Häusliche Betreuungsdienste vor dem K.O.?

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6 Min. 30 Sek. Verfügbar bis 23.09.2028

Entwurf zur Pflegereform Häusliche Betreuungsdienste vor dem K.O.?

Stand:

Bundesgesundheitsminister Linnemann will die Pflege in Deutschland reformieren. Betreuungsdienste könnten die Verlierer sein.

Gabriele Seehusen will sich nicht nachsagen lassen, nicht alles probiert zu haben. Die CDU-Fraktion im Bundestag hat sie angeschrieben, den Grünen-Vorsitzenden Felix Banaszak und die AFD. Sogar eine Petition hat sie ins Leben gerufen. Ihr Ziel: Die Pflegereform aufhalten.

2017 hat sie in Löhne im Kreis Herford einen Betreuungsdienst für Senioren gegründet. Heute führt Seehusen 16 Mitarbeiter.

Gabriele Seehusen steht vor einem Gebäude und trägt eine Weste mit der Aufschrift „Hand in Hand“.
"Ich werde auf keinen Fall aus dem Ring gehen, ohne die Boxhandschuhe anzuziehen." Gabriele Seehusen

Sie kümmern sich um all das, wofür pflegenden Angehörigen im Alltag häufig die Zeit fehlt: Sie begleiten Pflegebedürftige zu Arztterminen, gehen mit ihnen spazieren oder kochen Mittagessen. Leistungen, die von den Pflegekassen bezahlt werden. Noch.

Kündigungen sind nicht ausgeschlossen

Deutschlandweit gab es 2023 laut Bericht des Statistischen Bundesamts knapp 15.500 Pflege- und Betreungsdienste. Tendenz stark steigend. Wenige davon sind reine Betreuungsdienste wie der von Gabriele Seehusen. Häufig werden ihre Aufgaben von Pflegediensten mitübernommen. Doch dafür könnte bald kein Geld mehr da sein.

Kommt die Pflegereform so, wie es der Entwurf zur Pflegereform vorsieht, müsse Seehusen die meisten ihrer Angestellten entlassen, glaubt sie. "Es könnte sein, dass ich weinend vor dem Schreibtisch sitze und Kündigungen schreibe. Damit könnte man keinen Betrieb mehr aufrecht erhalten."

Ein älterer Mann sitzt im Rollstuhl auf einem Gartenweg, während eine Pflegerin hinter ihm steht.

Drei Mal pro Woche kümmert sich Gabriele Seehusen um Heinrich Pottmeyer. Damit könnte es bald vorbei sein.

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Was die Pflegereform bedeuten könnte

Das sogenannte Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) könnte schon ab Januar 2027 in Kraft treten. Bislang gibt es lediglich einen Entwurf, ausgearbeitet noch unter der ehemaligen Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU). Die Bundespolitik will die Pflege grundlegend reformieren, denn die deutschen Pflegekassen stehen kurz vor der Zahlungsunfähigkeit.

Schon im Oktober dieses Jahres könnten die Kassen leer sein, hat der Spitzenverband der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen (GKV) ausgerechnet. Das PNOG sieht unter anderem vor, die Schwellenwerte zur Erreichung von Pflegegraden deutlich zu erhöhen, Pflegebudgets zusammenzulegen oder Heimplätze erst deutlich später als bisher staatlich zu bezuschussen.

699 Euro weniger - jeden Monat

Ortsbesuch in Bad Oeynhausen. In einem weißgetünchten Reihenhaus wohnt einer von Seehusens Klienten. Heinrich Pottmeyer ist 90 Jahre alt, hat Arthrose in beiden Beinen, Pflegegrad vier. Mehrmals in der Woche unterstützt Seehusen seine Tochter Susanne Friedhoff bei der Betreuung ihres Vaters. Bald könnte daraus nur noch einmal im Monat werden, warnt Seehusen.

Pflegebedürftigen Menschen wie Heinrich Pottmeyer könnten solche Leistungen durch das PNOG nämlich massiv gekürzt werden. Eine Beispielrechnung: Aktuell stehen Pottmeyer 131 Euro aus dem Entlastungsbeitrag der Pflegekasse für die ambulante Betreuung zur Verfügung. Bisher können dank dem sogenannten Umwandlungsanspruch zusätzlich bis zu 40 Prozent des Pflegesachleistungsbudgets für die Unterstützung im Alltag genutzt werden, in Pottmeyers Fall sind das 743,60 Euro.

Eine Grafik zum Pflegereformentwurf vergleicht die aktuellen Leistungen mit dem geplanten Sozialraumbudget und zeigt ein Minus von 699 Euro.

Zusammen stehen Pottmeyer somit 874,60 pro Monat zur Verfügung. Der Entwurf zur Pflegereform sieht nur noch ein sogenanntes Sozialraumbudget in Höhe von 175 Euro vor. Der Umwandlungsanspruch entfällt. Dadurch fehlen jeden Monat 699,60 Euro für die Unterstützung im Alltag..

Eine finanzielle Katastrophe für Susanne Friedhoff. Schon jetzt bringt sie die Pflege ihres Vaters an die Leistungsgrenze. Seit zehn Jahren pflegt sie ihren Vater. Drei Mal am Tag, 365 Tage im Jahr. Ohne Betreuungsdienst, glaubt sie, könne sie nicht lange durchhalten.

Ein älterer Mann sitzt in einem Sessel, während eine Frau hinter ihm steht und ihre Hände auf die Rückenlehne legt.
"Ich weiß überhaupt nicht, wie das gehen soll. Irgendwann kippe ich wahrscheinlich einfach um, weil ich nicht mehr kann." Susanne Friedhoff

Für pflegende Angehörige wie Susanne Friedhoff und Betreuungsdienste wie den von Gabriele Seehusen steht bei der Pflegereform viel auf dem Spiel. Bislang ist der Entwurf zur Pflegereform genau das. Ein Entwurf. Seehusen will dafür sorgen, dass es dabei bleibt.

Unsere Quellen:

  • Recherchen des WDR-Reporters vor Ort
  • Bericht des Statistischen Bundesamts zur Pflege aus dem Jahr 2025
  • Entwurf zur Pflegereform (PNOG)

Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit OWL, 23.09.2026, 19:30 Uhr

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