Kinderarzt-Mangel im Kreis Kleve: Suche nach Auswegen

WDR 03:17 Min. Verfügbar bis 21.07.2028

Kinderärzte-Mangel im Kreis Kleve "Ich habe so oft am Telefon geweint"

Stand:

Weil es zu wenige Kinderärzte gibt, droht Familien sogar Ärger mit dem Jugendamt. Zum Beispiel, weil Vorsorgeuntersuchungen fehlen. Um dem Kollaps entgegenzuwirken, schlägt die Stadt Goch einen neuen Weg ein.

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Anett Selle
Anett Selle

Patricia Rathenow denkt ungern an die vergangenen Jahre zurück. "Wir haben keinen Platz. Wir sind voll, wir sind überfüllt – das habe ich ständig gehört", erzählt die dreifache Mutter. "Ich habe so oft am Telefon geweint, ich war völlig verzweifelt."

Weil sie einfach keinen Kinderarzt fand, verpassten ihre Kinder mehrere Vorsorgeuntersuchungen. Die Konsequenz: Post vom Jugendamt. "Da war ich dann mehrfach vorstellig, habe gezeigt, ich versuche es, ich habe hier Telefonlisten, ich habe überall angerufen."

Ein Systemfehler auf dem Rücken der Kinder

Die Odyssee von Patricia Rathenow ist bitterer Alltag vieler Eltern am Niederrhein. Auch Evelyn Weiß aus Goch scheiterte jahrelang an der Suche: "Wir haben viel rumtelefoniert. Alles, was der Kreis zu bieten hat an Kinderärzten. Wir haben uns auch persönlich vorgestellt. Leider wurden wir überall abgewiesen."

Mutter steht mit Säugling auf dem Arm vor der Ärztin

Patricia Rathenow ist froh, dass Kinderärztin Gabriele Lommen ihre Kinder behandelt.

Wenn man im eigenen Kreis keine Praxis findet, bedeutet das oft endlose Fahrerei. "Die Servicenummer 116117 hat mir mal einen Arzt in Düsseldorf empfohlen", sagt Rathenow. "Krefeld war jetzt der letzte Arzt, wo wir hindurften."

Aber die U-Untersuchung habe dann nicht durchgeführt werden können. Für ihre Kinder war der Arzt ein Fremder. Sie machten nicht mit. "Da habe ich nur einen Stempel im U-Heft, dass ich’s versucht habe. Das war's."

Offiziell ist Kleve gut versorgt

Eigentlich müssen gesetzlich Versicherte überall wohnortnah medizinische Hilfe finden. Heißt: Es soll so viele Kassensitze geben, dass das möglich ist.

Zuständig dafür ist der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), ein Gremium aus Krankenkassen, Krankenhäusern, Ärztinnen und Ärzten. Er gibt vor, wie viele Kassensitze notwendig sind, um ein Gebiet zu versorgen.

Das hat der Ausschuss auch für den Kreis Kleve getan. Und gemessen an dieser offiziellen Zahl, liegt der Kreis Kleve bei 106 Prozent – offiziell also keine Unterversorgung. Wie passt das zusammen?

Der Bedarf wurde zwar mehrfach angepasst, basiert aber im Grunde immer noch auf Verhältniszahlen, die der Ausschuss in den 90er-Jahren beschlossen hat. Die Verhältniszahlen sehen noch heute vor, dass Großstädte deutlich mehr Kassensitze haben als ländliche Kreise. Und zwar pro Kopf.

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Kinderärzte im Kreis Kleve müssen deutlich mehr Kinder versorgen

Eine Studie ermittelte im Kreis Kleve einen Kinderarzt pro rund 4.000 gesetzlich versicherter Minderjähriger. Im nahen Düsseldorf fand sie einen pro 2.000.

Die ungleiche Verteilung findet sich auch in der offiziellen Bedarfsplanung des G-BA. Der gibt vor, dass es pro Kind in Düsseldorf (Typ 1) etwa 30 Prozent mehr Kassensitze für Kinderärzte zu geben hat als im Kreis Kleve (Typ 5).

Das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass ein Kinderarzt im Kreis Kleve theoretisch 30 Prozent mehr Kinder zu versorgen hat als eine Kollegin in Düsseldorf.

Kommune springt ein

In Goch gab es jahrelang überhaupt keine kindermedizinische Praxis mehr. Die zweitgrößte Stadt im Kreis Kleve fand keine Nachfolge. Weil die Not der Bürger so groß wurde, zog die Kommune die Reißleine.

Sie nahm, trotz Haushaltsdefizit in Millionenhöhe, einen Kredit auf und gründete ein eigenes Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ). Darüber hat die Stadt Hausärztinnen und -ärzte angestellt, eine Kinderärztin und seit Kurzem sogar einen zweiten Kinderarzt.

Als die Praxis im April 2026 öffnete, war der Ansturm enorm. Die Schlange reichte an diesem Tag aus der Praxis in den Flur, das Treppenhaus hinunter, und aus dem Gebäude raus auf den Parkplatz.

"Wir haben eine Art Triage gemacht"

"Wir wurden wirklich überrannt von Anfragen", sagt Kinderärztin Gabriele Lommen. "Das war so eigentlich nicht zu stemmen. Wir haben eine Art Triage gemacht, weil klar war, wir können nicht sofort alle Kinder aufnehmen.”

Eltern griffen zu extremen Mitteln. "Wir haben eine Bewerbung an Frau Dr. Lommen geschrieben", erzählt Evelyn Weiß. Patricia Rathenow stand drei Stunden lang an.

Mutter mit Säugling auf dem Arm im Gespräch mit einer Arzthilfe an der Anmeldung der Kinderarzt-Praxis

Die medizinische Fachangestellte Elizaveta Lepetuha erlebt regelmäßig die Verzweiflung der Eltern.

In der Praxis entladen sich die Existenzängste der Eltern. "Sehr viele Eltern müssen schon Ewigkeiten nach Krefeld oder nach Essen zum Kinderarzt", erzählt die medizinische Fachangestellte Elizaveta Lepetuha. “Manche weinen am Telefon. Andere kommen hier rein, sind am Weinen. Also bis heute, das zieht sich bis heute noch."

Hausärzte behandeln Kinder

Laut Gesundheitsreport der AOK von 2024 werden rund 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Kreis Kleve mangels Fachärzten von Hausarztpraxen behandelt. In Emmerich und Rees sind es sogar 50 Prozent. Ein extrem hoher Wert, der auch laut Gesundheitsreport "auf mögliche Schwierigkeiten in der Sicherstellung der fachärztlichen pädiatrischen Versorgung in diesen Regionen" hindeutet.

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"Es ist einfach furchtbar"

Wer einen der begehrten Facharztplätze ergattert, reagiert beinahe ehrfürchtig. "Es kamen Eltern mit Blumensträußen und Schokolade, nur um sich zu bedanken, dass wir sie aufgenommen haben. Dabei ist das nur unser Job", sagt Lepetuha. "Es ist einfach furchtbar."

Auch für Patricia Rathenow hat das Zittern ein Ende. Ihre Kinder wurden in Goch aufgenommen: "Ich habe gehofft, dass wir irgendwie vielleicht – bitte, bitte, nehmt uns – dass wir doch irgendwie einen Platz bekommen. Und habe Glück gehabt, eine der wenigen zu sein, die dann hier aufgenommen wurden." Für viele Familien am Niederrhein geht die Suche aber weiter.

Unsere Quellen:

  • Eindrücke der Reporterin vor Ort
  • Interviews mit Dr. Gabriele Lommen und Team
  • Interiews mit Eltern
  • Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein
  • Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses über die Bedarfsplanung
  • Gesundheitsreport 2024 AOK
  • Studie von Dr. Wolfgang Brüninghaus (Elterninitiative Kleve)

Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Duisburg, 16.07.2026, 19:30 Uhr

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