Geht Studierenden das Geld aus?
Bildquelle: WDRWDR. 03:10 Min.. Verfügbar bis 07.08.2028.
Mehr Geld statt Bürokratie : Armut im Studium - Hilft die BAföG-Reform?
Stand:
Klausuren, Hausarbeiten und Abgaben: Trotz Lernstress befinden sich für viele Studierende die größten Herausforderungen außerhalb des Hörsaals. Auch an den Aachener Hochschulen gibt es Geldprobleme und Existenzängste. Hilft die Reform des BAföG?
Wie zahle ich meine Miete? Wo kann ich noch günstiger einkaufen? Wann kommt endlich mein BAföG? Fragen, die sich der 21-jährige Student Joshua fast jeden Monat stellen muss. Um sein Studium der Gesellschaftswissenschaften an der RWTH Aachen bewältigen zu können ist Joshua auf staatliche Hilfsmittel angewiesen.
"Es ist ja ein üblicher Witz, dass sich Studierende nur von Tiefkühlpizza und Instant Nudeln ernähren würden, aber ich bin da eigentlich knapp dran. Joshua Buß, Student an der RWTH Aachen
Studieren: Zwischen BAföG und Instant Nudeln
Durch das Bundesausbildungsförderungsgesetz (kurz BAföG) bekommt er jeden Monat 855 Euro überwiesen. Von der Endsumme wird er später ungefähr 10.000 Euro zurückzahlen müssen. Seine Eltern versuchen ihn finanziell zu unterstützen, besitzen aber kaum die Mittel. Um weiterhin Miete und Lebensmittel bezahlen zu können, arbeitet Joshua in einem Minijob. Mehr arbeiten kann er aufgrund seines Vollzeit-Studiums und anderer Verpflichtungen nicht.
Damit ist Joshua nicht alleine. Analysen der Paritätischen Forschungsstelle zeigen, dass rund 36 Prozent aller Studierenden in Deutschland unter der Armutsgrenze leben. Unter Studierenden, die alleine oder in einer Wohngemeinschaft leben, steigt die Armutsquote sogar auf über 80 Prozent. Oft ist das Elternhaus entscheidend für die finanzielle Lage. Wer einkommensstarke Eltern hat, oder weiter bei ihnen wohnen kann, steht besser da.
Wenn am Ende des Geldes noch Monat übrig ist
Wer einkommensschwache Eltern hat, hat es hingegen deutlich schwerer. Das regt viele zur Kreativität an. Der Wocheneinkauf kann zum Beispiel mithilfe von Exel Tabellen und Preisvergleichen optimiert werden. Wer die hohen Mieten nicht zahlen kann, zieht vielleicht in ein Selbstverwaltungsprojekt. So zum Beispiel auch Joshua: "Ich wohne in einem selbstorganisiertem Wohnprojekt, das heißt niemand verdient an meiner Miete, dafür muss ich hin und wieder in der Woche ein paar Stunden Arbeit in das Projekt stecken."
BAföG-Antrag: Bürokratie im Endstadium
Doch selbst für die geübtesten Sparfüchse bildet BAföG oft das finanzielle Rückgrat. Es zu bekommen ist nicht einfach. Alleine in diesem Jahr ist die Anzahl der Menschen, die BAföG beziehen, um rund Acht Prozent gesunken.
Zeitgleich steigt die Anzahl der Studierenden, die von Armut betroffen sind. Wie passt das zusammen? Sebastian Böstel, Geschäftsführer des Studierendenwerks Aachen, macht dafür auch die Bürokratie verantwortlich: "Wir merken aktuell auch, dass die Zahl der BAföG Anträge drastisch zurückgeht, was wir darauf zurückführen, dass viele Studierenden vor dieser enormen Bürokratie zurückschrecken."
Der BAföG-Antrag schreckt viele Studierende ab.
Bildquelle: WDRAls problematisch erweist sich für viele Studierende der BAföG Antrag. Da es sich bei BAföG um öffentliches Geld handelt, ist genaustens geregelt, wer zu wie viel Förderung berechtigt ist und wer nicht. Auf diese Weise sollen Missbrauch und Veruntreuung verhindert werden. Nebeneffekte davon sind eine komplizierte Beantragung und ein akribisches Prüfverfahren. Beides kann viel Zeit in Anspruch nehmen und viel Kopfzerbrechen bereiten.
BAföG-Reform: Mehr Geld, weniger Bürokratie
Nach diversen Verzögerungen hat die Bundesregierung am 12. August eine Reform des Gesetzes beschlossen, die mehr Geld und weniger Bürokratie verspricht. So wird es ab dem Sommersemester 2027 eine höhere Wohnkostenpauschale von 440€ statt den bisher ausgezahlten 380€ geben. Dazu kommen höhere Bedarfssätze, die bis 2029 schrittweise erhöht werden sollen. Bürokratie soll durch eine vollständige Digitalisierung bei der Antragsstellung und durch den Wegfall eines Leistungsnachweises abgebaut werden.
Für Destina Kolac, Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses AStA der RWTH, sind das gute Ansätze, lassen aber Luft nach oben.
"Alles in allem lässt sich sagen, dass die BAföG Novelle ein guter Schritt in die richtige Richtung ist, aber absolut nicht weit genug geht und durch den großen Verzögerungsstress der Politik viel Vertrauen verspielt hat." Destina Kolac, Vorsitz des Allgemeinen Studierendenausschusses der RWTH Aachen
Schließlich fehlt es vielen Studierenden jetzt an Geld und nicht erst in einem Jahr. An der Komplexität des Antrages hat sich auch nichts verändert. Nach wie vor schwierig bleibt auch die Antragsstellung für Menschen in schwierigen Familienverhältnissen. Kann zum Beispiel keine Auskunft über das Einkommen eines Elternteils eingeholt werden, oder besteht kein Kontakt, erweist sich die Prüfung des Antrags oft als schwierig.
Sebastian Böstel (Studierendenwerk) und Destina Kolac (AStA) sind unzufrieden mit der aktuellen BAföG Regelung
Bildquelle: WDRIn der Praxis bleibt die Förderung dann entweder aus oder verzögert sich teils um viele Monate. Durch die vollständige Digitalisierung des Antrags könnte sich die Situation sogar noch verschlimmern, da ein unvollständiger Antrag nicht einmal zur Prüfung abgeschickt werden kann. Auch Joshua hatte schon mit Verzögerungen seiner Bafög Überweisung zu kämpfen:
"Einmal kam die Zahlung einfach mehrere Tage zu spät, also konnte ich nicht die Miete zahlen und nicht einkaufen gehen, weil das Geld einfach gefehlt hat. Ich musste mir dann in dieser Zeit von einer guten Freundin Geld leihen als Überbrückung." Joshua Buß, Student
Armut im Studium: Wo gibt es Hilfe für Betroffene?
Sowohl der AStA der RWTH als auch die Studierendenwerke Aachen raten dazu, eine Beantragung von BAföG zumindest zu versuchen. Denn ob man wirklich BAföG berechtigt ist oder nicht, kann ohne Prüfung gar nicht so leicht festgestellt werden. Wer sich akut in einer finanziellen Notfallsituation befindet, kann sich auch direkt an den zuständigen AStA oder die entsprechenden Studierendenwerke wenden, da in bestimmten Fällen auch die Vergabe von Notfalldarlehen möglich ist.
Unsere Quellen
- WDR-Gespräche mit Studierenden
- WDR-Gespräche mit AStA Vorsitz Destina Kolac
- WDR-Gespräche mit StW-Aachen Geschäftsführer Sebastian Böstel
- Destatis
- Paritätische Forschungsstelle
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Aachen, 07.08.2026, 19:30 Uhr