Wenn das Gehirn ein Ferrari ist, der nicht bremsen kann
Bildquelle: WDR / Annika KrooßWDR. 3 Min. 19 Sek.. Verfügbar bis 20.09.2028.
Hochbegabung übersehen : Ludwigs langer Weg zur Diagnose
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Wer hochbegabt ist, fällt oft durch besondere Fähigkeiten und außergewöhnliche Leistungen auf. Der 12-jährige Ludwig aus Liesborn bei Wadersloh komponiert eigene Melodien am Klavier, belegt naturwissenschaftliche Kurse für Zwölftklässler auf dem Gymnasium. Ludwig ist höchstbegabt, sein IQ liegt damit bei über 145 - das ist selten und zugleich eine Belastung für ihn und seine Familie.
"Es ist, als würde das Gehirn Ferrari fahren." So versucht Amélie Seeberg-Elversfeldt zu beschreiben, was im Kopf ihres Sohnes Ludwig vor sich geht.
Die Schattenseiten dieser Höchstbegabung kennt sie allzu gut. Denn lange haben sie und ihr Mann das Gefühl, dass ihr wissbegieriger Sohn nicht ins Bildungssystem passt.
In der Grundschule erlebt Ludwig vor allem Druck, Schulfrust und wenig Selbstvertrauen. Obwohl er intelligent ist, versteht er einfache Aufgaben nicht, wirkt im Unterricht wie blockiert. Hausaufgaben werden zum täglichen Horror. Ludwig wechselt zwei Mal die Grundschule, findet kaum Freunde.
Ludwig am Klavier. Hier komponiert er oft und gerne eigene Melodien.
Bildquelle: WDR / Annika KrooßStatt Hochbegabung ist zunächst von Problemen und Störungen die Rede. Falsche Diagnosen und Vermutungen belasten die Familie. Niemand denkt daran, dass hinter Ludwigs Auffälligkeiten eine Hochbegabung steckt.
Erst als Höchstbegabung festgestellt wird, bekommt Ludwig gezielte Förderung. Vieles verändert sich: Er versteht endlich, warum Schule sich so schwierig angefühlt hat, baut Schritt für Schritt neues Selbstvertrauen auf. Im WDR-Interview erzählen Ludwig und seine Mutter Amélie Seeberg-Elverfeldt, wie wichtig es ist, Hochbegabung bei Kindern früh zu erkennen - und welche Hilfe Familien nutzen können, wenn Schule und Kind nicht zusammenpassen.
Ludwig, du bist in Naturwissenschaften ein Überflieger. Wie kommt es, dass dir einfache Aufgaben im Unterricht schwer gefallen sind?
Ludwig: Die Aufgaben waren irgendwie so beschrieben, dass sie für mich keinen Sinn ergeben haben und dann wurde ich auch nicht fertig. Auf der letzten Grundschule lief es besser und auch jetzt auf dem Gymnasium versuchen die Lehrer, mir die Aufgaben zu erklären.
Steckte auch Unterforderung dahinter?
Amélie Seeberg-Elversfeldt: Ludwig konnte schon ganz früh im Hunderterraum rechnen, dann kamen in der Schule diese ganzen Wiederholungen und da schaltet sein Gehirn komplett ab. Er hatte eine riesige Blockade. Er konnte dann gar nicht mehr rechnen. Das ist, als würde man auf Hochtouren 100 km/h im ersten Gang fahren.
Wie hast du dich damals gefühlt, Ludwig?
Ludwig: Mal war ich wütend und ratlos, mal traurig - auch mal sauer auf die Lehrer. Die haben mich nicht verstanden. Ich habe gedacht, dass ich dumm bin und nichts kann.
Woran haben Sie als Mutter gemerkt, dass es ihrem Sohn schlecht geht?
Seeberg-Elversfeldt: Er war total in sich gekehrt. Ludwig hat sich nie richtig gefühlt und das hat ihn komplett demontiert - er hatte auch depressive Phasen.
"Als Mutter ist man verzweifelt, wenn man das eigene Kind so leiden sieht." Amélie Seeberg-Elverfeldt, Mutter von Ludwig
Du hast drei IQ-Tests gemacht. Erst im Deutschen Zentrum für Begabungsforschung- und förderung kam im März heraus, dass du höchstbegabt bist. Was ist seitdem anders, Ludwig?
Ludwig: Alles, weil ich einfach motiviert bin. Die Lehrer haben mir gesagt: "Du kannst das nicht". Aber nun probiere ich das einfach weiter, wenn etwas nicht sofort klappt. Jetzt sind die Lehrer nett zu mir und die Kinder auch. Auf dem Gymnasium habe ich viele Freunde.
Frau Seeberg-Elverfeldt, war die Diagnose auch für Sie die Wende?
Seeberg-Elverfeldt: Absolut. Die Lehrer sehen jetzt seine Defizite, aber eben auch seine Stärken. Er hat auch durch ein privates Persönlichkeitstraining einen Blick für seine Ressourcen bekommen. Er tauscht sich mit Kindern aus, die ähnlich begabt sind. Dadurch hat Ludwig gemerkt, dass er nicht der Außerirdische ist, für den er sich früher hielt.
Was wünschen Sie sich von Schulen, von Lehrern?
Seeberg-Elverfeldt: Genau hinzugucken und Mut zuzusprechen, gerade bei schwierigen Kindern, die nicht ins Schema passen. Es ist häufig nicht so, wie es scheint. Was ich sehr traurig finde, vor allen Dingen in der Grundschule, dass die Struktur einfach wahnsinnig eng und starr ist. Inklusion nach oben ist oft nicht möglich. Zum Glück läuft das bei Ludwigs Bruder anders. Die Grundschule, auf der auch Ludwig zuletzt war, zeigt was möglich ist, wenn Lehrer Mut haben und die Rückendeckung von der Schulleitung. Die Lehrer dort fördern ihn individuell.
Und was raten Sie Eltern in einer ähnlichen Situation? Worauf kommt es an?
Seeberg-Elverfeldt: Es gibt keine Pauschallösung. Hilfe annehmen und suchen, das ist entscheidend. Das Kind muss sich in seinem Körper und bei sich wohlfühlen und dann kann sich einiges lösen, vorher nicht. Das Kind muss sehen: "Ich bewirke etwas, ich habe Einfluss auf etwas." Die Selbstwirksamkeit ist entscheidend.
Das Interview führte Lokalzeit-Autorin Julia Schlöpker. Für die Online-Version wurde es etwas angepasst, ohne den Inhalt zu verändern.
Sendung: WDR.de, Hochbegabung beim Kind: Ludwigs langer Weg zur Diagnose, 20.09.2026, 05:02 Uhr
