Dr. Lars Herda, Chefarzt und Leiter von zwei Notaufnahmen in Münster, in einem Behandlungsraum

Mediziner bereiten sich auf die nächste Hitzewelle vor.

Arzt zur Hitze "Sogar Hausarbeit kann bei 36 Grad gefährlich werden"

Stand:

Ein Notfall-Mediziner aus Münster klärt auf, wann Vorsicht angesagt ist und was an Hitzetagen unnötig in die Notaufnahme führt.

Von Lena Sterz

In NRW sollen es diese Woche wieder weit über 30 Grad werden. Bei der Hitze können sogar alltägliche Tätigkeiten den Körper überlasten. "Wir müssen alle lernen, unser Verhalten an die Hitze anzupassen", sagt Dr. Lars Herda, Chefarzt und Leiter von zwei Notaufnahmen in Münster. Er erklärt im Interview, welche Dinge man bei Hitze besser lassen sollte - und wann man in die Notaufnahme gehen sollte.

Überlastete Notaufnahmen - Arzt warnt vor Hitze

WDR 27.07.2026 02:14 Min. Verfügbar bis 26.07.2028 WDR Online

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Herr Herda, es wird wieder heiß. Was kommt auf Ihre Mitarbeiter in der Notaufnahme zu?

Dr. Lars Herda: Wir gehen davon aus, dass wir wieder mehr Patientinnen und Patienten behandeln müssen. Während der letzten Hitzewelle waren etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen, die sich bei uns vorgestellt haben, wegen hitzebedingter Erkrankungen in der Notaufnahme. Die kommen auf das sonstige Patientenaufkommen obendrauf. Das Spektrum reicht vom Insektenstich über Ohnmachtsanfälle bis hin zum schweren Hitzschlag mit Multiorganversagen.

Welche Fälle sind Ihnen von der letzten Hitzewelle besonders in Erinnerung geblieben?

Herda: Während der Hitzewelle im Juni hatten wir einen Bauarbeiter, der den ganzen Tag ohne ausreichende Pausen im Schatten gearbeitet hatte. Er hatte einen Kollaps und musste fast zwei Wochen auf der Intensivstation behandelt werden, weil er ein Multiorganversagen entwickelt hatte. Das ist ein klassisches Beispiel: zu lange in der Hitze, zu wenig getrunken, keine Pausen und unzureichender Sonnenschutz.

Ich erinnere mich auch an mehrere ältere Patientinnen und Patienten, die den Tag in ihrer Wohnung verbracht hatten. Obwohl die Rollläden geschlossen waren, lagen die Temperaturen dort bei 35 bis 36 Grad. Ganz normale Hausarbeit hat ausgereicht, damit ihre Körperkerntemperatur auf 39 bis 40 Grad anstieg. Sie kamen mit typischen Symptomen einer Hitzeerschöpfung zu uns. Selbst einfache Hausarbeit in einer warmen Umgebung kann ausreichen, dass der Körper plötzlich überlastet ist.

Ab wann wird Hitze gefährlich?

Herda: Eine absolute Temperatur gibt es dafür nicht. Das hängt von mehreren Faktoren ab - etwa von der Luftfeuchtigkeit, dem Wind oder auch vom Alter und der körperlichen Verfassung. Hohe Luftfeuchtigkeit erschwert dem Körper die Wärmeabgabe nochmal erheblich, deshalb ist schwüle Luft gefährlicher.

Ein Mann liegt an einem Hotelpool auf einer Sonnenliege und schaut auf sein Smartphone

Schon kurze Zeit in der Hitze kann zu gesundheitlichen Problemen führen.

Eine Faustregel ist: Wer sich bei 30 Grad in der Sonne aufhält, sollte spätestens nach etwa 30 Minuten eine Pause von zehn bis 15 Minuten im Schatten einlegen und ausreichend trinken.

Wer ist besonders gefährdet?

Herda: Jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf Hitze. Besonders ab dem 65. Lebensjahr steigt die Sterblichkeit während Hitzewellen deutlich an. Ältere Menschen sollten besonders vorsichtig sein, aber es kann auch Jüngere treffen.

Welche Fehler machen viele Menschen bei großer Hitze?

Herda: Der häufigste Fehler ist, zu wenig zu trinken. Durch starkes Schwitzen können bis zu vier Liter Flüssigkeit pro Tag verloren gehen. Wird dieser Verlust nicht ausgeglichen, kann es zu Kreislaufproblemen oder einem Kollaps kommen.

Ein weiterer häufiger Fehler ist fehlender Sonnenschutz. Wer keine Kopfbedeckung trägt oder auf Sonnencreme verzichtet, riskiert Sonnenbrand oder einen Sonnenstich.

Ist Alkohol bei Hitze besonders problematisch?

Herda: Ja, bei großer Hitze sollte Alkohol möglichst vermieden werden. Der Körper nimmt Alkohol schneller auf und baut ihn langsamer ab. Dadurch können schon geringe Mengen starke Auswirkungen haben. Während der vergangenen Hitzewelle haben wir vermehrt Menschen mit Alkoholvergiftungen behandelt, obwohl sie nach eigenen Angaben nicht viel Alkohol getrunken hatten.

Wann sollte man in die Notaufnahme gehen?

Herda: Bei einem Sonnenstich helfen zunächst einfache Maßnahmen zu Hause: in eine kühle Umgebung gehen, ausreichend trinken und den Körper kühlen, zum Beispiel mit Wadenwickeln.

Wenn Kopfschmerzen, Übelkeit oder Erbrechen trotz dieser Maßnahmen anhalten oder sich der Zustand verschlechtert, sollte unbedingt eine Notaufnahme aufgesucht werden. Dafür sind wir da.

Braucht es aus Ihrer Sicht mehr öffentliche Warnungen vor Hitze?

Ein Krankenpfleger steht in einem Krankenhaus neben einer Glastür mit der Aufschrift "Notaufnahme"

Im Zweifel bei Sonnenstich die Notaufnahme aufsuchen.

Herda: Ja. Ich habe den Eindruck, dass die Gefahr von Hitze in der Bevölkerung oft noch unterschätzt wird. Viele denken, eine halbe Stunde in der Sonne bei 36 oder 37 Grad werde schon nicht schaden. Tatsächlich kann aber schon diese kurze Zeit zu gesundheitlichen Problemen führen.

Was ist Ihr Fazit?

Herda: Wir müssen uns auf häufigere extreme Wetterlagen einstellen. Das gilt für das Gesundheitswesen genauso wie für die Bevölkerung. Dafür braucht es entsprechende Konzepte, ausreichend Personal und finanzielle Unterstützung.

Wir müssen alle lernen, unser Verhalten an die Hitze anzupassen.

Das Interview wurde geführt von WDR-Reporterin Lena Sterz.

Unsere Quellen:

  • WDR-Interview mit Lars Herda, Chefarzt der Klinik für Notfallmedizin des Clemenshospitals und der Raphaelsklinik Münster

Sendung: WDR.de, Überlastete Notaufnahmen - Arzt warnt vor Hitze, 29.07.2026, 05:02 Uhr

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