An der Rheinuferpromenade in Düsseldorf sind Samstagnachmittag Radler, E-Scooter-Fahrer und Fußgänger unterwegs.
Raser auf Radwegen : "Der Egoismus im Straßenverkehr wird immer größer"
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An der Rheinuferpromenade in Düsseldorf zeigt sich, wie angespannt es auf vielen Radwegen ist. Unterschiedliche Geschwindigkeiten, neue Verkehrsmittel und wenig Platz sorgen für riskante Situationen. Welche Rolle Egoismus und fehlende Infrastruktur für die Sicherheit spielen.
Es könnte der perfekte Nachmittag für eine gemütliche Radtour sein: Die Sonne scheint, ein leichter Wind weht, der Himmel ist strahlend blau. Echte Entspannung kommt auf der Düsseldorfer Rheinuferpromenade an diesem Samstag aber nicht auf.
Rennradfahrer mit eng anliegenden Trikots rasen vorbei, Jugendliche auf E-Scootern fahren in Schlangenlinien, Senioren beschleunigen plötzlich mit ihren E-Bikes, Fußgänger kreuzen die Fahrbahn.
Mal wird geklingelt, mal gedrängelt, mal bei Überholmanövern in den Gegenverkehr gelenkt. Manche bremsen erst, wenn es nicht mehr anders geht.
Geschwindigkeit statt Gelassenheit auf Radwegen
Solche unübersichtlichen Situationen erlebt Tanja Pütz auf Radtouren immer wieder. Sie ist hier am Rhein mit einem Fahrrad ohne Elektromotor unterwegs. Andere fahren da deutlich schneller.
Radfahrerin Tanja Pütz
"Durch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten ist es auf Radwegen schwierig, die Balance zwischen allen Beteiligten zu finden", sagt Pütz. Gleichzeitig nehmen die Menschen aus ihrer Sicht zu wenig Rücksicht aufeinander. "Mir fällt auf, dass mit E-Scootern oft aggressiv gefahren wird. Aber es kommt nicht so auf das Verkehrsmittel, sondern die einzelne Person an."
Ähnlich beurteilt Doris Glück die Situation. "Es wird häufig nicht vorausschauend gehandelt. Viele haben außerdem Kopfhörer auf, hören Musik oder telefonieren. Dadurch nehmen sie ihre Umwelt zu wenig wahr ", sagt Glück.
Doris Glück und Jens Becker wünschen sich mehr Rücksicht im Straßenverkehr.
Sie fährt lieber langsam, ihr Mann Jens Becker tritt gerne schneller in die Pedale. "Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass ich von Rennradfahrern bedrängt werde. Auch unterschätzen Rentner manchmal das Tempo ihres E-Bikes", sagt Becker. "Ich habe deswegen schon unschöne Momente erlebt, bei denen es fast zu Unfällen kam."
Mehr Unfälle mit Fahrrädern, E-Bikes und E-Scootern in NRW
Dass die Verkehrssituation grundsätzlich angespannt und bisweilen gefährlich ist, merken nicht nur die Menschen an der Düsseldorfer Rheinpromenade. Auch die Verkehrsunfallbilanz des Landes NRW zeigt das.
Laut der Statistik stieg etwa die Zahl der Unfälle mit Fahrrädern und E-Bikes im vergangenen Jahr auf 21.986 - das sind rund sieben Prozent mehr als im Vorjahr. In über der Hälfte der Fälle waren dabei anderen Verkehrsteilnehmer die Unfallverursacher.
2025 verunglückten zudem in Nordrhein-Westfalen rund 3.900 Menschen mit einem E-Scooter. Das waren 50 Prozent mehr als 2024.
Verkehrspsychologe warnt vor Egoismus im Straßenverkehr
Für den Verkehrspsychologen Jürgen Walter sind gefährliche Situationen oft auf ein Problem zurückzuführen: das fehlende Verständnis für andere.
Der Egoismus im Straßenverkehr wird immer größer. Das gilt für Autofahrer genauso wie auf Radwegen. Jürgen Walter, Verkehrspsychologe
Vielen Menschen fehle es heutzutage an Geduld. Sie wollen laut Walter möglichst schnell von A nach B kommen - und nehmen dabei kaum Rücksicht. So komme es etwa zu waghalsigen Überholmanövern. "Die Denkweise ist: Ich habe ein E-Bike, bin damit schneller als andere Radfahrer und deswegen steht mir das Recht zu, sie zu überholen", sagt er.
Jürgen Walter, Verkehrspsychologe
Um wenige Sekunden zu sparen, werde ein höheres Unfallrisiko in Kauf genommen. Genau das will der Verkehrspsychologe deutlich machen. "Es ist nie absehbar, welche Folgen rücksichtslose Entscheidungen haben. Mal geht alles gut, mal werden Menschen schwer verletzt", sagt Walter. "Ich kann die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls mit meinem Verhalten beeinflussen. Wenn das jedem Verkehrsteilnehmer klar wird, haben wir schon viel gewonnen."
Es müsse mehr Bewusstsein für die Eigenverantwortung geschaffen werden, die jeder trägt, wenn er sich ins Auto setzt oder aufs Fahrrad steigt, betont Walter. "Das beginnt schon im Kindergarten und zuhause. Eltern sollten ihren Kindern vorleben, dass Rücksichtnahme keine Schwäche ist."
Mehr Verkehrsmittel und zu wenig Platz auf Radwegen
Aus Sicht des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in Nordrhein-Westfalen braucht es vor allem deutlich besser ausgebaute und räumlich getrennte Radwege, um für mehr Sicherheit zu sorgen.
An der Rheinuferpromenade in Düsseldorf teilen sich auf einem Abschnitt Fußgänger und Radfahrer den Weg.
In den vergangenen Jahren sind neue Verkehrsmittel wie E-Bikes und E-Scooter hinzugekommen, gleichzeitig sei die Fläche gleich geblieben, die sich die Verkehrsteilnehmer teilen müssen. "Das birgt immer ein gewisses Konfliktpotenzial", heißt es vom ADFC.
Mit Blick auf E-Bikes spricht sich der Fahrrad-Club "klar dafür aus", dass gesetzliche Standards wie zum Beispiel die Drosselung auf 25 km/h "eingehalten werden müssen". Bei manchen modernen Fahrradtypen wie Fatbikes beobachte der ADFC, dass "die gesetzlichen Regeln leider nicht immer eingehalten werden."
Fatbikes sind eine Variante von E-Bikes und bei Jugendlichen sehr beliebt. Die Räder werden immer wieder technisch so manipuliert, dass sie bis zu 100 km/h erreichen können.
Keine Helmpflicht für Radfahrer in Deutschland
Wenn es um das Thema Sicherheit geht, dreht sich die Debatte in Deutschland immer wieder um das Thema Helmpflicht. Auf dem Radweg an der Rheinpromenade in Düsseldorf tragen am Samstagnachmittag viele Rad- und E-Bike-Fahrer keinen Kopfschutz - sie sind gesetzlich auch nicht dazu verpflichtet.
Sich gegen einen Helm zu entscheiden, kann er trotzdem nicht nachvollziehen, betont Verkehrspsychologe Jürgen Walter.
Die Menschen packen ihr Handy in eine dicke Schutzhülle, aber ihren Kopf nicht. Das ergibt doch keinen Sinn. Hier würde ich mir von der Politik und Verbänden mehr Konsequenz wünschen. Jürgen Walter, Verkehrspsychologe
Der ADFC empfiehlt "besonders Kindern, älteren Menschen und ambitionierten Radfahrern und Radfahrerinnen das Helmtragen". Für eine Pflicht spricht sich der Fahrrad-Club nicht aus.
"Nach Einführung der Helmpflicht in Australien und Neuseeland sank zwar die absolute Zahl tödlicher Radunfälle, aber gleichzeitig fuhren deutlich weniger Menschen Rad", heißt es auf WDR-Anfrage. "Der sehr viel wirksamere Hebel für mehr Sicherheit im Radverkehr ist der Ausbau eines sicheren, durchgängigen Radwegenetzes und die Beruhigung des Autoverkehrs."
Unsere Quellen:
- Beobachtungen des WDR-Reporters vor Ort in Düsseldorf
- WDR-Gespräche mit Radfahrern und Fußgängern in Düsseldorf
- Verkehrspsychologe Jürgen Walter
- ADFC Nordrhein-Westfalen
- Verkehrsunfallbilanz des Landes NRW
Sendung: WDR.de, Weshalb die Situation auf Radwegen so angespannt ist, 14.07.2026, 05:03 Uhr
Erstveröffentlichung des Artikels am 14.07.2026