Fake News, Deepfakes, emotionale Abhängigkeit von Chatbots, verzerrte Schönheitsideale, gefährliche Gesundheitstrends und Cybermobbing - im Netz lauern viele Gefahren für Kinder und Jugendliche.
Aus diesem Grund wird in der Politik schon seit längerem über Maßnahmen debattiert, die Minderjährige schützen sollen. Erst im Juni 2026 hat eine Expertenkommission konkrete Handlungsempfehlungen dazu vorgelegt. Jetzt hat die SPD-Fraktion einen Antrag im Landtag gestellt, die Landesregierung solle dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche im Umgang mit digitalen Medien und KI besser geschult werden.
Johannes Wentzel, Medientrainer
Bildquelle: Johannes WentzelMan solle Kinder von früh an fit machen, mit Medien umzugehen, sagt Johannes Wentzel. Er ist Medientrainer in Münster und gibt unter anderem Workshops zum verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien.
WDR: Was wird denn in Schulen bereits gemacht, um Kindern und Jugendlichen Medienkompetenz zu vermitteln?
Johannes Wentzel: Es gibt an Schulen schon einiges. Aber es ist meiner Erfahrung nach letztendlich uneinheitlich. Medienkompetenz taucht in den Lehrplänen auf und gehört auch zum Medienkompetenzrahmen NRW - das heißt Schulen ab der Grundschule sind schon angehalten das fächerübergreifend zu trainieren. Aber es wird eben nur punktuell umgesetzt.
Das heißt, es gibt mal einen Projekttag, Workshop oder einen Elternabend dazu - aber letztendlich hängt das alles sehr am Engagement der einzelnen Lehrkräfte oder der Schulsozialarbeitenden. Flächendeckend scheint das meiner Erfahrung nach noch nicht so zu sein - so dass jede Schule das machen kann und damit auch jedes Kind irgendwie die Chance hat, sich mit diesem Thema zu beschäftigen; und zwar nicht nur auf eine technische Art und Weise, sondern um das Reflektieren zu lernen. Es gibt vieles, aber es ist unsystematisch.
WDR: Sind Jugendliche überhaupt zugänglich für solche Angebote?
Wentzel: Auf jeden Fall. Jugendliche sind sehr ansprechbar für das ganze Thema Medien und Medienkompetenz. Es ist immer eine Frage des Wordings. Also wenn ich sage "Kinder, wir machen jetzt Medienkompetenz", dann haut das niemanden vom Hocker.
Aber wenn klar wird, um was es wirklich geht, nämlich um das digitale Lebensumfeld, das sie jeden Tag vor der Nase haben; und wenn man nicht nur den pädagogischen Zeigefinger hebt und sagt: "Das ist alles Quatsch, ihr seid alle süchtig"; wenn sie merken, dass sie teilweise sogar als Expertinnen und Experten wahrgenommen und auch ernst genommen werden, zum Beispiel bei der Frage, "wie gehst du mit diesen Dark Patterns, mit diesen dunklen Mustern um, die dich in Games oder in Social Media halten": dann kommen erstaunliche Antworten. Und so kann man gut zusammenarbeiten. Es ist der Ansatz: "Hilf mir, es selbst zu tun oder selbst zu denken".
WDR: Wo sehen Sie Herausforderungen durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz?
Wentzel: Ich könnte mir schon vorstellen, dass der Einsatz von KI für viele tägliche Routine ist. Und es ist praktisch. Aber das verführt so ein bisschen dazu, KI auch als Suchmaschine zu nutzen. Und Kl ist eigentlich keine Suchmaschine. Das heißt, ich habe die Befürchtung, dass man verlernt, Quellen zu hinterfragen und sich mit schnellen Ergebnissen abzugeben. Und das halte ich für problematisch.
Kinder, die das von früh auf lernen, sind klar im Vorteil. Und andere, die das immer nur nutzen und sagen: "Komm, mach mal meine Hausaufgaben", die werden gar nicht erfahren, welche Kraft auch dahinter steckt und wie bereichernd das Ganze sein kann. Weil sie es absolut unkritisch nutzen. Und das ist keine mündige Mediennutzung. Die aber brauche ich dringend. Wenn jemand alles glaubt und konsumiert, weil es so schnell verfügbar ist, das würde ich im Augenblick als größte Herausforderung sehen.
WDR: Wie kann man Kinder und Jugendliche denn stark machen, dass sie mit dieser Verführung durch die Medien besser umgehen können?
Wentzel: Handlungskompetenzen stärken - das heißt, sie von früh an fit machen, mit Medien umzugehen. Das heißt nicht, dass man schon die Allerkleinsten die ganze Zeit vor "Peppa Wutz" setzt, sondern dass man zum Beispiel lernt, wie sind Medien gemacht. Das sind dann Themen vielleicht für die Kita oder den Anfang der Grundschule.
Und dass man sich überlegt, warum sind bestimmt Angebote über Apps wie Instagram, TikTok und Snapchat kostenlos? Was wollen die vielleicht auch von mir? Dass man den Spaß, den man dabei haben kann, nicht verschweigt, aber eben auch ganz klar macht, welche Probleme damit einhergehen: Damit kann man ab der Grundschule oder ab der weiterführende Schule loslegen und dadurch stärkt man die Handlungskompetenzen der Kinder und der Jugendlichen.
WDR: Was können Eltern machen, um ihre Kinder zu unterstützen?
Wentzel: Das, was Sie eigentlich in ganz vielen Erziehungsbereichen machen können. Sie müssen selber keine Profis sein - können sie, müssen sie aber nicht. Aber sie können Interesse zeigen. Ich muss nicht alles selber installieren, aber ich kann es mir mal angucken: Wie funktioniert Snapchat? Wie fühlt es sich an, so ein Spiel zu machen? Ich glaube, so kriege ich eine gute Gesprächsgrundlage hin in der Familie.
Das heißt nicht, ich erlaube alles. Überhaupt nicht. Und das heißt auch nicht, ich bin jetzt jugendlicher als mein eigenes Kind. Auf gar keinen Fall. Aber ich habe ein Verständnis und einen tieferen Einblick. Ich glaube, das ist das Zentrale: Interesse zeigen und aufgrund der Erfahrung, die man dann macht, Regeln setzen, die man dann nach Möglichkeit auch durchhält. Sich im Alltag, immer wieder zusammen auf den Weg machen - so kann das ganz gut funktionieren.
Das Interview wurde geführt von WDR-Reporterin Catharina Coblenz.
Sendung: WDR.de, Interview mit Medientrainer Johannes Wentzel, 25.08.2026, 05:01
