Angst, Trauer und Wut einen Platz. Hier können sie an mehreren Tagen in der Woche für ein paar Stunden in Ruhe malen, basteln oder spielen - und dabei das Erlebte verarbeiten. Mit therapeutischer Unterstützung.

"Wir hatten Kinder, die panische Angst bekommen haben, wenn es geregnet hat und der Regen auf die Wagen prasselte." Rebecca Müller

Das Wasser ist längst weg, aber die Ängste bleiben. In den Malzirkus kommen Kinder, die die Katastrophe hautnah miterlebt, Familienangehörige verloren haben oder die die Ängste ihrer Eltern mittragen. Manchmal, wenn es regne, bekämen Kinder Panik, versteckten sich unter dem Tisch, erzählt Rebecca. "Dann haben wir die Fenster abgehangen, haben Musik angemacht und haben versucht, die Situation gemeinsam zu meistern."

Malstifte

Mit bunten Stiften gegen düstere Gedanken

Gerade Kindern fällt es häufig schwer, ihre Gefühle und Ängste in Worte zu fassen. Die Kunsttherapie ist eine Therapieform, die über Bilder Zugang zu Gedanken und Gefühlen ermöglicht. Manchmal braucht es nur bunte Stifte und Papier, um sich mit eigenen Themen auseinanderzusetzen - zum Beispiel, wenn Kinder auffällig oft Giraffen malen, weil die sich mit ihren langen Hälsen über Wasser halten können.

Wenn das Leben nach der Flutkatastrophe eine Baustelle ist

Auch heute, fünf Jahre später, erzählen Kinder noch von ihrem kaputten Zuhause. Bei manchen ist das Leben immer noch eine Baustelle.

Ein Teddybär sitzt verwahrlost unter einem Feuerwehrabsperrband

Der Wiederaufbau nach der Flut läuft noch immer

Zwar wurde nach der Hochwasser-Katastrophe eine Sonderhilfe von 30 Milliarden Euro eingerichtet, aber das Geld ist noch lange nicht verteilt. Der Grund: Viele Bauprojekte sind noch immer in der Planung oder warten auf Genehmigungen.

Fünf Jahre nach der Flut ist der Wiederaufbau unter anderem deshalb vielerorts noch nicht abgeschlossen.

Am 30. Juni 2026 endete für Betroffene der Flutkatastrophe vom Juli 2021 die Frist, um Erstanträge auf staatliche Wiederaufbauhilfe des Landes NRW zu stellen. Unterstützung wird aber weiterhin gebraucht - auch jenseits öffentlicher Aufmerksamkeit.

Unsere Quellen:

  • Interview mit Rebecca Müller
  • Verein Fortuna hilft
  • Malzirkus Schleiden-Gemünd
  • Rhein-Sieg-Kreis
  • Malteser in NRW

Sendung: WDR-Mediathek, Bundesvibe: "Verlust, Trauma, Neuanfang", 05.07.2026, 5.30 Uhr

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