Essener weckt Erinnerungen an legendären AMG-Rennwagen
Bildquelle: WDR/Andreas ArtzWDR. 3 Min. 12 Sek.. Verfügbar bis 06.09.2028.
Die "Rote Sau" von Paul Jüngst legt sofort kräftig los: Als er den Schlüssel im Zündschloss umdreht, dröhnt sofort der Motor laut auf. Nach wenigen Sekunden riecht es in der ganzen Tiefgarage nach Benzin. Mit lautem Röhren und sechs riesigen, hell erleuchteten Scheinwerfern rollt der Rennwagen langsam aus der dunklen Tiefgarage auf die Straße.
Paul Jüngst am Steuer seines Mercedes-Benz 300 SEL AMG
Bildquelle: WDRDort zieht der Mercedes-Benz 300 SEL AMG, Baujahr 1970, direkt die Blicke auf sich. Immer wieder drehen sich Menschen staunend in Richtung des roten Oldtimers mit seinen 420 PS um. Es ist ein originalgetreuer Nachbau der legendären "Roten Sau", wie der Original-Rennwagen in den 1970er-Jahren genannt wurde. Der Essener Motorsportfan Paul Jüngst hat sich damit einen Traum erfüllt.
Er wollte schon immer einen Rennwagen nachbauen lassen und hat sich bewusst für den Mercedes entschieden: "Das Auto wird von allen unterschätzt. Man denkt nicht, dass in so einer Luxuslimousine so viel Sportlichkeit drinstecken kann", erzählt Jüngst.
Rote Sau holte Sensationssieg beim 24-Stunden-Rennen von Spa
Unterschätzt wurde die originale "Rote Sau" auch bei ihrem Sensationserfolg beim 24-Stunden-Rennen im belgischen Spa-Franchorchamps 1971: Völlig überraschend ging die damals noch unbekannte Tuningfirma AMG mit der Luxuslimousine von Mercedes an den Start - mitten in einem Feld zwischen klassischen, flinken Renntourenwagen wie Ford Capris oder BMWs.
Die originale "Rote Sau" beim 24-Stunden-Rennen 1971 in Spa-Francorchamps
Bildquelle: WDR ArchivDoch AMG hatte den schweren 300 SEL, einem Vorläufer der Mercedes S-Klasse, so aufgetunt, dass er ein Spitzentempo von über 260 Stundenkilometern erreichte - schneller als viele Konkurrenten. Das machte die Nachteile beim Gewicht, Spritverbrauch und Reifenverschleiß wett. Am Ende holte der Außenseiter sensationell den Klassensieg und wurde Zweiter in der Gesamtwertung.
Auto als Durchbruch für Tuningmarke AMG
"Kein Mensch dachte damals daran, dass ein Mercedes so ein Rennen gewinnen kann. Mercedes hatte das Image, für alte Fahrer da zu sein. Wer damals sportlich unterwegs war, fuhr eigentlich einen BMW oder Alfa." Paul Jüngst, Autobesitzer
Für die Tuningfirma AMG war es der erste große Erfolg - und der Start eines steilen Aufstiegs bis hin zur Übernahme durch Mercedes. "Ohne dieses Auto", betont Jüngst, "wäre AMG nie bekannt geworden. Durch den Sieg sind sie von einer Idealisten-Schrauberbude zu einem großen Unternehmen geworden."
Original-Auto wurde für Tests von Flugzeugreifen genutzt
Für das Original selbst ging es aber nicht so erfolgreich weiter. Kurz nach dem Sieg 1971 wurde der maximale Hubraum bei Tourenwagen auf fünf Liter begrenzt - das Aus für den 6,8-Liter-Rennwagen. Er wurde an einen französischen Luftfahrtkonzern verkauft, der damit Flugzeugreifen testete. Später soll der Wagen verschrottet worden sein.
Auf einer Plakette im Türeinstieg des Nachbaus von Paul Jüngst sind der Spitzname des Autos und ein Autogramm von Clemens Schickentanz zu finden.
Bildquelle: WDRPaul Jüngst schätzt, dass es mittlerweile etwa 50 Nachbauten des Autos gibt. Er selbst hat aber besonders viel Wert auf eine "sehr nahe Ausstattung am Rennfahrzeug" gelegt, wie er sagt. Sein Nachbau ist anhand von alten AMG-Konstruktionsplänen entstanden, die Gesamtkosten lagen bei mehr als einer halben Million Euro. "Das Auto ist ein Rückschritt in meine Jugendzeit", schwärmt der 71-Jährige. "Da ist viel Herzblut dabei, um so ein Fahrzeug nachzubauen."
Ex-Rennfahrer: Rote Sau war ein "Monster"
Die Idee zum Nachbau kam Jüngst durch ein Treffen mit Clemens Schickentanz, einer der beiden Rennfahrer der "Roten Sau" in Spa. Beide lernten sich auf einer Oldtimer-Messe in Essen kennen und sind seitdem befreundet. Schickentanz erinnert sich noch gut an den legendären Rennwagen.
"Das war wirklich ein Erlebnis zur damaligen Zeit, so ein Monster zu bewegen und das zu beherrschen - versuchen zu beherrschen. Clemens Schickentanz, Rennfahrer der "Roten Sau" 1971 in Spa
Holte mit der "Roten Sau" 1971 sensationell den Klassensieg in Spa: Ex-Rennfahrer Clemens Schickentanz.
Bildquelle: WDRVor allem im Regen und auf den vielen langen Geraden sei das Auto unschlagbar gewesen. "Wenn der Benzinverbrauch nicht so hoch gewesen wäre, hätten wir auch in der Gesamtwertung gewonnen. Aber wir mussten dreimal so oft tanken wie die anderen", erzählt der 82-Jährige und lacht.
Auto hat viele Fans im Ruhrgebiet
Der Mercedes-Benz 300 SEL AMG zog beim Treffen "Schöne Sterne" in Hattingen die Blicke der Besucherinnen und Besucher auf sich.
Bildquelle: WDR/Andreas ArtzDoch auch so ist die "Rote Sau" für viele Fans im Ruhrgebiet immer noch mehr als ein normaler Rennwagen. Als Paul Jüngst mit seinem Nachbau beim Mercedes-Treffen "Schöne Sterne" in Hattingen vorfährt, zücken viele Besucherinnen und Besucher ihre Handys und versammeln sich um das Auto. "Hier sieht man richtige Schwaben-Power", schwärmt ein Besucher. "Ich finde den Wagen einfach Kult: der Klang, der Geruch von Benzin, die Farbe", sagt eine Besucherin.
Doch woher kommt überhaupt der Name "Rote Sau"? "Es heißt", erzählt Paul Jüngst, "das Auto ist gelaufen wie die Sau und hatte auch ein Fahrverhalten wie eine Sau. Das Fahrverhalten ist manchmal unberechenbar." Auch das macht die Legende rund um den Rennwagen aus. Und die lebt weiter - auch wenn es die echte "Rote Sau" nicht mehr gibt.
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit Paul Jüngst, Besitzer des Nachbaus der "Roten Sau"
- WDR-Gespräch mit Clemens Schickentanz, ehemaliger Rennfahrer der "Roten Sau" beim 24-Stunden-Rennen in Spa
- WDR-Gespräch mit Besucherinnen und Besuchern des Mercedes-Treffens "Schöne Sterne" in Hattingen
- WDR-Gespräch mit Hans Heyer, ebenfalls ehemaliger Rennfahrer der "Roten Sau" beim 24-Stunden-Rennen in Spa
- Sportschau-Beitrag vom 25.07.1971 über das 24-Stunden-Rennen von Spa
- eigene Recherche
Sendung: WDR.de, Essener weckt Erinnerungen an legendären AMG-Rennwagen, 06.09.2026, 05:00 Uhr
