Wattenscheider Leichtathleten schlagen Alarm
Bildquelle: Andreas Artz/WDRWDR. 3 Min. 19 Sek.. Verfügbar bis 11.08.2028.
Emil Bruckhoff nimmt einige Schritte Anlauf, streckt seinen Arm nach hinten aus und donnert den Ball gegen eine Stoffwand in der Halle. Für den elfjährigen Nachwuchs-Leichtathleten des TV Wattenscheid steht heute Schlagball auf dem Trainingsplan. Das Ziel dabei: So weit wie möglich werfen.
Emil Bruckhoff beim Schlagball-Training in der Halle.
Bildquelle: WDRWährend draußen bei knapp unter 30 Grad die Sonne scheint, trainieren Emil und die anderen Kinder heute in der Halle - mal wieder. Denn: Direkt nebenan steht zwar das kürzlich erst zur Leichtathletik-Arena umgebaute Lohrheidestadion, doch dort dürfen die Kinder heute nicht hinein.
Strenge Zugangsregeln
Nur donnerstags steht das frisch renovierte Stadion für den Nachwuchs des TV Wattenscheid zur Verfügung, so schreibt es die Stadt vor. Lediglich Spitzensportlerinnen und Spitzensportler, die einem Landes- und Bundeskader angehören, dürfen täglich ab 15 Uhr im Stadion trainieren.
Wer nicht dazu zählt, muss sich entweder einer Trainingsgruppe mit Spitzensportlern anschließen. Oder man hat das Glück, auf eine Liste von Sportlern zu kommen, die dem Leistungssport zuzurechnen sind.
Doch dafür sind Emil und die anderen aus seiner Trainingsgruppe noch zu jung. Während das Stadion draußen leer ist, trainieren sie also nebenan in der Halle. "Das ist sehr blöd, weil es ist ein cooles Gefühl, im Stadion zu trainieren", sagt Emil.
Athleten-Initiative "Lohrheide statt Leerheide"
Auch viele erwachsene Athletinnen und Athleten, die nicht (mehr) zur absoluten Spitze zählen, dürfen seit der Renovierung kaum oder gar nicht mehr im Stadion trainieren. Einige haben deshalb die Initiative "Lohrheide statt Leerheide" gegründet und eine Petition gestartet, um sich gegen die strengen Zugangsregeln zu wehren.
Frisch renoviert, aber oft ungenutzt - Lohrheidestadion in Bochum
Bildquelle: picture alliance / Maximilian Koch"Vor der Renovierung war das Stadion für uns frei zugänglich. Ich habe 20 Jahre hier trainiert. Es wurde morgens gegen 9.30 Uhr auf- und abends gegen 21 Uhr abgeschlossen. Jetzt ist das absolut eingeschränkt", erzählt Armin Treichel, einer der Mitgründer der Initiative.
Der Zehnkämpfer trainiert sechsmal pro Woche, gehört aber keinem Kader an und darf daher auch nicht ins Stadion. Er versteht nicht, warum die Vereinsmitglieder die zweifellos guten Bedingungen, die es seit dem Umbau gibt, nicht so nutzen können wie vorher.
"Es macht mich traurig, dass der Nachwuchs nicht mehr dieselben Möglichkeiten hat wie ich damals, obwohl sie eigentlich da sind." Armin Treichel, Mitgründer Initiative "Lohrheide statt Leerheide"
Stadion nur für die Sport-Elite?
Für die Bedingungen im Stadion hatte es Ende Juli bei der Deutschen Leichtathletik-Meisterschaft auch noch viel Lob von Athletinnen und Athleten gegeben, etwa für die Akustik, Atmosphäre und die kurzen Wege. Der zweijährige Umbau hin zur modernsten Leichtathletik-Arena Deutschlands schien sich ausgezahlt haben.
Armin Treichel, Mitgründer der Initiative, muss selbst oft in der Halle trainieren.
Bildquelle: WDRDoch profitiert davon nur die Elite? Treichel jedenfalls macht sich große Sorgen um den Leichtathletik-Standort Wattenscheid, vor allem um den Nachwuchs.
"Damit ist der Leistungssport gefährdet. Ich kann den Leistungssport nur fördern, wenn ich den Nachwuchs dafür habe. Und die Zugangsmöglichkeiten bilden eben die Attraktivität ab, um den Nachwuchs zu fördern." Armin Treichel, Mitgründer Initiative "Lohrheide statt Leerheide"
Angst vor Kürzung von Fördergeldern
Treichels Initiative wird vom TV Wattenscheid unterstützt, offiziell dazu äußern möchte sich aber kein Vereinsvertreter. Zu groß ist die Angst vor negativen Konsequenzen durch die Stadt, schließlich erhält der Verein als Olympiastützpunkt öffentliche Fördergelder.
Nach WDR-Informationen gab es zuletzt mehrere Krisengespräche zwischen Vereinsvertretern, Athleten und der Stadt - allerdings ohne Ergebnisse. Die Stadt selbst will sich gegenüber dem WDR nur schriftlich äußern und weist etwa daraufhin, dass es aus ihrer Sicht auch vor dem Umbau keine ganztägige Nutzungserlaubnis für das Stadion gegeben habe.
Stadt: Nur für Leistungssport
"Wenn eine ganztägige Nutzung stattgefunden haben sollte, erfolgte dies ungeregelt, also ohne Zuweisung der Sportverwaltung", schreibt die Stadt. Aber warum ist das Stadion nun so begrenzt offen? Etwa um "Pflege-, Wartungs- und Unterhaltungsarbeiten sowie Greenkeeping systematisch durchführen zu können", heißt es.
"Außerdem ist der Förderzweck der Anlage einzuhalten. Die Nutzung dient grundsätzlich dem Leistungssport." Stadt Bochum
Fördergelder für den Umbau seien an den Leistungssport gekoppelt gewesen. Die Stadt verweist darauf, dass die Athletinnen und Athleten andere neu gebaute Anlagen neben dem Stadion nutzen könnten. Dazu zählen etwa eine überdachte Outdoor-Halle für Technik- und Warmmachübungen und der Nebenplatz mit Laufbahn.
Alternative: Fußball und Leichtathletik gleichzeitig?
Der Nebenplatz des Lohrheidestadions wird mit anderen Vereinen geteilt
Bildquelle: Andreas Artz/WDRAuf dem Kunstrasen des Nebenplatzes trainieren an vier von fünf Wochentagen allerdings auch die Fußballer von RW Leithe. Fußball und Leichtathletik gleichzeitig? Damit haben die Vereine schlechte Erfahrungen gemacht.
"Das funktioniert vielleicht in der Theorie, aber in der Praxis nicht", stellt Heino de Waal aus dem Vorstand von RW Leithe fest. "Es gab einige Fälle, in denen Bälle herübergeflogen sind und die Leichtathleten dadurch abbremsen müssen. Dadurch herrscht eine größere Unfallgefahr."
Training nach Mülheim verlegt
Einige Wattenscheider Athletinnen und Athleten haben sich nun selbstständig um eine Alternative gekümmert: Sie trainieren mehrmals pro Woche in Mülheim auf der Leichtathletik-Anlage Wenderfeld.
Andreas Jenk auf der Sportanlage Wenderfeld in Mülheim.
Bildquelle: WDRAndreas Jenk, der zweite Mitgründer der Initiative, hat das organisiert. "Ich wohne in Mülheim und habe mal bei der Stadt angefragt. Das war einfach möglich. Innerhalb von einer Woche hatte ich den Schlüssel in der Hand.", erzählt er.
Aktuell bereitet sich Jenk auf die Weltmeisterschaft der Masters-Athleten Ende August in Südkorea vor. Als Masters zählen Athleten ab 35 Jahren. Doch trotz seiner WM-Teilnahme zählt Jenk nicht als Leistungssportler, der im Lohrheidestadion trainieren darf.
Leichtathletik in Wattenscheid in Gefahr?
Der 35-Jährige hat das Gefühl, dass ihm das Stadion nach über 20 Jahren im Verein "ein bisschen weggenommen" werde. Und auch er macht sich Sorgen um die Leichtathletik in Wattenscheid.
"Im Worst-Case kann es passieren, dass der Leichtathletik-Standort Wattenscheid komplett stirbt. Leichtathletik lebt vom Miteinander, dass verschiedene Gruppen auf einer Anlage trainieren können." Andreas Jenk, Mitgründer Initiative "Lohrheide statt Leerheide"
Doch solange keine Lösung in Sicht ist, muss er weiter nach Mülheim ausweichen. Und Emil und die anderen Kinder aus der Nachwuchsgruppe werden bei bestem Wetter meist weiter in der Halle trainieren.
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit Armin Treichel und Andreas Jenk von der Initative "Lohrheide statt Leerheide"
- WDR-Gespräch mit Vereinsvertretern des TV Wattenscheid
- WDR-Gespräch mit Heino de Waal, Vorstandsmitglied RW Leithe
- Antwort der Stadt Bochum auf WDR-Anfrage
Sendung: WDR 2, WDR 2 für Rheinland, Ruhrgebiet und Niederrhein, 11.08.2026, 13.31 Uhr
Sendung: WDR.de, Wattenscheider Leichtathleten schlagen Alarm, 11.08.2026, 15:23 Uhr
