Mord ohne Leiche: Tochter kämpft mit Behörden
WDR. 04:12 Min.. Verfügbar bis 27.04.2028.
Im Oktober 2023 verschwand in Hüllhorst im Kreis Minden-Lübbecke der Unternehmer Jörg D. spurlos. Der 62-Jährige wurde ermordet. Das Landgericht Bielefeld verurteilte im August 2024 einen 39-jährigen Mann aus dem Kreis Herford. Obwohl keine Leiche gab und bis heute auch nicht gibt.
Das Urteil ist mittlerweile rechtskräftig. Rhea Seel, die Tochter des Opfers stößt auf ungeahnte Probleme, wie sie im WDR-Interview verrät.
Frau Seel, wie war das Verhältnis zwischen Ihnen und ihrem Vater?
"Wir hatten ein sehr spezielles Verhältnis zueinander. Mein Papa hat ja auch ein sehr, sehr spezielles Leben geführt. Ein Papa, der auch sein eigenes Ding machte und sich ein lustiges Leben ermöglichte. Aber die Momente, die wir miteinander hatten, die waren schon meistens sehr, sehr schön und frei und lebendig."
Der Täter erhielt lebenslang, obwohl die Leiche ihres Vaters nicht gefunden wurde. Ist das Urteil richtig?
"Also die Indizien sprechen gegen ihn. Trotzdem war ich nicht dabei. Es war ja auch ganz klar, dass es sehr wahrscheinlich noch einen zweiten Täter, einen Mittäter, gibt. Danach wurde ja nie weiter ermittelt."
Sie zweifeln?
"Ich habe Tage, an denen ich denke: War er es wirklich? Mindestens einmal im Monat denke ich darüber nach, zu versuchen, einen Termin im Gefängnis mit ihm zu bekommen. Um ihn zu fragen, ob er mir nicht vielleicht doch sagen könnte, wo die Leiche meines Vaters ist."
Mittlerweile ist das Urteil rechtskräftig. Der Tod ihres Vaters sollte also bewiesen sein. Doch es gibt es Probleme. Welche?
"Ich habe noch immer keinen Erbschein. Den brauche ich, um den Nachlass zu regeln. Es geht immerhin um die Firma und das Wohnhaus meines Vaters. Ich habe Gerichte und Standesämter angeschrieben. Lange fühlte sich niemand zuständig. Jetzt scheint aber eine Lösung in Sicht zu sein."
Rhea Seel mit ihrem Vater
Was stört Sie am Umgang der Behörden mit Ihnen?
"Das Anstrengendste ist, dass man immer wieder mit dieser Realität, dem Mord, konfrontiert wird. Und man selbst hat von den Anträgen keine Ahnung. Es wird einem aber auch nicht direkt geholfen. Man wird nicht richtig beraten, das heißt man beginnt sich selbst zu beraten und das schluckt einfach super viel Zeit. Es ist emotional, weil man immer wieder in die Situation zurückkehrt."
Woher nehmen Sie die Kraft?
"Ich habe so eine starke Vision von dem, was ich gerne tun möchte und was ich gerne weitergeben möchte. Ich habe verstanden: Es musste mir genau das passieren, damit ich jetzt an dem Punkt sein kann, um das alles in die Welt zu tragen."
"Ich wünsche mir für mein weiteres persönliches Leben keine weiteren Katastrophen.“ Rhea Seel
Die Tochter möchte den Leichnam finden.
Was planen Sie für die Zukunft?
"Ich kann und möchte nicht mehr als Lehrerin arbeiten, weil ich in der Schule ständig mit Gewalt konfrontiert bin. Ich will jetzt Projekte und Seminare von Frauen für Frauen organisieren. Für mich ist mein Lebensweg klar: Das, was ich vielleicht Schlechtes erlebt habe, will ich ins Gute umwandeln und weitergeben."
Das Interview wurde geführt von WDR-Reporter Oliver Köhler.
Unsere Quellen:
- Interview mit Rhea Seel
Sendung: WDR.de, Mord ohne Leiche: Tochter kämpft mit Behörden, 28.04.2026, 06:01 Uhr
