Die Landarztquote wurde eingeführt, um in ländlichen Regionen langfristig eine Hausarztversorgung sicherzustellen.
Bildquelle: WDR / Detlef ProgesMünsteranerin klagt gegen Landarztvertrag : "Das war ein Schlag in die Magengrube"
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Schon 1.454 angehende Mediziner haben in NRW über die sogenannte Landarztquote einen der begehrten Studienplätze bekommen. Dafür müssen sie nach ihrem Abschluss für zehn Jahre in unterversorgten Regionen arbeiten. Jetzt klagen 17 von ihnen gegen ihre Verträge. Auch eine Münsteranerin.
Sie arbeitet schon länger als Kinderkrankenschwester. Wir nennen sie Neele B., sie möchte ihre Geschichte anonym erzählen. Durch die Ausbildung merkte die Münsteranerin, dass sie gerne Medizin studieren möchte. Der Landarztvertrag war für sie die Möglichkeit, Medizin zu studieren, obwohl sie keine 1,0 im Abitur hat.
Berufswunsch Kinderärztin
2019 unterschreibt die heute 30-Jährige einen der ersten Landarztverträge in NRW. "Dadurch, dass die Wahl zwischen drei Fachrichtungen gegeben war, Allgemeinmedizin, innere Medizin und Kinderheilkunde, dachte ich, das ist der optimale Kompromiss," erzählt Neele B., "die zehn Jahre auf dem Land habe ich dankend angenommen, wenn ich dafür halt Kinderärztin werden darf." Doch genau diese Möglichkeit habe das Land NRW nach den ersten Vertragsabschlüssen gestrichen, sagt Neele. "Das war wie ein Schlag in die Magengrube, weil alle Zukunftsvorstellungen, alles, womit ich glücklich bin, das ist weg."
Land NRW: "Gute Versorgung mit Kinderärzten"
Das NRW Gesundheitsministerium räumt auf WDR-Anfrage ein: In den ersten Landarztverträgen sei noch nicht explizit darauf hingewiesen worden, dass bereits die Wahl der Facharztausbildung am öffentlichen Bedarf auszurichten sei.
Aber - schreibt das Ministerium weiter: "Die Teilnehmenden in der Landarztquote haben sich verpflichtet, die spätere ärztliche Tätigkeit in einem Fachgebiet auszuüben, für das ein dringender öffentlicher Bedarf besteht. Für den Bereich der Kinder- und Jugendmedizin konnte kein flächendeckend dringender Bedarf festgestellt werden."
Die ersten Landarztverträge hatten Kinderheilkunde noch als mögliche Fachrichtung aufgeführt.
Bildquelle: WDR / Detlef ProgesSoll heißen: Niedergelassene Kinderärzte gibt es genug, also bleibt nur der Hausarzt als Option, weil es daran mangelt. Und gestrichen worden sei nichts. Die Regelung gelte von Anfang an unverändert.
Berufsverband der Kinderärzt*innen kritisiert Politik
Wenn Michael Achenbach solche Aussage hört, kommt er richtig in Rage: "Ich kann genug Kommunen aufzählen, die groß genug für einen Kinder- und Jugendarzt wären, wo es aber keinen gibt." Beispiel: Lennestadt. Dort gebe es seit 14 Jahren keinen Kinder- und Jugendarzt mehr. "Und das heißt, Lücken im System haben wir genug."
Der Berufsverband der Kinder*ärztinnen sieht im Gegensatz zum Gesundheitsministeriums immer noch einen deutlichen Bedarf an Kinderärzten.
Bildquelle: WDR / Detlef ProgesDer Mediziner hat seine Praxis in Plettenberg, im Sauerland. Er ist Sprecher im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen in Westfalen-Lippe. Die offiziellen Berechnungen, wann ein Bereich gut mit Ärzten versorgt sei, basierten auf völlig veralteten Voraussetzungen. Inzwischen hätten Kinderärzte viel mehr Aufgaben als früher.
"Als diese Quoten ermittelt worden sind, da gab es bei Weitem noch nicht so viele Vorsorgeuntersuchungen. Wir haben früher in der Praxis sechs Vorsorgeuntersuchungen pro Kind gemacht. Inzwischen sind das 13 Vorsorgen. Wir haben also mehr als das Doppelte zu tun am einzelnen Patienten, nur für Vorsorgeleistungen. Und so ist es mit vielen Leistungen auch gegangen."
Hoffen auf die Gerichtsentscheidung
Inzwischen hat Neele B. ihr Medizinstudium erfolgreich abgeschlossen und beginnt demnächst ihre Facharztausbildung - trotz allem in der Pädiatrie. Die 30-Jährige hofft, dass das zuständige Verwaltungsgericht in Gelsenkirchen ihr Recht gibt und dass sie auch im Rahmen ihres Landarztvertrages Kinderärztin werden darf. Wann das Gericht entscheidet, steht noch nicht fest.
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit Kinderarzt Michael Achenbach
- WDR-Gespräch mit Ärztin
- NRW Gesundheitsministerium
Sendung: WDR 2, WDR 2 für das Münsterland, 25.08.2026, 9.30 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Münsterland, 25.08.2026, 19.30 Uhr
