Was wir zu Aufstands-Plänen in der JVA Siegburg wissen
WDR. 02:37 Min.. Verfügbar bis 23.07.2028.
Handys, Waffen, TikTok : Was wir zu Aufstands-Plänen in der JVA Siegburg wissen
Stand:
Mit Messern bewaffnet und über Social Media organisiert: So soll in der JVA Siegburg angeblich ein Aufstand von Häftlingen geplant worden sein. NRW-Justizminister Limbach hat seinen Urlaub abgebrochen und die JVA am Donnerstag besucht. Auch im Rechtsausschuss stand er am Mittag Rede und Antwort.
Nachdem NRW-Justizminister Benjamin Limbach (Grüne) sich am Donnerstag auch in einer Sondersitzung des Rechtsausschusses zu der Lage geäußert hat, bleiben Fragen, wie konkret die Pläne für einen Gefangenenaufstand in der JVA Siegburg waren.
Ausgangspunkt war eine E-Mail von Freitag, dem 17. Juli, in der die Schwester eines Insassen der JVA Hinweise auf mehrere eingeschmuggelte Handys gegeben habe. Darin hieß es außerdem, der Gefangene stelle in Aussicht, Namen von Mitgefangenen zu nennen, die Handys besäßen - wenn er dafür in eine andere JVA verlegt werde.
Was wir zu Aufstand-Plänen in der JVA Siegburg wissen
WDR. 00:39 Min.. Verfügbar bis 23.07.2028.
"Hass" auf die JVA
Als die Gefängnisbeamten den Häftling dazu am Montag befragten, erzählte der dann von angeblich detaillierten Plänen für einen bewaffneten Aufstand. Auf einem in der JVA befindlichen Handy gebe es eine WhatsApp-Gruppe mit 270 Mitgliedern - aktuelle und ehemalige Inhaftierte - in der der Aufstand besprochen worden sei. Demnach wollten vor allem Untersuchungsgefangene während einer Freistunde die Bediensteten überwältigen und an Schlüssel gelangen. Das Motiv sei "Hass" auf die JVA.
Angeblich Verbreitung über TikTok geplant
Die Aktion sollte sich nach Darstellung des Gefangenen auf die gesamte Anstalt ausweiten. Waffen, insbesondere Messer, seien bereits über die Mauern der JVA geworfen worden. Videos von dem Aufstand sollten demnach auf TikTok veröffentlicht werden.
Allerdings: In der dann am Dienstag großangelegten Durchsuchung der JVA mit einer Hundertschaft wurden zumindest keine Waffen gefunden. Das bestätigte Justizminister Limbach am Donnerstag noch einmal. Dafür fanden die Einsatzkräfte aber vier Handys und kleinere Mengen mutmaßlicher Drogen im Haftraum des Informanten.
Wie glaubwürdig ist die eine Quelle?
Limbach sprach am Donnerstag trotzdem von einer "echten Zäsur": Der Verdacht auf Meuterei in einer JVA sei "nicht alltäglich". Er betonte den Schutz der Bediensteten und kündigte lückenlose Aufklärung sowie konsequente Verfolgung möglicher Drahtzieher an.
"Sollte sich der Verdacht weiter erhärten, dass hier Gewalt gegen Personal organisiert werden sollte, werden wir alle Drahtzieher konsequent verfolgen." Benjamin Limbach, NRW-Justizminister (Bündnis90/Grüne)
"Echte Zäsur": NRW-Justizminister Limbach vor der JVA Siegburg
Das Ministerium weist aber selbst darauf hin, dass sich alle bisherigen Erkenntnisse ausschließlich auf die Aussagen dieses einen Häftlings stützen. Auf die Frage, wie glaubwürdig der Hinweisgeber sei, sagte Limbach dem WDR, der Mann habe bereits einmal in einer anderen Situation Hinweise gegeben, die sich als richtig erwiesen hätten.
Entscheidend sei für ihn als Minister, keinerlei Risiko für die Sicherheit der Strafvollzugsbediensteten einzugehen. "Da bin ich zu jeder Maßnahme bereit."
Im Ausschuss hatte mit Ministerialdirigentin Caroline Ströttchen allerdings eine hochrangige Mitarbeiterin von Limbach erläutert, dass der Lebenslauf des Hinweisgebers durchaus "erhebliche Zweifel" an seiner Glaubwürdigkeit erlaube: Auf dem Konto seiner Straftaten stehe bereits ein schwerer, brutaler Raubüberfall, außerdem habe es im Vollzug "Auffälligkeiten" gegeben. Und: "Er wollte verlegt werden."
Diesem Wunsch wurde nach seinen Hinweisen entsprochen: Der gesprächige Gefangene wurde bereits am Mittwoch in eine andere JVA verlegt, bestätigte das Ministerium am Donnerstag im Rechtsausschuss.
Korruptionsvorwürfe gegen Mitarbeitende
Der Informant hatte zuvor außerdem Korruptionsvorwürfe gegen zwei bislang nicht benannte Bedienstete erhoben. Sie sollen den Gefangenen gegen Bezahlung Handys und interne Informationen gegeben haben. Für acht Mobiltelefone seien demnach 2.600 Euro geflossen. Ein Brief mit 800 Euro Bargeld sei auch eingeschmuggelt worden, der sei nach einer Durchsuchung aber verschwunden.
JVA-Bediensteten bezweifeln Sinn von Taschenkontrollen
Mit Blick auf die von Limbach angekündigten Taschenkontrollen nach den jüngst bekannt gewordenen Korruptionsvorwürfen in den JVAs in Euskirchen und Rheinbach musste der Minister einräumen, dass dazu noch Abstimmungen nötig seien. Bisher hatte Limbach den Eindruck erweckt, dass in Gefängnissen NRWs ab sofort Taschenkontrollen für Ein- und Ausgehende angeordnet seien.
Außerdem räumte Limbach auch ein Problem mit unbesetzten Stellen in den Gefängnissen ein. Man sei mit "viel Kreativität" dabei, nach Personal zu suchen. Schwierig sei der hohe Qualifizierungsanspruch, der mit den Jobs im Strafvollzug verbunden sei. Seine Ministerialdirigentin sprach von durchschnittlich 142 Überstunden, die das derzeitige JVA-Personal vor sich herschiebe.
Opposition: Justizchaos und Korruptionssumpf
Harmut Ganzke von der SPD-Fraktion lobte zwar das schnelle Handeln der JVA-Bediensteten in Siegburg und bezeichnete die Reaktion auf die im Raum stehende Bedrohung als "angemessen." Gleichzeitig warf er nach der Ausschusssitzung die Frage auf, ob der Justizminister die Lage in den Justizvollzugsanstalten noch im Griff habe: "Wir erwarten, dass uns der Justizminister über den Fortgang der Ermittlungen zeitnah und regelmäßig informiert.“
Werner Pfeil von der FDP-Fraktion sieht ein strukturelles Problem: Das "Justizchaos im NRW-Strafvollzug" sei keine Häufung von Einzelfällen. Der "Korruptionssumpf in der NRW-Justiz" werde offenbar immer tiefer und immer gefährlicher. Sporadische Kontrollen allein würden das Problem nicht lösen. Das Justizministerium müsse die Sommerpause jetzt nutzen, um "die strukturellen Schwachstellen konsequent aufzuarbeiten" und anschließend wirksame Maßnahmen vorzulegen.
Unsere Quellen:
- NRW-Justizministerium
- Interview mit NRW-Justizminister Benjamin Limbach
- Sondersitzung des Rechtsausschusses im NRW-Landtag am 23.07.26
- Pressemitteilungen von SPD- und FDP-Fraktion
Sendung: WDR.de, NRW-Justizminister Limbach in JVA Siegburg, 23.07.2026, 11:42 Uhr
Sendung: WDR.de, WDR-Reporterin Maike Krebber zur Lage in der JVA Siegburg, 23.07.2026, 13:50 Uhr
Sendung: WDR.de, NRW-Justizminister Limbach-Schutz steht an oberster Stelle, 23.07.2026, 11:42 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Bonn, 23.07.2026, 19:30 Uhr