Aufarbeitung nach dem wohl islamistischen Anschlag beim Berliner CSD
Aktuelle Stunde . 27.07.2026. 43:26 Min.. UT. Verfügbar bis 27.07.2028. WDR. Von Kristina Klusen.
Der 21-jährige Attentäter Abdul Ballout hatte sich den CSD in der Hauptstadt wohl bewusst ausgesucht, um ein Zeichen zu setzen.
Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler fuhr er am Samstagabend im Berliner Tiergarten mit einem Lieferwagen in eine Menschenmenge. Nachdem der Fahrer mit einem Baum kollidiert war, soll er laut Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) aus dem Fahrzeug gestiegen und mit einer Stichwaffe auf weitere Menschen losgegangen sein. Bei dem Angriff wurde eine Frau getötet, mindestens 29 weitere Personen verletzt - mehrere davon schwer.
CSD-Anschlag in Berlin: "Angriff auf die Demokratie"
Schon am Tag nach dem Angriff meldete sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) auf X und erklärte, dass es sich nicht nur um einen Angriff auf die queere Community handle, "es war ein Angriff auf unsere Freiheit und unsere freiheitliche Gesellschaft". Auch Mouhanad Khorchide sieht das so.
Er ist Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster und dort Dekan der islamisch-theologischen Fakultät.
"Der Angriff in Berlin richtet sich offen gegen unsere Demokratie", sagt Khorchide. Das zeige sich an mehreren Aspekten rund um die Attacke. "Zum Beispiel, weil sie nahe dem Brandenburger Tor stattfand, einem für die Bundesrepublik symbolischen Ort." Noch wichtiger sei aber, dass sich der Angriff gezielt gegen die queere Community richtete. Das zeige, wie sehr Islamisten Grundwerte wie Vielfalt und Diversität ablehnten.
Queere Menschen als Feindbild von Islamisten
Doch woher kommt diese Ablehnung und wie begründen radikale Islamisten ihren Hass auf Homosexuelle und andere Menschen aus der LGBTQ-Bewegung?
"Wenn wir von Islamismus sprechen, gibt es unter anderem dieses Feindbild des Juden, der tiefsitzende Antisemitismus, aber auch Queerfeindlichkeit", sagt der Journalist und Islamkenner Eren Güvercin. "Die islamistischen Akteure schüren Ressentiments und Hass gegen queere Menschen."
Eren Güvercin, Journalist und Islamkenner
Laut dem islamischen Theologieprofessor Khorchide beriefen sich viele der jüngeren Islamisten dabei nicht einmal auf den Koran, sondern vielmehr auf islamistische Hassprediger, auf die sie im Netz stoßen. "Wenn sich junge Männer auf Social Media über den Islam informieren wollen, stoßen sie auf ein Überangebot von queerfeindlichen Inhalten", sagt er im Gespräch mit dem WDR. Dort werde ihnen vermittelt, dass vor allem Homosexualität nicht gottgewollt sei und deshalb verurteilt werden müsse.
Islamistische Ideologien verurteilen gleichgeschlechtliche Beziehungen
"Laut dieser Ideologie will Gott, dass Mann und Frau heterosexuell zusammenleben", sagt Khorchide. "Alles, was davon abweicht, wird als nicht normal dargestellt und abgewertet."
Güvercin wird sogar noch deutlicher. "Es gibt leider religiöse Narrative, die von islamistischen Akteuren geschürt werden, dass queere Muslime eine Sünde begehen", sagt er. "Und damit fängt es schon an, indem man diese Menschen entwertet und entmenschlicht." Das bilde die Grundlage für Taten wie die in Berlin.
Fehlinterpretation einer Koranstelle
Khorchide ärgert in diesem Zusammenhang, dass die Einstellungen mit einer aus seiner Sicht fehlerhaften Interpretation einer Koranstelle gerechtfertigt werden. Es geht um die Geschichte des Propheten Lot, der auch in der Bibel erwähnt wird.
In beiden Schriften wird geschildert, wie der Prophet Besuch von zwei Männern bekommt. Daraufhin erscheint ein Mob von Dorfbewohnern, der diese beiden Männer vergewaltigen will, was Lot scharf verurteilt.
"Islamisten deuten diese Szene als Ablehnung gegen Homosexualität, also das Zusammenleben in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung", sagt Khorchide. "Doch in dem Zusammenhang ist die angedrohte Vergewaltigung eine Machtdemonstration, die damit nichts zu tun hat."
Mouhanad Khorchide, Direktor des Zentrums für Islamische Theologie
Als Khorchide junge Islamisten begleitete, die wegen geplanter oder begangener Verbrechen im Gefängnis saßen, merkte er, wie schnell sich solche Parolen bei ihnen verfingen. Das hängt seiner Meinung nach aber nicht nur mit Social Media zusammen.
"Solche Anschläge wie der in Berlin sind nur die Spitze des Eisbergs", sagt er. Denn die Einstellung, alles andere als die klassische heterosexuelle Beziehung zwischen Mann und Frau zu verurteilen, sei nicht nur in islamistischen Kreisen verbreitet. "Man findet sie auch in der konservativen Gesellschaft, die jede Abweichung als Ursünde oder Krankheit abtut."
In der islamischen Gesellschaft gibt es seiner Meinung nach viel Nachholbedarf. "Dafür brauchen wir Anregungen aber auch Kritik von außen, um uns selbst zu hinterfragen", sagt Khorchide.
Unsere Quellen:
- Nachrichtenagentur dpa
- X-Account von Bundeskanzler Friedrich Merz
- Interview mit Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Islamische Theologie
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 27.07.2026, 18:45 Uhr
