Ist das der Durchbruch für Krebsbehandlungen? Mindener Dermatologe im Interview

Bildquelle: picture-alliance / OKAPIA KG, Germany

WDR 2 Min. 32 Sek. Verfügbar bis 11.03.2028

Dermatologe aus Minden im Interview Ist schwarzer Hautkrebs bald heilbar?

Stand:

Ein neuer Impfstoff gegen schwarzen Hautkrebs hat in einer Studie wichtige Ziele erreicht. An der Entwicklung war auch die Uniklinik Minden beteiligt. Die Therapie entsteht aus Tumorzellen und soll Rückfälle nach einer Operation verhindern – ob sie schon 2027 zugelassen wird, ist aber noch offen.

Von
Logo des Westdeutschen Rundfunk
Theo Knepper

An der erfolgreichen Medikamenten-Studie zu einem Impfstoff gegen schwarzen Hautkrebs war auch ein Forscherteam an der Uniklinik Minden beteiligt. 15 Patienten wurden in der abschließenden Phase der Studie der neue Wirkstoff verabreicht. Er soll verhindern, dass der Krebs nach einer Operation der betroffenen Hautstellen zurückkommt.

Der Chef der Dermatologischen Klinik, Professor Ralf Gutzmer, spricht von der Chance auf eine vollständige Heilung von Krebs.

Kommt der Impfstoff schon bald auf den Markt?

Nächstes Jahr soll der neue Impfstoff kommen. Wie realistisch ist das?

Gutzmer: Wir haben gerade erfahren, dass die entscheidende Phase-III-Studie ihre wesentlichen Studienziele erreicht hat. Das ist ein ganz wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einer möglichen Zulassung. Trotzdem würde ich mit der Aussage "nächstes Jahr kommt der Impfstoff" noch etwas vorsichtig sein. Die vollständigen Daten werden im Oktober auf einem Fachkongress weltweit das erste Mal vorgestellt und bewertet. Ich werde als Teilnehmer dabei sein. Anschließend sind die Zulassungsbehörden am Zug. Ob eine Zulassung tatsächlich bereits 2027 erfolgt, können wir heute deshalb noch nicht sicher sagen. Aber wir sind diesem Ziel einen sehr großen Schritt nähergekommen.

Professor Ralf Gutzmer
"Die Aussichten sind aus meiner Sicht so gut wie noch nie." Professor Ralf Gutzmer

Analyse und individualisierte Krebs-Therapie

Wie wichtig ist ein solcher Impfstoff gegen Krebs? Ist das ein "Game-Changer"?

Gutzmer: Der Begriff "Game-Changer" wird in der Medizin schnell verwendet. Hier haben wir aber tatsächlich eine Entwicklung, die das Potenzial hat, die Behandlung von Hautkrebs grundlegend zu erweitern. Das Faszinierende ist die Individualisierung: Wir behandeln nicht einfach nur "das Melanom", sondern analysieren den Tumor eines einzelnen Patienten und stellen auf dieser Grundlage eine individuell zugeschnittene mRNA-Therapie her. Das Immunsystem soll dadurch lernen, genau die charakteristischen Merkmale dieses Tumors zu erkennen.

Für uns als Dermato-Onkologen könnte damit neben Operation, zielgerichteter Therapie und klassischer Immuntherapie ein weiteres wichtiges Behandlungsprinzip hinzukommen. Besonders spannend finde ich, dass wir hier nicht erst reagieren wollen, wenn wieder sichtbarer Krebs vorhanden ist, sondern nach erfolgreicher Operation verhindern wollen, dass die Erkrankung überhaupt zurückkehrt.

Warum zunächst Patienten, deren Tumor vollständig entfernt wurde? Warum bleiben Patienten mit metastasiertem Hautkrebs außen vor?

Gutzmer: Sie bleiben ausdrücklich nicht grundsätzlich außen vor. Man muss unterscheiden zwischen der Patientengruppe, für die wir jetzt die entscheidenden positiven Studiendaten haben, und den möglichen zukünftigen Einsatzgebieten dieser Technologie. Die aktuelle Phase-III-Studie untersucht Patienten mit einem Hochrisiko-Melanom, bei denen der sichtbare Tumor vollständig entfernt werden konnte. Das Problem ist: Auch wenn wir nach der Operation keinen Tumor mehr sehen können, können einzelne Tumorzellen im Körper zurückgeblieben sein. Daraus können später ein Rückfall oder Metastasen entstehen.

Tumorzellen vor Erkrankung aufspüren und beseitigen

Genau diese Situation ist für einen solchen immunologischen Ansatz besonders interessant: Wir wollen das Immunsystem befähigen, möglicherweise verbliebene Tumorzellen aufzuspüren und zu beseitigen, bevor daraus erneut eine sichtbare Erkrankung entsteht.

Für Patienten mit fortgeschrittenen und metastasierten Tumorerkrankungen werden individualisierte mRNA-Therapien ebenfalls untersucht. Es wäre deshalb falsch zu sagen, diese Patienten würden grundsätzlich außen vor bleiben. Aber für das Melanom nach vollständiger Operation haben wir derzeit die am weitesten fortgeschrittenen und überzeugendsten Daten.

Spritze in Schulter

Der Impfstoff kommt vielleicht schon im nächsten Jahr.

Bildquelle: picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Paul Sancya

Wie realistisch ist es, dass wir irgendwann wie bei Grippe oder Masern alle gegen Krebs geimpft werden?

Gutzmer: Eine solche Impfung müssen wir von einer klassischen Schutzimpfung unterscheiden. Bei Masern oder Grippe kennen wir den Gegner vorher. Wir können einem gesunden Menschen bestimmte Bestandteile eines Erregers präsentieren und sein Immunsystem auf eine spätere Infektion vorbereiten.

Keine klassisch vorbeugende Impfung

Bei der jetzt diskutierten Krebsimpfung ist das anders: Der Tumor ist bereits entstanden. Er wird analysiert und auf Basis seiner individuellen Mutationen wird anschließend für genau diesen Patienten eine Therapie hergestellt. Es handelt sich also um eine therapeutische und personalisierte Impfung, nicht um eine klassische vorbeugende Impfung für Gesunde. Ob wir irgendwann tatsächlich Impfungen entwickeln können, die gesunde Menschen generell vor bestimmten Krebsarten schützen, ist eine andere und wesentlich schwierigere Frage.

Bei virusbedingten Krebsarten gibt es das übrigens heute schon: Die HPV-Impfung kann das Risiko für mehrere durch humane Papillomviren verursachte Krebsarten erheblich reduzieren. Diese Impfung kann ich insbesondere allen jungen Menschen – und zwar Männern und Frauen – vor dem ersten Kontakt mit Papillomviren nur empfehlen. Das ist eine Krebsvorsorge, die wir Älteren leider nicht mehr haben.

"Die Vorstellung einer einzigen Spritze, die uns alle vor "Krebs" schützt, halte ich dagegen auf absehbare Zeit für unrealistisch." Professor Ralf Gutzmer

Krebs ist keine einzelne Erkrankung, sondern umfasst sehr viele biologisch unterschiedliche Erkrankungen. Was wir gerade erleben, könnte aber ein großer Schritt in eine andere Richtung sein: Krebsbehandlungen werden immer individueller und effektiver – bis hin zu einer Therapie, die speziell für den Tumor eines einzigen Menschen hergestellt wird.

Unsere Quelle:

  • Gespräch mit Professor Ralf Gutzmer

Krebsvorsorge bei Frauen und Männern - worauf Ihr achten müsst

WDR 2 Frag dich fit – mit Doc Esser und Johanna 21.08.2026 34 Min. 8 Sek. Verfügbar bis 20.08.2028 WDR 2

Sendung: WDR.de, Ist das der Durchbruch für Krebsbehandlungen? Mindener Dermatologe im Interview, 01.09.2026, 5:00 Uhr

Weitere Beiträge aus dem Kreis Minden-Lübbecke

1 / 2