Comedy-Führung in der Essener Erlöserkirche
Bildquelle: WDR / Dirk Groß-LangenhoffWDR. 2 Min. 38 Sek.. Verfügbar bis 03.09.2028.
Die Uniformjacke ist dunkelblau, rote Aufschläge, eine Reihe blanker Knöpfe. Klaus Künhaupt zieht sie über das weiße Hemd, in dem er zwanzig Minuten vorher noch gebetet hat. Gürtel. Monokel ins rechte Auge. Zuletzt die Pickelhaube. Bis er einen Helm hatte, der passte, hat es gedauert. Er hat einen großen Kopf. Dann steht in der Essener Erlöserkirche nicht mehr der Pfarrer, sondern Leutnant Zitzewitz, angeblich Leibwächter Kaiser Wilhelms II.
"Das sind also jetzt die Herren Demokraten und die Damen Republikaner, die mit mir eine Führung durch die Erlöserkirche machen wollen", fragt der Leutnant und mustert die Bankreihen. "Das gibt's doch gar nicht. Na gut, das kriegen wir hin." Auf den Bänken sitzt der Seniorenclub aus Essen-Burgaltendorf. Sie lachen.
Abgeschaut an der Porta Nigra
Künhaupt ist 59 und seit gut fünf Jahren Pfarrer an dieser Kirche. Seitdem beschäftigt ihn eine Frage: Wie bringt man Menschen dazu, ein Haus wirklich wahrzunehmen, das sie jeden Tag sehen?
Die Antwort hat er sich in Trier abgeschaut. Dort führte ihn ein als römischer Zenturio verkleideter Schauspieler durch die Porta Nigra. Alle amüsierten sich - und lernten trotzdem etwas. Eine Figur reichte ihm in Essen allerdings nicht.
Zwei Epochen, ein Gebäude
Gebaut wurde die Kirche 1906 bis 1909 von Franz Heinrich Schwechten, dem Architekten der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Vom Inneren ist nichts übrig: Am 5. März 1943 brannte sie bis auf die Mauern aus.
Das Innere der Erlöserkirche in Essen
Bildquelle: WDR / Dirk Groß-LangenhoffUngehalten wird er, wenn er auf das zu sprechen kommt, was vor der Tür los ist. Ein schöner innerstädtischer Platz mit Bäumen sei damals geplant gewesen. "Ihr habt da lauter Blechlawinen hin gemacht."
Plötzlich werden Erinnerungen an die Kaiserzeit wach
Dann kündigt er seinen eigenen Abgang an: "Deswegen werde ich gleich verschwinden, und dann wird der Kükelhaus kommen und es selber erklären." Helm ab, Brille auf, andere Haltung. "Ist er weg, dieser schreckliche Kommisskopf? Ich kann diese Leute nicht ertragen." Der neue Mann stellt sich vor: "Hugo Kükelhaus ist mein Name."
Den hat es wirklich gegeben: Essener, Tischler, Architekt, Philosoph. In der Kirche, in der er selbst konfirmiert wurde, durfte er 1957 entscheiden, was von der Kaiserzeit bleibt. Er ließ die Wände glatt verputzen, die Säulen hell streichen und setzte Bäume in die Fenster.
"Wir lassen die Natur hier rein, bis hinauf in den Himmel, wo dann die Sterne sind." Die Gruppe legt die Köpfe in den Nacken und betrachtet das hellblaue Gewölbe an der Decke.
"Dass ich zuletzt in einer Kirche gelacht habe, ist lange her"
Nach zwei Stunden ist die Führung vorbei. Gefragt, wann sie zuletzt in einer Kirche gelacht habe, überlegt eine Besucherin kurz. "Gelacht? Ist lange her." Dann lächelt sie. "Heute ja." Eine andere hat etwas anderes mitgenommen. "Mir hat gefallen, dass der Pfarrer so schön berlinert hat", sagt sie. "Ich bin selbst aus Berlin."
Künhaupt, wieder ohne Kostüm, ist erleichtert. Er ist in Essen-Horst aufgewachsen und hat nie in Berlin gelebt. "Ich habe immer Angst, dass ein Berliner auftaucht und sagt: Wat soll denn dette sein?" Feste Termine für die Führung gibt es nicht, sie läuft nur auf Nachfrage und kostet nichts. Wer etwas freiwillig gibt, gibt es für das Gebäude - ein Denkmal, an dem die meisten vorbeifahren.
Unsere Quellen:
- Eindrücke und Gespräche des WDR-Reporters vor Ort
- Pfarrer Klaus Künhaupt
Sendung: WDR.de, Comedy-Führung in der Essener Erlöserkirche, 07.09.2026, 5 Uhr
