Cannabis rauchen in der Öffentlichkeit wird immer selbstverständlicher.
Bildquelle: WDR/Christoph WegenerAus der Tabuzone : Cannabis im öffentlichen Raum ist zur Normalität geworden
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Seit der Cannabis-Legalisierung wird selbstverständlicher in der Öffentlichkeit geraucht: Auf der Straße, in Parks und auch hinter dem Steuer. Wo Probleme liegen, was sich ändern müsste und wie Konsumenten die Situation sehen.
Es ist ein typischer Abend in der Düsseldorfer Altstadt: Die Gassen sind voll, Alkohol fließt in Strömen, Musik dröhnt aus den Kneipen. Doch es liegt noch etwas anderes in der Luft. Ein süßlich beißender Geruch drängt in die Nase.
Auf der Partymeile und am Rhein wird gerne gekifft. Manchen Besuchern stinkt das gewaltig, andere sehen die Lage eher entspannt.
Cannabis-Geruch stört einige Altstadtbesucher
Julia und Basti sitzen vor einem Café am Marktplatz. Beide nervt, dass seit der Teillegalisierung im April 2024 offener in Parks, auf der Straße oder eben hier in der Altstadt Marihuana geraucht wird. "Ich finde den Geruch sehr unangenehm und es ist halt auch nicht schön, wenn du mit kleinen Kindern irgendwo lang gehst und die den Dampf einatmen", sagt Julia.
Julia und Basti nervt der Cannabis-Geruch.
Bildquelle: WDR/Christoph WegenerDas sieht Basti ähnlich. "Zuhause können die Menschen gerne machen, was sie wollen, aber in der Nähe von Nichtrauchern und Kindern sollte man den Joint auslassen", betont er. "Wer neben Familien raucht, ist auch ein schlechtes Vorbild für den Nachwuchs. Das gilt genauso für Zigaretten und Vapes."
Benjamin und Nicole stört der Cannabis-Konsum nicht.
Bildquelle: WDR/Christoph WegenerBenjamin und Nicole stört der Gras-Konsum in der Düsseldorfer Innenstadt dagegen kaum. Sie haben es sich am Rheinufer bequem gemacht. "An öffentlichen Plätzen, wie hier am Rhein, hat man immer die Möglichkeit, woanders hinzugehen. Ich muss mich ja nicht neben jemanden setzen, der gerade kifft", sagt sie. Bei sich zu Hause hat Nicole dagegen ein Problem mit Nachbarn, die häufig Marihuana rauchen.
Wie ein Konsument die Lage beurteilt
Gut 100 Meter von Nicole entfernt sitzt Jens am Rheinufer im Schatten und dreht sich gerade einen Joint. Er ist froh, dass Cannabis inzwischen unter Auflagen konsumiert werden darf. Jens raucht die Pflanze seit Jahren. Aus medizinischen Gründen, wie er betont. Ihm ist es wichtig, dass sich niemand von ihm gestört fühlt.
Jens dreht sich in Düsseldorf einen Joint.
Bildquelle: WDR/Christoph Wegener"Wenn der Wind dreht oder Kinder in der Nähe sind, lasse ich den Joint ausgehen oder ziehe mich in eine andere Ecke zurück", sagt er. "Als Vater würde ich mir auch wünschen, dass andere Rücksicht nehmen. Insofern ist das absolut kein Ding für mich, den Platz zu wechseln oder in dem Moment nicht zu rauchen."
Andere Altstadt-Besucher sind da weniger umsichtig. Sie spazieren mit brennendem Joint einfach an Familien vorbei. Dabei ist laut Cannabis-Gesetz der Konsum in unmittelbarer Nähe von Minderjährigen verboten.
Betreiber von Cannabis-Club kritisiert Gesetz
Timon Panke vom Cannabis-Social-Club Duesselhanf hat für so ein Verhalten absolut kein Verständnis. Er betont im Gespräch mit dem WDR: "Egal, ob es um Zigaretten oder Cannabis geht, ist Rücksicht auf andere einfach wichtig. Wenn alle mehr auf ihre Mitmenschen achten würden, hätten wir diese Diskussion gar nicht."
Timon Panke vom Cannabis-Social-Club Duesselhanf
Bildquelle: WDR/Christoph WegenerEin grundsätzliches Problem ist aus Pankes Sicht, dass sein Verein zwar Cannabis anbauen und an Mitglieder ausgeben darf, aber der Konsum in Cannabis-Social-Clubs gesetzlich verboten ist.
Im Cannabis-Social-Club Duesselhanf darf kein Cannabis geraucht werden.
Bildquelle: WDR/Christoph WegenerDüsselhanf hat ein Gebäude im Hinterhof eines Gewerbegebiets im Düsseldorfer Stadtteil Lierenfeld angemietet. Im Eingangsbereich steht eine Theke, Platz für Stühle und Tische wäre genug. Doch die Vereinsmitglieder können sich hier nicht zusammensetzen und konsumieren.
"Laut Cannabis-Gesetz müssen die Leute, wenn sie sich hier ihr Cannabis abgeholt haben, 100 Meter vom Gebäude entfernen und dürfen dann an der öffentlichen Straße ihren Joint anmachen." Timon Panke, Mitgründer von Düsselhanf
Für den Düsseldorfer ergibt diese Regelung wenig Sinn: "Jeder bei uns im Verein ist mindestens 21 Jahre alt. Die beste Lösung wäre, wenn man einfach hier konsumieren könnte. Das würde niemanden stören."
Wichtige Fragen und Antworten zur Cannabis-Legalisierung
Gibt es Probleme mit Cannabis-Konsum in Freibädern und Gaststätten?
Auf den Liegewiesen in Freibädern tummeln sich ebenso Jugendliche wie Familien und Senioren. Wo unterschiedliche Generationen aufeinandertreffen, kann es schon mal Konflikte geben.
Dass dort unerlaubt gekifft wird, sei "im Großen und Ganzen" aber kein Problem, sagt Ann-Christin von Kieter Schmidt von der Deutschen Gesellschaft für Badewesen. "Hier und da werden Gäste darauf hingewiesen, aber ansonsten wird das Verbot weitestgehend eingehalten." Eine Herausforderung für das Personal vor Ort bleibe der Marihuana-Konsum dennoch, das gelte aber auch für Alkohol oder Zigaretten.
"Vor allem in großen, weitläufigen Anlagen kann man seine Augen und Ohren (und die Nase) nicht überall haben, die Wasseraufsicht geht schließlich vor." Ann-Christin von Kieter Schmidt, Deutsche Gesellschaft für Badewesen
Und wie sieht es in Kneipen und Bars aus? Seit der Teillegalisierung von Cannabis im Frühjahr 2024 sei es bislang nicht vermehrt zu Problemen mit Gras-Konsum im Gastgewerbe gekommen, heißt es vom Hotel- und Gaststättenverband Dehoga NRW. "Die Betriebe haben dieses Thema im Blick und gehen unter anderem im Rahmen ihres Hausrechts mit möglichen Problemen damit um."
So wirkt sich die Legalisierung im Straßenverkehr aus
Im Zuge der Cannabis-Legalisierung wurden Grenzwerte für Autofahrer festgelegt. Fahrer, die mindestens 21 Jahre alt sind und sich nicht mehr in der Probezeit befinden, dürfen maximal 3,5 Nanogramm THC pro Milliliter im Blut haben. Das hört sich nicht nur kompliziert an, sondern ist auch schwer zu kontrollieren, betont das NRW-Innenministerium auf WDR-Anfrage.
Mit den derzeit verfügbaren Drogenvortests könne nicht verlässlich festgestellt werden, ob der gesetzliche Grenzwert erreicht oder überschritten wird. "Die derzeitigen polizeilichen Drogenvortests sind für die Feststellung eines Grenzwertes nicht ausgelegt", sagt ein Sprecher des Ministeriums. Deswegen habe die Polizei NRW mit der Universität Duisburg-Essen neue Drogenvortestgeräte ausprobiert. Die Studien-Ergebnisse könnten aktuell noch nicht vorgelegt werden.
Gerade im Stadtverkehr müssen sich Autofahrer oft sehr konzentrieren.
Bildquelle: dpa/GertenSeit Inkrafttreten des Cannabis-Gesetzes sei die Zahl der Verkehrsunfälle unter Cannabiseinfluss gestiegen. 2024 habe es in diesem Bereich noch 411 Unfälle in NRW gegeben, 2025 waren es 506. "Dies entspricht einem Anstieg von rund 23 Prozent und zugleich dem höchsten bislang erfassten Wert", heißt es aus dem Innenministerium.
Auch der Deutsche Verkehrssicherheitsrat sieht den Cannabis-Grenzwert für Autofahrer kritisch. "Mehrere wissenschaftliche Reviews kommen zu dem Ergebnis, dass sich diese Grenzwerterhöhung fachlich nicht begründen lässt", betont Manfred Wirsch, Präsident des Rates.
Welche Auswirkungen die Teillegalisierung tatsächlich auf die Verkehrssicherheit hat, sei erst wirklich absehbar, wenn dazu wissenschaftliche Daten vorliegen. Eins steht für den Verkehrssicherheitsrat aber bereits jetzt fest:
"Mit Blick auf die Verkehrssicherheit hätten wir statt der Legalisierung eines weiteren Rauschmittels vielmehr ein absolutes Alkoholverbot am Steuer gebraucht. Diese Forderung erhebt der Deutsche Verkehrssicherheitsrat bereits seit 2011." Manfred Wirsch, Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrats
Das können Mieter tun, wenn der Nachbar ständig kifft
Zurück in die Düsseldorfer Innenstadt: Nicole sitzt noch immer am Rhein und genießt den Sonnenuntergang. Sie raucht selbst kein Gras, findet es aber in Ordnung, dass unter Auflagen öffentlich gekifft werden darf. In ihrem Zuhause nervt sie der Geruch aber immens.
"Wenn ich mein Zimmer lüften will, zieht ständig der Rauch von den Nachbarn in die Wohnung und alles riecht nach Gras. Draußen kann man einfach weggehen, aber zu Hause geht das natürlich nicht." Rhein-Besucherin Nicole
Grundsätzlich darf seit der Cannabis-Legalisierung in der eigenen Wohnung und auf dem Balkon geraucht werden, teilt der Deutsche Mieterbund in NRW mit. Trotzdem müssten Mieter starken Cannabisrauch nicht einfach hinnehmen.
In der Stadt wohnen viele Menschen dicht an dicht.
Bildquelle: dpa/Marcel KuschZunächst sollte das Gespräch mit dem Nachbarn gesucht werden, der konsumiert. "Ist das erfolglos, kann sich der betroffene Mieter an den Vermieter wenden, weil der Gebrauchswert der Wohnung gemindert ist", erklärt eine Sprecherin des Mieterbundes. "Eventuell ergibt sich hier ein Anspruch auf Mietminderung."
Damit sollte man aber sehr vorsichtig sein und sich vorher bei einem örtlichen Mieterverein beraten lassen, so die Sprecherin. Sollte trotz allem keine Lösung in Sicht sein, sei es im Zweifel sogar möglich, dass ein Gericht feste Konsumzeiten festlegt.
Zu einem großen Problem habe sich das Kiffen für Mieter bislang nicht entwickelt. Seit der Legalisierung vor zweieinhalb Jahren habe keiner der 46 Mietervereine des Mieterbundes in NRW eine gestiegene Zahl von Beratungsfällen wegen Cannabiskonsums verzeichnet.
Unsere Quellen:
- Beobachtungen des WDR-Reporters vor Ort
- Gespräche mit Besuchern in der Düsseldorfer Altstadt
- Timon Panke vom Cannabis-Social-Club Düsselhanf
- Angaben des Bundesgesundheitsministeriums zum Cannabis-Gesetz
- Rheinische Post
- Deutsche Gesellschaft für Badewesen
- Hotel- und Gaststättenverband Dehoga NRW
- NRW-Innenministerium
- Manfred Wirsch, Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrats
- Deutscher Mieterbund NRW
Sendung: WDR.de, Das sagen Düsseldorfer zum Cannabis-Konsum, 21.08.2026, 05.03 Uhr
