Rund 100 Radfahrer bei der Mahnwache vor dem Rathaus
Streit um Radwege in Aachen : Mahnwache soll Radentscheid vor Aufweichung schützen
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Mehr Sicherheit und ein massiver Ausbau der Radwege – das ist seit 2019 der Auftrag des Aachener Radentscheids. Nun sorgt die neue Koalition aus CDU, SPD, Volt und FDP mit einem Ratsantrag für Unruhe: Kritiker befürchten, dass der Radentscheid verwässert werden soll.
Der Radentscheid von 2019 war ein Meilenstein für die Radfahrer: 37.000 Menschen in Aachen unterstützten ihn. Der Stadtrat übernahm damals die Forderungen zum Ausbau der Radwege mit großer Mehrheit - und machte die Ziele zum verbindlichen Auftrag für die Verwaltung.
Den Initiatorinnen und Initiatoren des Radentscheids geht es um mehr als Komfort: Durch klare Standards und sichere Wege sollen deutlich mehr Menschen aufs Rad steigen.
Protest vor dem Aachener Rathaus
Vor dem Aachener Rathaus haben sich am Nachmittag vor der Ratssitzung rund 100 Menschen zu einer Mahnwache versammelt. Sie wollen, dass der Radentscheid von 2019 nicht aufgeweicht wird. Patrick Hof vom ADFC erklärt: "Die Mahnwache ist für uns wichtig, weil wir noch mal Aufmerksamkeit dafür bekommen wollen, dass hier gerade ein Ratsantrag von der neuen Koalition in Arbeit ist, der den Radentscheid entkernen soll."
Demonstranten zeigen der Politik die rote Karte
Verbindliche Mindeststandards werden runtergesetzt, vieles wird unverbindlich. Man hat keine Ziele mehr, die man erreichen möchte. Und dagegen wollen wir uns wehren! Patrick Hof, ADFC
Ralf Oswald, Sprecher des Radentscheids, warnt vor den Folgen: "Die Ziele des Radentscheids haben den Sinn, dass nicht nur Radfahren sicher wird, sondern dass wir viel mehr Leute wirklich aufs Rad bekommen, dass viel mehr Leute sich wohlfühlen im Straßenraum. Und wenn die Standards verwässert werden, dann ist dieses Ziel in Gefahr." Für ihn ist entscheidend: Der Ratsbeschluss von 2019 macht die Umsetzung verbindlich.
Patrick Hof vom ADFC (links) und Ralf Oswald, Sprecher des Radentscheids, befürchten eine Verwässerung des Radentscheids.
Koalition will keine starren Vorgaben
Die neue Viererkoalition aus CDU, SPD, Volt und FDP sieht das anders: Sie betont, der Radentscheid bleibe eine wichtige Leitlinie – man wolle aber pragmatischer vorgehen. CDU-Fraktionsvorsitzender Holger Kiemes sagt: "Für uns ist aber nicht die Frage, ob in jedem Fall der Radweg wirklich 2,30 Meter breit sein muss oder ob wir jetzt in der Lütticher Straße ein paar Bäume stehen lassen und dafür 2,05 Meter breit machen." Die Koalition argumentiert: Starre Vorgaben seien nicht überall umsetzbar – entscheidend sei eine praktikable Lösung vor Ort.
Wir müssen pragmatisch denken, Aachen ist gebaut, wir können es nicht neu bauen, und wir müssen schauen, welche Lösung am besten funktioniert. Holger Kiemes, CDU-Fraktionsvorsitzender
Weniger rote Farbe auf Radwegen in Aachen
Ein weiterer Streitpunkt ist die Markierung von Radwegen. Der Ratsantrag von CDU, SPD, Volt und FDP sieht vor, auf flächendeckend rot eingefärbte Radwege zu verzichten. Dazu heißt es im Ratsantrag der vier Parteien: "Die Verwaltung wird beauftragt, bei der Markierung von Radwegen im Innenstadtbereich Roteinfärbungen künftig auf tatsächliche Gefahrenpunkte zu konzentrieren. (…) Eine Roteinfärbung an wenigen, aber wirkungsvollen Stellen ist sowohl kostengünstiger als auch kommunikativ stärker als eine flächige Einfärbung. Sie signalisiert Gefahr dort, wo Gefahr ist."
Kritik am neuen Ratsantrag
2019 hatte sich der Stadtrat per Beschluss verpflichtet, die Ziele des Radentscheids umzusetzen. Für Ralf Oswald ist klar: "Solange es den Beschluss gibt, ist er natürlich verbindlich. Und das, was da jetzt heute Abend beschlossen werden soll, ist so ein Versuch, das teilweise zurückzunehmen. Und dagegen wehren wir uns." Unterstützung kommt von den Grünen, die sich weiterhin klar hinter die Ziele des Radentscheids stellen.
Aachen soll fahrradfreundlicher werden - aber wie?
Abweichungen vom Radentscheid hat es schon in den vergangenen Jahren gegeben, diese sollen aber nicht zum Standard werden, wünschen sich die Initatoren der Mahnwache. Trotz der Differenzen eint beide Seiten ein gemeinsames Ziel: Aachen soll fahrradfreundlicher werden. Die Frage ist, wie konsequent und mit welchen Standards. Und eines steht bereits fest: Bis zur Zielmarke 2027 wird Aachen den Radentscheid nicht umsetzen können.
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit Patrick Hof und Ralf Oswald
- Eindrücke der WDR-Reporterin vor Ort
- WDR-Gespräch mit Holger Kiemes
- Ratsantrag CDU, SPD, Volt, FDP
Sendung: WDR.de, Mahnwache am Aachener Rathaus: Streit um Radentscheid, 15.07.2026, 17:31 Uhr