Gefängnis gekauft: Diese WG aus Werther wohnt im Knast
Bildquelle: WDR / Luca Peters3 Min. 51 Sek.. Verfügbar bis 22.09.2028.
Schnurgerade ziehen sich die langen, gefliesten Flure durch das alte Gebäude. Auch mitten am Tag fällt kaum Tageslicht hinein. Links und rechts schwere Eisentüren, alle paar Meter eine. Die Zellennummern sind immer noch da, genau wie damals. 1. 2. 3. 4. Willkommen in der Knast-WG.
Gemeinsam einsitzen
Hinter einer dieser schweren Zellentüren wird heute gearbeitet. Es ist "Bautag", wie sie das im WG-Jargon nennen. Mit schwerem Gerät mischt Paul Dobra den Mörtel an. Gleich will er damit die Wand verputzen. Dobra, Mitte 30, gelernter Instrumentenbauer, ist einer von 16 Bewohnern der Knast-WG.
Die Flure in der Knast-WG erinnern immer noch an alte Zeiten.
Bildquelle: WDR / Luca PetersAuch über ein Jahr nach dem Einzug gleicht ihr Zuhause an vielen Stellen noch einer Baustelle. Vieles vom Umbau machen die 16 selbst. Anstrengend ist das, aber es kostet auch weniger.
"Es ist einfach ein geiles Gefühl, wenn alle gleichzeitig mit anfassen. Wie ein Bienenschwarm, der ausschwärmt". Paul Dobra, WG-Bewohner
Bis vor knapp zwei Jahren lebten an diesem Ort noch Gefangene im offenen Strafvollzug. Bis zu 51 Männer waren in der Außenstelle der Justizvollzugsanstalt Senne untergebracht, einem alten Steinbau aus dem 19. Jahrhundert, ein paar Kilometer außerhalb von Werther im Kreis Gütersloh. Vier Männer teilten sich jeweils eine Zelle. Tagsüber gingen sie arbeiten, abends kehrten sie zurück und wurden eingeschlossen.
Das Gefängnis diente früher als Außenstelle der JVA Senne.
Bildquelle: WDR / Luca PetersDie WG war zu dieser Zeit selbst auf der Suche nach einem neuen Zuhause, nachdem ihre alte Bleibe wegen Eigenbedarfs gekündigt worden war. 2024 wurde die Außenstelle zugemacht, das Gefängnis verkauft – und die WG erhielt den Zuschlag.
Leben hinter Gittern
In der Knast-WG ist alles ein bisschen größer als anderswo. Den alten Aufenthaltsraum der Gefangenen hat die WG zu einem Wohnzimmer umfunktioniert, es gibt ein eigenes Musikzimmer, die Küche ist so groß wie in einem Restaurant.
In der WG-Küche wurde einst für über 50 Häftlinge gekocht.
Bildquelle: WDR / Luca PetersKnapp 900 Quadratmeter Grundfläche hat das alte Gefängnis, dazu kommen ein paar tausend Quadratmeter Garten. Dicke Mauern, Zäune oder Maschendraht gab es hier noch nie. Im offenen Strafvollzug waren die nicht nötig.
Gelegentlich gibt das alte Gefängnis seine Geheimnisse aus der Vergangenheit preis. Hinter Heizungen und auf dem alten Dachboden haben die neuen Bewohner all das gefunden, was die JVA-Beamten bei ihrem Auszug aus dem Gefängnis übersehen haben müssen.
Die alten Zeitungen aus dem Jahr 1974 hat die WG hinter der Heizung gefunden.
Bildquelle: WDR / Luca PetersEin verstaubter Reisekoffer, eine Zigarettenschachtel, Ausgangsscheine und vergilbte Zeitungen von 1974. "Guck mal hier, was am 18. August im Fernsehen lief. Meine Liebe hinter Gittern", lacht WG-Bewohner Timo Weike.
Lebenslänglich Wohngemeinschaft
350 Euro kostet die Miete für ein Zimmer in der Knast-WG pro Monat. Damit bedienen die Bewohner den Hauskredit bei der Bank. Keinen einzigen Cent will die WG mit ihrem Wohnprojekt verdienen, darauf legen sie hier Wert.
In der Knast-WG ist alles ein bisschen größer. Auch der Klopapier-Stapel.
Bildquelle: WDR / Luca PetersWer in die Knast-WG zieht, sollte sich gut mit anderen Menschen verstehen, eine Kommune wollen sie aber ausdrücklich nicht sein. "Wir sind eine ganz normale WG. Nur, dass uns das Haus eben selbst gehört."
Für viele der neuen Knast-Bewohner ist das alte Gefängnis mehr als nur eine vorübergehende Bleibe. Es ist ihr Zuhause. Bei Timo Weike klingt das so: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich hier nochmal ausziehen werde." Die Plätze im alten Gefängnis sind begehrt. Gerade hat jede alte Zelle einen neuen Bewohner. Und falls doch einmal eine frei wird, gibt es schon eine Warteliste.
Unsere Quellen:
- Recherchen des WDR-Reporters vor Ort
Sendung: WDR.de, Die Knast WG, 22.09.2026, 18:00 Uhr