In jeder Schulklasse sitzt im Schnitt ein hochbegabtes Kind.
Bildquelle: WDR / picture alliance / Sergey Nivens/ShotshopDie jüngste Pisa-Studie hat NRW mal wieder in Aufruhr versetzt: Die Ergebnisse in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften waren so schlecht wie nie zuvor. Da würde es doch sicher helfen, wenn in den Klassen mehr Hochbegabte sitzen würden. Oder?
Nicht unbedingt. Denn eine Hochbegabung führt nicht automatisch zu Spitzennoten. Oft muss diese erst einmal erkannt und entsprechend gefördert werden. Ansonsten kann es sein, dass es zu Problemen und Auffälligkeiten kommt. Aber wie macht man das am besten? Und wie äußert sich eine Hochbegabung überhaupt? Die wichtigsten Fragen und Antworten.
- Wie wird Hochbegabung definiert?
- Wie viele Menschen in Deutschland sind hochbegabt?
- Woran erkenne ich eine Hochbegabung bei meinem Kind?
- Welche Schwierigkeiten haben Hochbegabte in Schule und Kindergarten?
- Gibt es einen Zusammenhang zwischen Hochbegabung und ADHS?
- Ich glaube, mein Kind ist hochbegabt. An wen kann ich mich wenden?
- Wie werden hochbegabte Kinder in NRW gefördert?
Wie wird Hochbegabung definiert?
Menschen gelten als hochbegabt, wenn ihre intellektuellen Fähigkeiten weit über dem Durchschnitt liegen. Um Hochbegabung zu ermitteln, gibt es für die unterschiedlichen Altersgruppen verschiedene Intelligenztests. Als Durchschnittswert wird dabei ein Intelligenzquotient (IQ) von 100 angesetzt. Wer einen Wert von 130 oder mehr erreicht, gilt als hochbegabt.
Wie viele Menschen in Deutschland sind hochbegabt?
Wenn man davon ausgeht, dass der Durchschnitts-IQ bei einem Wert von 100 liegt, liegen laut dem mathematischen Prinzip der Normalverteilung 2 bis 3 Prozent der Bevölkerung über 130. Wer sich über dieser Schwelle befindet, wird in der Wissenschaft als hochbegabt angesehen. Auf die Schulen in Deutschland bezogen heißt das: In jeder Klasse mit 20 bis 25 Schülern sitzt statistisch gesehen ein hochbegabtes Kind.
Auch die Hochbegabtenvereinigung Mensa arbeitet mit diesem IQ-Wert. Wer dort Mitglied werden will, muss einen offiziell anerkannten IQ-Test absolvieren und dabei mindestens einen Wert von 130 erreichen.
Woran erkenne ich eine Hochbegabung bei meinem Kind?
Hochbegabte Kinder haben meist eine sehr frühe Sprachentwicklung. "Sie bilden oft schon mit zwei Jahren komplexe Sätze und differenzieren beispielsweise Farben. Statt 'grün' und 'blau' heißt es dann 'türkis' und 'hellblau'", sagt Helga Thieroff, die als Psychologin und Pädagogin seit über 30 Jahren hochbegabte Kinder fördert.
Hochbegabte sind meist schon als Babys und Kleinkinder sehr aufmerksam, interessiert und aufnahmefähig. Bei manchen ist schon früh ein Interesse für Zahlen und Buchstaben vorhanden.
Welche Schwierigkeiten haben Hochbegabte in Schule und Kindergarten?
Hochbegabte Kinder zeigen meist schon sehr früh ein Interesse an "Erwachsenenthemen" und beschäftigen sich mit anderen Dingen als Gleichaltrige. Dadurch gebe es oft Probleme, mit den anderen Kindern im Kindergarten zu kommunizieren. "Sie haben andere Interessen und eine sehr elaborierte Sprachentwicklung. Daher fühlen sich viele Hochbegabte dort nicht zu Hause", so Thieroff.
Schule nach Lehrplan ist für viele Hochbegabte eine Herausforderung
Bildquelle: Inga Kjer / WDR / picture alliance / dpaAuch in der Schule sind viele Hochbegabte mit den Themen des Standard-Lehrplans unterfordert. Manche passen sich dann laut Thieroff "nach unten" an, um nicht aufzufallen, und lassen ihr Potenzial "versanden". Andere zeigen kein Interesse am Lernstoff und schalten innerlich ab, stören den Unterricht, stehen auf und laufen herum.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Hochbegabung und ADHS?
Hochbegabung und ADHS äußern sich in der Schule zwar manchmal durch ähnliche Verhaltensweisen: Die Kinder sind unaufmerksam, schnell abgelenkt, zeigen wenig Ausdauer bei monotonen Themen und haben mitunter Schwierigkeiten, sich an Regeln zu halten.
Ein Zusammenhang zwischen ADHS und Hochbegabung ist allerdings bislang nicht nachgewiesen. Wenn man die Unterforderung bei Hochbegabten beendet, etwa indem sie Klassen überspringen oder speziell gefördert werden, legt sich laut Thieroff das auffällige Verhalten oft wieder.
Ich glaube, mein Kind ist hochbegabt. An wen kann ich mich wenden?
Ein Ansprechpartner kann die jeweilige Bildungseinrichtung sein, also die Schule oder der Kindergarten. Um eine Hochbegabung zu testen, sollte man sich an Psychotherapeuten oder Psychologen wenden, die sich auf die Arbeit mit Kindern spezialisiert haben. Zudem gibt es in vielen NRW-Städten Beratungsstellen der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK), die einem weiterhelfen können.
Wie werden hochbegabte Kinder in NRW gefördert?
"Hochbegabte Kinder sind anders und sie fühlen sich auch anders", sagt Helga Thieroff. "Wenn sie richtig gefördert werden, können sie mit ihren Talenten groß herauskommen." Thieroff leitet in Koblenz das "Kinder-College", wo sich Hochbegabte in ihrer Freizeit treffen und mit den verschiedensten Themen beschäftigen können.
Mit "Kinder Unis" will die NRW-Regierung Hochbegabung fördern
Bildquelle: Rolf Vennenbernd / dpaAuch in NRW gibt es Möglichkeiten für Hochbegabte, sich außerschulisch weiterzubilden. So haben etwa die Universitäten in Wuppertal, Essen, Kleve oder Düsseldorf spezielle Programme für Kinder und Jugendliche. Im Rheinland bietet das Hochbegabtenzentrum in Brühl Kurse und Beratung an. Im Ruhrgebiet kann man sich an die Ruhrtalente wenden, ein Stipendienprogramm, das Schülerinnen und Schüler ab der achten Klasse fördert und unterstützt.
Unsere Quellen:
- Nachrichtenagenturen dpa, AP
- NRW-Schulministerium
- Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK)
- Hochbegabtenzentrum Rheinland
- Interview mit Helga Thieroff
Sendung: WDR.de, Wie sich Hochbegabung bei Kindern äußert, 20.09.2026, 5:06 Uhr
