Warendorf, Mönchengladbach, Viersen und das einst wohlhabende Monheim am Rhein - die Zahl der Haushaltssperren in NRW nimmt zu. Am Montag wurde sie auch in der Bundesstadt Bonn verhängt. Seit Dienstag gilt sie in Willich im Kreis Viersen sowie in Münster und Siegen. Immerhin: Krefeld kündigte vor wenigen Tagen an, die Anfang Juli erlassene Haushaltssperre aufzuheben, sobald die beschlossene und genehmigte Haushaltssatzung in Kraft tritt.
Erlaubt sind bei einer Haushaltssperre nur noch zwingende Ausgaben, die für den Weiterbetrieb notwendig sind. Neue Kredite oder Geld für Vereine und Kulturprojekte sind blockiert. Der Städte- und Gemeindebund NRW geht davon aus, dass ein ausgeglichener kommunaler Haushalt mittlerweile die Ausnahme ist.
Hohe Pro-Kopf-Verschuldung in vielen NRW-Kommunen
Beispiel Monheim: Die Stadt am Rhein hat zunächst bis zum 30. September eine Haushaltssperre verhängt, denn die erwarteten Gewerbesteuereinnahmen werden wohl um bis zu ein Drittel verfehlt.
Monheim leistete sich viel Kunst, hier die "Points of View" von Tony Cragg
Bildquelle: WDR / Ulla Anne GiesenExtrem hohe Ausgaben der vergangenen Jahre - darunter kostenloser ÖPNV und Kita-Betreuung - haben die finanzielle Leistungsfähigkeit der Stadt gesprengt, kritisiert der Steuerzahlerbund. Der bemängelt schon länger eine "verantwortungslose Finanzpolitik und so manchen Fall der Steuergeldverschwendung". Schon die Zinsen für die Kredite der Vergangenheit und Gegenwart würden den Anteil der Gewerbesteuer, den die Stadt behalten darf, bei Weitem übersteigen.
"Jedes 'Geschenk' an die Monheimer von heute müssen die Monheimer von morgen und übermorgen bezahlen." Bund der Steuerzahler Deutschland e. V.
Monheim stellt bereits zugesagte Leistungen zurück
Der "Monheimer Geysir" von Künstler Thomas Stricker ziert das Rheinufer
Bildquelle: WDR / Ulla Anne GiesenMonheim will freiwillige Leistungen ohne Eingriffe in bestehende Verträge oder bereits zugesagte finanzielle Leistungen zurückstellen. So fallen der Martinsmarkt, die Finanzierung von Interrail-Pässen oder neue Bepflanzungsmaßnahmen aus; Altstadt-Weinfest und Sternenzauber finden statt. "Wir müssen jetzt gegensteuern, um Kurs zu halten", betonte die Stadtkämmerin Nina Richter.
Mönchengladbach leidet unter "enormen Ausgaben der letzten Jahre"
Die Schwierigkeiten zeigt auch ein Blick nach Mönchengladbach: Der Doppelhaushalt 2025/26 gebe mehr Erträge her, doch höhere Sozialkosten wie in der Jugendhilfe und steigende Personalkosten nach dem neuen Tarifabschluss stünden dem entgegen, sagte Oberbürgermeister Felix Heinrichs (SPD). "Eine ohnehin schon verschuldete Stadt rutscht so immer weiter in die Problemlage." Der Personalratschef der Stadtverwaltung, Sebastian Willer, sieht die "enormen Ausgaben der letzten Jahre" als Ursache für die desolate Lage von Mönchengladbach.
Steuererhöhungen nur als "letzte Option"
Frei werdende Stellen will Mönchengladbach nun nicht mehr besetzen, freiwillige Ausgaben streichen. Der Oberbürgermeister hofft auf eine wirtschaftliche Erholung, doch sollten mehr Unternehmen am Ort insolvent werden, werde es noch schwieriger, sagt OB Heinrichs. Steuererhöhungen will er nur als letzte Option ziehen. Er fordert stattdessen: "Wir brauchen eine bessere Finanzausstattung von Bund und Kommunen."
Dutzende Städte unter massivem finanziellen Druck
Mehrere Dutzend Städte und Gemeinden in NRW stehen unter massivem finanziellen Druck und zehren ihr Eigenkapital auf. Besonders angespannt ist die Lage in Oberhausen, Bottrop, Lünen, Witten, Mülheim an der Ruhr und im Rheinisch-Bergischen Kreis.
Bündnis: "Menschen verlieren das Vertrauen in staatliches Handeln"
Ein Bündnis aus Städtetag NRW, Landkreistag NRW und der Städte- und Gemeindebund NRW warnte zuletzt, die kommunale Selbstverwaltung sei im Kern bedroht. "Ganz konkret entscheidet sie nämlich darüber, ob im Alltag der Menschen Leistungen wegbrechen, Schwimmbäder schließen, Bibliotheken zugänglich sind oder Straßen saniert werden."
Finanzreport: Kommunen rutschen immer weiter ins Defizit
Laut dem kürzlich veröffentlichten Kommunalen Finanzreport der Bertelsmann Stiftung ist das Defizit der Städte und Gemeinden in NRW 2025 um vier Milliarden auf den Höchststand von über elf Milliarden Euro gestiegen - pro Einwohner gerechnet ist das im Ländervergleich der mit Abstand höchste Wert.
Trotz eingeleiteter Einsparungen sei absehbar, dass die Defizite in den kommenden Jahren weiter steigen werden. Hauptgrund seien Personal- und Sozialausgaben. Laut Studie sind inzwischen auch wirtschaftsstarke Regionen wie Ostwestfalen oder das Münsterland betroffen.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Mönchengladbachs OB Felix Heinrichs
- Stadtverwaltung Mönchengladbach, Personalratschef Sebastian Willer
- Govdata-Datensatz: Haushaltsstatus der Kommunen in Nordrhein-Westfalen zum Stichtag 31.12.2025
- Stadt Monheim am Rhein
- Bund der Steuerzahler Deutschland e. V.
- Kommunen.NRW
- Kommunaler Finanzreport der Bertelsmann Stiftung 2025
- Kommunalfinanzbericht 2026 von ver.di NRW
- Nachrichtenagenturen dpa/lnw
- Stadt Krefeld
- Stadt Viersen
- Stadt Bonn
- Stadt Willich
- Stadt Münster
Sendung: WDR.de, Stadt Bonn erlässt Haushaltssperre, 07.09.2026, 23:12 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell, 03.07.2026, 12:45 Uhr