Wo früher Reisende warteten, zieht jetzt Kultur ein

WDR 02:31 Min. Verfügbar bis 10.06.2028

Alter Bahnhof Borgholzhausen Wo früher Reisende warteten, zieht jetzt Kultur ein

Stand:

Jahrelang stand das Bahnhofsgebäude in Borgholzhausen leer. Jetzt soll dort wieder Begegnung stattfinden - mit Konzerten, Lesungen und Partys. Die Betreiber der Weberei wagen den Neustart und bringen Kultur dorthin, wo sie oft fehlt: direkt an die Gleise eines kleinen Bahnhofs.

Ein Zug rauscht vorbei. Die Scheiben vibrieren kurz, dann wird es wieder ruhig. Draußen hängen dunkle Wolken über den Gleisen, drinnen klirren Gläser. Kabel werden sortiert, das Mikrofon getestet, an der Theke laufen die letzten Vorbereitungen. Noch eine Stunde bis zum ersten Konzert im alten Bahnhof von Borgholzhausen.

Seit 1886 Teil der Region

Ein Ort, an dem jahrzehntelang Menschen ankamen und weiterreisten, steht vor einer neuen Reise.
Seit der Eröffnung der Bahnstrecke zwischen Osnabrück und Bielefeld im Jahr 1886 war der Bahnhof Teil des Alltags in der Region. Pendler stiegen hier ein und aus, Ausflügler machten Halt, Reisende warteten auf ihren Anschluss.

Das alte Gebäude

Der Bahnhof Borgholzhausen ist seit 1886 in Betrieb

Doch in den vergangenen Jahren wurde es still. Nach verschiedenen Nutzungen als Gastronomie, Veranstaltungsort und zuletzt als Achtsamkeitszentrum stand das markante Gebäude lange leer. Jetzt kehrt das Leben zurück. Nicht als Bahnhof, sondern als Kulturort.

Verliebt in einen Zufallsfund

"Heute ist es spannend", sagt Steffen Böning, Geschäftsführer der Weberei und lässt den Blick durch den Saal schweifen. Wo früher Menschen auf Züge warteten, stehen heute Bühne, Lichttechnik und eine Theke. Zwölf Jahre lang war die Weberei mit ihrem Kulturprogramm in Gütersloh zuhause. Als dort eine umfangreiche Sanierung begann, musste eine neue Bleibe gefunden werden. Gefunden wurde sie eher zufällig: "Wir sind per Zufall drauf gekommen", erzählt Böning. "Es passte alles. Wir haben uns sofort verliebt."

Jana Felmet und Steffen Böning

Jana Felmet und Steffen Böning - das Herz der Weberei

Seit Anfang des Jahres hat das Team renoviert, Technik eingebaut und den Bahnhof Schritt für Schritt für Veranstaltungen vorbereitet. Dass direkt vor der Tür die Regionalbahn hält, sieht Böning als großen Vorteil.

"Die Anbindung ist sensationell. Zug, Bus, alles hält direkt vor der Tür! Und die Subkultur sucht sich gerne solche alten Gebäude. Das passt hier einfach." Steffen Böning, Geschäftsführer "Die Weberei"

Kultur auf dem Land

Trotzdem liegt an diesem Eröffnungsabend eine gewisse Anspannung in der Luft. Funktioniert die Technik? Finden die Gäste den Weg nach Borgholzhausen? Und vor allem: Hält das Wetter? Eigentlich sollte die Premiere unter freiem Himmel stattfinden. Die Bühne war bereits für draußen geplant. Doch die Gewitterfront macht den Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung. Kurzfristig wird alles nach drinnen verlegt.

Bahnhof innen beim Umräumen

Ins Bahnhofsgebäude zieht nun die Weberei aus Gütersloh ein

Im ehemaligen Wartesaal finden rund 150 Menschen Platz. Draußen werden trotzdem noch Bänke aufgestellt und Lichterketten aufgehängt. Vielleicht zieht das Gewitter ja vorbei. "Als Veranstalter kennt man das", sagt Böning. "Man muss optimistisch bleiben."

Gebäude von Außen

Optimismus gehört auch für Jana Felmet zum Neustart dazu. Die Programmleiterin möchte Kultur dorthin bringen, wo sie oft fehlt.

"Alle wünschen sich mehr Kultur im ländlichen Raum. Da gehört auch Mut dazu. Und wir machen das jetzt einfach!" Jana Felmet, Programmdirektorin "Die Weberei"

Geplant sind Konzerte, Lesungen und Partys mit Künstlerinnen und Künstlern aus der Region.

Ein neuer Treffpunkt entsteht

Als am Abend die ersten Töne der Band "Melange zu dritt" erklingen, füllt sich der Saal. Unter den Gästen sind Menschen aus Borgholzhausen, die den neuen Kulturort beim Bahnfahren entdeckt haben. Andere sind aus Bielefeld, Werther oder Gütersloh gekommen, ehemalige Stammgäste der Weberei. Das angekündigte Unwetter bleibt das Gesprächsthema des Abends. Die große Open-Air-Eröffnung fällt ins Wasser. Der Stimmung schadet das kaum.

Zwischen Bühne, Theke und den alten Bahnhofswänden entsteht etwas, das lange gefehlt hat: ein Ort der Begegnung. Ein Ort, an dem Menschen nicht mehr auf den nächsten Zug warten, sondern auf das nächste Konzert. "Natürlich ist das Wetter schade", sagt Steffen Böning am Ende des Abends. Dann lacht er. "Aber gemütlich war es trotzdem. Und bei unserer Eröffnung in Gütersloh hat es damals auch geregnet. Vielleicht ist das ja ein gutes Omen."

Die Beberrei von Innen

Der neue Kulturort kommt auch in Borgholzhausen gut an

Unsere Quellen:

  • Beobachtungen der WDR-Reporterin vor Ort
  • Weberei Gütersloh
  • Bahnhof Borgholzhausen

Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit OWL, 08.06.02026, 19:30 Uhr

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