Demonstrierende schwingen bunte Fahnen und halten Schilder mit der Aufschrift "Kein Platz für Nazis"

Nach AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt Wie sich Demonstrationen verändern

Stand:

Die Demos nach dem AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt fielen deutlich kleiner aus als bisherige Proteste. Das Engagement finde jetzt eher woanders statt, sagen Beteiligte.

Als die CDU im Bundestag Anfang 2025 eine Abstimmungen zur Migrationspolitik mit Stimmen der AfD gewann, gingen mehr als 1,5 Millionen Menschen in Deutschland auf die Straße: 80.000 in Hamburg, 40.000 in Köln, 14.000 in Essen. In Stuttgart kamen 44.000 Demonstrierende zusammen, in Leipzig 10.000, weitere Tausende in vielen anderen Städten Deutschlands. Auch in Halle in Sachsen-Anhalt protestierten 9.000 gegen eine Wahlkampfveranstaltung der AfD.

Im Vergleich dazu wirkten die Protestdemos nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt in dieser Woche eher zurückhaltend. Zwar gab es Demonstrationen unter anderem in Aachen, Köln, Essen und Bielefeld. Aber so groß wie zuletzt waren sie nicht - und das, nachdem mit der dortigen AfD eine als gesichert rechtsextrem geltende Partei möglicherweise die Landesregierung übernimmt.

Zu frustriert, um zu demonstrieren?

Sind die Menschen, die zuletzt gegen AfD und Rechtsruck auf die Straße gingen, einfach müde oder mutlos geworden? Nein, glaubt Sebastian Walter, Leiter der Abteilung für Demokratiearbeit beim DGB Bundesverband. Er koordiniert auch das Bündnis "Zusammen für Demokratie", ein Zusammenschluss von 80 großen und kleinen Verbänden, die sich für den Schutz der Demokratie einsetzen.

Nach der Wahl vergangenen Sonntag, wo die AfD in Sachsen-Anhalt fast 44 Prozent der Stimmen holte, hätten sich viele erstmal aus der "Schockstarre" wieder vorarbeiten müssen, sagt Walter. Was er aber auch wahrnehme: Mittlerweile gebe es in fast jedem Ort in Deutschland kleinere Bündnisse oder Veranstaltungen, die sich für die Demokratie stark machen. Es habe eine starke Dezentralisierung des Engagements gegeben. "Wir sind jetzt anders aufgestellt", sagte er, "die Arbeit findet vermehrt nicht auf dem großen Platz statt, sondern im täglichen Leben."

"Großdemos bringen nicht die gewünschte Veränderung"

Ein Grund dafür sei vielleicht auch, dass viele gesehen hätten: "Großdemos bringen nicht die Veränderung, die man sich wünscht." Vielmehr setze man sich jetzt zusammen, um gemeinsam zu überlegen: "Wie können wir die vorhandenen Strukturen sichern, wie machen wir weiter, wie kann man die demokratischen Initiativen in Sachsen-Anhalt unterstützen?"

"Denn zur Wahrheit gehört auch: Ein demokratisch entstandenes Wahlergebnis kann man nicht wegdemonstrieren." Sebastian Walter, DGB

Für eine solche Dezentralisierung des Engagements spricht auch die Tatsache, dass es nach der Sachsen-Anhalt-Wahl zwar keine riesengroßen Demos gab, dafür aber viele kleine. Die Tageszeitung taz hat begonnen, die Teilnehmerzahlen der bundesweiten Demonstrationen für Demokratie zu dokumentieren. Seit der Wahl in Sachsen-Anhalt hätten mindestens 41.000 Menschen gegen die rechtsextreme AfD demonstriert, schreibt die taz. In der Liste finden sich seit der Wahl 44 Demos bundesweit - meist mit Teilnehmerzahlen von einigen hundert.

"Arbeit wird kleinteiliger"

Auch Christine Brinkmann beobachtet Veränderungen in der Protestszene. Sie gehört dem Bündnis "Prüf NRW" an, das sich für die Prüfung eines AfD-Verbots stark macht. "Die Menschen sind vielfältiger unterwegs", sagt die Düsseldorferin.

"Demos sind auch wichtig, aber nicht das alleinige Mittel, um die Zivilgesellschaft zu stärken." Christine Brinkmann, Initiative "Prüf NRW"
Omas gegen Rechts

"Omas gegen Rechts"

Bildquelle: IMAGO/Jacob Schröter

Auf den Demos holten sich die Enagierten "Kraft und Ideen", um damit zuhause in ihren Orten oder Stadtteilen zu "wirken". Ein gutes Beispiel seien die "Omas gegen rechts", die zwar auch demonstrierten, aber gleichzeitig unermüdlich in Schulen unterwegs seien, um über die AfD aufzuklären. "Die Arbeit wird kleinteiliger", sagt Brinkmann - und zitiert Luisa Neubauer, eine der Hauptorganisatorinnen von Fridays for Future, wonach Aktivismus wieder abflache, wenn er nicht in Strukturen übergehe.

Brinkmann sagt aber auch, dass die relativ klein ausfallenden Proteste in NRW damit zusammenhängen könnten, dass Sachsen-Anhalt eben nicht NRW sei. Die Erkenntnis, dass eine erstarkende AfD auch hierzulande Fakt werden könnte, sei einigen vielleicht noch nicht bewusst. "Manches muss erstmal näher kommen, damit es greifbar wird." Dass in NRW im nächsten Jahr ebenfalls Landtagswahlen stattfinden, hätten viele nicht auf dem Schirm.

Deutschlandweit Demonstrationen gegen die AfD

WDR 08.09.2026 20 Sek. Verfügbar bis 10.09.2028 WDR Online

Campact: "Menschen halten Atem an"

Ein Mann vor einem blauen Hintergrund

"Machtkampf um Brandmauer": Christoph Bautz,

Bildquelle: Julia Steinigeweg/Campact

Aus der Organisation Campact schreibt Geschäftsführer Christoph Bautz auf WDR-Anfrage, es sei "verständlich, dass viele Menschen gerade den Atem anhalten": Die politische Situation in Sachsen-Anhalt sei noch vollkommen offen. In der Union und beim BSW tobe "ein Machtkampf um die Brandmauer", der darüber entscheiden werde, ob AfD-Kandidat Ulrich Siegmund tatsächlich der erste AfD-Ministerpräsident werden wird. "Wir wollen aber mit der Antwort der Zivilgesellschaft nicht warten, ob der Worst Case eintritt, sondern direkt nach der Wahl zeigen: Wir und unser Einsatz für die Demokratie sind hier, um zu bleiben."

Campact rufe daher zu bundesweiten Protesten auf. "Aktuell unterstützen wir Proteste in über 20 Städten bundesweit und erwarten Zehntausende Menschen auf den Straßen", so Bautz.

Demos am Wochenende geplant

Für Samstag sind neue Demos in NRW geplant: In Düsseldorf ruft das Bündnis "Prüf Deutschland" zu einer Demo ab 14 Uhr auf. Gemeinsam mit der Initiative "Düsseldorf stellt sich quer" und dem "Düsseldorfer Appell" wolle man sich solidarisch erklären mit den Menschen in Sachsen-Anhalt. Laut Veranstalter werden 10.000 Menschen erwartet. In Hückelhoven ruft das lokale "Bündnis gegen Rechts" ab 17:30 Uhr zur Demo auf.

In Bielefeld hat die Gruppierung "Projekt M1llion" für Samstag eine Demonstration mit 10.000 Teilnehmenden angemeldet. Sie fordert unter anderem den Rücktritt der Bundesregierung und eine Verschärfung der Asylpolitik. Hier sind Gegendemonstrationen angemeldet.

Unsere Quellen:

Sendung: WDR 5, WDR aktuell, 08.09.2026, 06:30 Uhr

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